Stand: 05.11.2015 11:00 Uhr

NDR Buch des Monats: "Der Stift und das Papier"

Der Stift und das Papier
von Hanns-Josef Ortheil
Vorgestellt von Heide Soltau

"Der Stift und das Papier. Roman einer Passion" nennt der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil sein autobiografisches Buch. Es erzählt, wie ein achtjähriger Junge, der einige Jahre nicht gesprochen hat, unter der Anleitung von Vater und Mutter wieder zurück in die Sprache findet und dabei das Glück des Schreibens entdeckt. Hanns-Josef Ortheil, bekannt geworden durch Romane wie "Die große Liebe" und "Die Erfindung des Lebens", lehrt kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim.

Gesprochenes, das aus Rätseln besteht

Die Biografie ist der Steinbruch, aus dem alle Künstler mehr oder weniger schöpfen. Doch nur wenige legen die Quelle ihres Schaffens so freimütig offen wie Hanns-Josef Ortheil. Er hat schon vor mehr als 20 Jahren ein erstes Selbstporträt veröffentlicht. "Das Element des Elephanten. Wie mein Schreiben begann" heißt der Text, in dem er von dem Drama erzählt, in das er 1951 hineingeboren wurde. Seine Eltern hatten vor ihm vier Söhne verloren. Einer starb als fast Dreijähriger am Ende des Zweiten Weltkrieges auf dem Schoß der Mutter durch einen Granatsplitter. Der Schock und wohl auch eine Verletzung des Sprachzentrums ließen die Mutter verstummen.

So beginnt das Leben des kleinen Hanns-Josef mit einer Mutter, die nicht spricht. Er passt sich ihr an und schweigt ebenfalls. Mit der Folge, so beschreibt es Ortheil in seinem neuen Buch "Der Stift und das Papier", dass er die Menschen zwar sprechen hörte, ihn das aber verwirrte:

Die Sprache und das Gesprochene bestanden für mich aus unzähligen Rätseln, auf die ich meistens nur mit bloßen Vermutungen reagieren konnte. Buchzitat

Das Thema Schreiben lässt ihn nicht los

Die Stummheit macht ihn zum Beobachter, aber die Überfülle der Eindrücke droht ihn zu ersticken. Er verpuppt sich lieber in seine eigene Welt des Schweigens und wird zum Schulversager. Bis der Vater die Initiative ergreift und dem Sohn Schreib- und Sprachunterricht gibt.

Bild vergrößern
Hanns-Josef Ortheil ist seit 2003 Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim.

Hanns-Josef Ortheil hat oft davon erzählt, am prominentesten in seinem Roman "Die Erfindung des Lebens". Es ist sein Thema, das er immer wieder neu umkreist: "Ich kann leider keine Bücher über die Löwenjagd in Afrika schreiben oder mir Geschichten ausdenken. Das ist nicht möglich. Ich muss immer wieder von mir selbst ausgehen und bei mir selbst bleiben, weil es das Einzige ist, wo ich das Gefühl habe, dass ich etwas erforschen kann", so der Schriftsteller.

Das Glück über Erfahrungen zu Schreiben

In "Der Stift und das Papier" erforscht er so genau wie bisher in noch keinem seiner Bücher den Prozess des Schreibens. Hanns-Josef Ortheil schildert, wie der Vater, ein gelernter Vermessungstechniker, ihn erst Linien und Kreise zeichnen, dann Pflanzen und Tiere aus dem Bildwörterbuch Duden abpausen lässt.

Das Kind zeichnet etwas ab und weiß, wie man den Namen des Abgezeichneten schreibt und ausspricht. Zeichnung, Wort und Laut bilden einen festen, leicht abruf- baren Zusammenhang. Solche klaren Zusammenhänge führen dazu, dass das Kind die Worte nicht mehr verwechselt. Buchzitat

Die Aufgaben werden immer komplexer. Der Vater lässt ihn jeden Tag eine Seite gestalten, auf denen er einfache Fakten wie das Datum, Beobachtungen, Bilder und Sätze festhält, die er gehört hat. Hanns-Josef Ortheil lernt, sich über genaues Hinhören und Hinschauen auf die äußere Welt einzulassen, und erlebt, wie beglückend es sein kann, über diese Erfahrungen zu schreiben. Schreibend kann er die Sehnsucht nach der stummen Zeit bannen. Denn die bleibt weiter bestehen.

Eine Einladung, die Sinne zu schärfen

"Der Stift und das Papier" erzählt nicht die Geschichte einer 'Heilung'. Ortheil macht die Entdeckung, dass er das Schreiben braucht wie ein Ertrinkender den rettenden Anker: "Dieses Moment des Nichtschreibens ist ein derartiger Druck, dass ich sofort wieder anfangen muss zu schreiben. Es ist so, als müsste ich ununterbrochen Medikamente nehmen", erklärt Ortheil.

Die Leser können nur dankbar für diese Medikamente sein. Auch wenn sie nicht vorhaben, selbst einen Roman zu schreiben, so enthält das neue Buch von Hanns-Josef Ortheil doch die Einladung, auch die eigenen Sinne zu schärfen und die Welt genauer wahrzunehmen.

Weitere Informationen

Ortheil: Der "inneren Musik der Texte" folgen

Wie der Autor Hanns-Josef Ortheil schon als Kind zum Schreiben kam, das erzählt er in "Der Stift und das Papier". Was das für ihn bedeutet, erklärt er dem NDR Bücherjournal. mehr

Der Stift und das Papier

von
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Luchterhand Literaturverlag
Bestellnummer:
978-3-630-87478-4
Preis:
21,99 €

Dieses Thema im Programm:

Neue Bücher | 05.11.2015 | 12:40 Uhr