Stand: 23.08.2017 15:01 Uhr

Fasziniert vom Meer - die Autorin Anne von Canal

von Heide Soltau

Der NDR hat "Whiteout" zum Buch des Monats September gekürt. Es ist der zweite Roman der Autorin Anne von Canal, die 2014 mit "Der Grund" debütierte: über den Untergang der Fähre "Estonia" in der Ostsee und die Geschichte eines Barpianisten.

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Manche sollen ja noch einen Koffer in Berlin haben. Anne von Canal hat noch ein Zimmer in Hamburg.

Auch in "Whiteout" spielt Wasser eine zentrale Rolle. Sie brauche die Nähe zum Meer, erzählt Anne von Canal. Deshalb hat sie immer noch ein Zimmer in Hamburg, obwohl sie längst an der Mosel lebt, seit ein paar Jahren schon. Ihr Mann betreibt dort eine Sektkellerei. "Ich bin jetzt Winzergattin", lacht sie, "aber wahrscheinlich eine ganz schlechte, denn ich vertrage gar keinen Alkohol."

Der Urgroßvater und die See

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NDR Buch des Monats: "Whiteout"

Eine Wissenschaftlerin erinnert sich an eine Antarktisexpedition mit ihrer Jugendfreundin, die spurlos verschwand. Der Roman "Whiteout" von Anne von Canal ist das NDR Buch des Monats September. mehr

Aufgewachsen ist Anne von Canal im Siegerland. Ihr Name ist kein Pseudonym und so echt wie die dunklen Locken und das herzliche Lachen. Die Familie väterlicherseits stammte aus Hamburg und betonte das bei jeder Gelegenheit. Stolz berief man sich auf den Korvettenkapitän, ihren Urgroßvater. "Der wurde echt durchgereicht - auch als Mythos der Familie". Und die Oma s-tolperte zeit ihres Lebens über den s-pitzen S-tein, eine Exotin unter lauter Westfalen. Nach dem Krieg war sie ihrem Mann ins Siegerland gefolgt und vermisste den Hafen, sichtbar an ihrem Faible für alles Maritime. In ihrem Haus hingen Steuerräder und an der Eingangstür eine Schiffsglocke, erinnert sich Anne von Canal.

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Für ihren Roman "Whiteout" recherchierte Anne von Canal am Originalschauplatz: Sie war Gast der deutschen Forschungsstation des Alfred-Wegener-Instituts auf Spitzbergen.

Familienurlaube am Meer, oft verbunden mit einer Schiffsreise, festigen ihre Beziehung zum Wasser. So nahm sie später, während ihres Skandinavistik-Studiums, auch lieber die Fähre gen Norden als das Flugzeug. Sie liebt die Weite des Meeres und die elementare Gewalt, die von ihm ausgeht, auch wenn ihr bei Schiffsreisen die Seekrankheit zu schaffen macht. "Mir wird leider wahnsinnig schnell schlecht".

Ausflug in die Arktis

Für ihren Roman "Whiteout" hat sie im Eis recherchiert und die Naturgewalt dort noch stärker erlebt als auf See. Sie war zwar nicht in der Antarktis wie die Forschungsgruppe in ihrem Buch, konnte aber Wissenschaftler in die Arktis begleiten, wo es etwas weniger kalt und weniger trocken ist. Unmenschliche Lebensbedingungen jedoch herrschen an beiden Polen.

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1973 im nordrhein-westfälischen Siegen geboren, studierte sie unter anderem Norwegischen und Schwedischen und arbeitete als Übersetzerin dieser Sprachen.

Ohne Ausrüstung und Spezialklamotten kann dort niemand existieren. Über das Alfred-Wegner-Institut in Bremerhaven bekam Anne von Canal einen Seesack mit der entsprechenden Kleidung, darunter einem komplett wasserdichten Overall, Schuhen mit dreifach isolierter Sohle und Arbeitshandschuhen. So habe sie keine einzige Sekunde gefroren. "Man muss halt draußen eine Maske tragen, sonst verbrutzelt einem entweder die Sonne das Gesicht, oder der Wind peitscht darauf ein". Ihre Augen blitzen, wenn sie von der Reise erzählt. Man spürt, wie glücklich sie immer noch ist, dass sie bei der Expedition dabei sein durfte.

Begegnung mit sich selbst

Fasziniert habe sie die Stille dort. Keine Flugzeuge, keine Autos, kein Hupen, keine vom Menschen gemachten Geräusche, nichts, schwärmt Anne von Canal. Dazu kein Handyempfang und keine E-Mails. Kontakt zur Außenwelt nur im Notfall. Auch Tieren begegne man auch nicht unbedingt täglich. Zum Glück nicht. Bei aller Schönheit der Eisbären sei sie heilfroh, keinen gesehen zu haben. Wäre sicher ein tolles Erlebnis gewesen, räumt sie ein, aber Eisbären seien neugierige Gesellen und kämen teilweise bis in die Camps. Davor hätte sie Angst gehabt.

"Man fühlt sich sehr klein in dieser großartigen, überwältigenden Landschaft", sagt Anne von Canal, eine bodenständige Frau, die sich sonst nicht so leicht umhauen lässt. Aber in Arktis war das anders. Die Reise entwickelte eine unerwartete eigene Dynamik. "Das war mehr die Recherche". Die Stille in der Arktis habe sie "wahnsinnig bewegt" und auf eine gute Art verunsichert. "Weil ich gemerkt habe, dass ich es aushalten kann, mit mir allein zu sein." Und das heißt, in sich hineinzuhören und in Schichten zu gelangen, die man sonst nicht wahrnimmt. Die drei Wochen im Eis hätten sie verändert. "Ich bin erstarkt zurückkommen. Mein Mann hat das sofort gemerkt".

Amundsen und Scott - der autobiografische Kern

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Am 14. Dezember 1911 erreichen Roald Amundsen und sein Team den Südpol.

Das Eis war schon in ihrer Kindheit ein wichtiges Thema. Entstanden durch einen Urlaub in Norwegen, wo sie um 1983 herum mit ihren Eltern und ihrem Bruder war. Dort hätten sie im Frammuseum in Oslo das Schiff besichtigt, mit dem Roald Amundsen 1911 als erster Mensch den Südpol erreicht hat. "Ich weiß das noch wie heute", man konnte die Schiffsglocke sehen, die Klamotten der Expeditionsteilnehmer, die medizinischen Werkzeuge, darunter "eine brutale Zahnarztzange". Der Vater habe ihnen von Amundsens Reise erzählt und von dem Briten Robert Scott, der am Südpol sein Leben verlor. "Ich fand das alles sehr archaisch und abenteuerlich", lacht Anne von Canal. Von da an sei sie der "totale Fan von Polarforschern" gewesen.

Dann gab es da noch die Schallplatte mit dem Hörspiel "Wettlauf zum Südpol". Xmal hätten sie die damals abgespielt. "Ich habe die neulich wiedergefunden beim Aufräumen und war enttäuscht. Die ist gar nicht so spannend, wie ich sie in Erinnerung hatte. Man hört nur uiuiui und den Sturmwind brausen und einen geschlagenen Scott, der mit brechender Stimme stirbt". Von Amundsen sei kaum die Rede, sondern fast nur von dem Drama um Scott.

All das fließt in ihren Roman ein. So wie Anne Canal als Kind mit ihrem Bruder Amundsen und Scott gespielt hat und deren Wettlauf zum Südpol, gibt es in "Whiteout" ein Geschwisterpaar, das die Schallplatte hört und den dramatischen "Wettlauf zum Südpol" nachspielt. "Aber das ist wirklich der einzige autobiografische Punkt im ganzen Roman".

Abenteuer Recherche

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Das Meer hat es der Autorin angetan. Neben ihrem Debütroman "Der Grund" über den Untergang der "Estonia" ist "Irgendwo ins grüne Meer. Geschichten von Inseln" von ihr erschienen.

Vom Beruf ihrer Protagonistin dagegen habe sie als Skandinavistin keine Ahnung gehabt. Hanna befasst sich mit der Eiskernforschung, einem Teilgebiet der Glaziologie, wie die Wissenschaft vom Eis heißt. Das sei ja "das Tolle am Bücherschreiben", man recherchiert und erobert sich damit ganz neue Welten.

Aber nach der Reise in die Arktis und zahlreichen Gesprächen mit Experten fühlt sich Anne von Canal fit genug, um darüber zu sprechen. Sie braucht diesen Unterbau. "Eine Geschichte muss auf soliden Füßen stehen, sonst trägt sie nicht", sagt sie. "Das ist wie mit dem Eis. Wenn es nicht dick genug ist, hält es nicht".

Geschichte
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Roald Amundsen erreicht Südpol

14.12.2011 20:15 Uhr
NDR Info

Stichtag 14. Dezember 1911: Roald Amundsen erreicht als Erster den Südpol Audio (14:17 min)

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Was war das Rennen zum Südpol?

13.01.2011 18:00 Uhr
NDR Info

Als Entdecker in die Geschichte einzugehen, von diesem Ruhm träumten viele. Für Roald Amundsen wurde der Traum am 14.12.1911 wahr. Audio (03:57 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 29.08.2017 | 10:55 Uhr

Weitere Bücher der Autorin

Die Geschichte des Pianisten

Vor 20 Jahren sank das Fährschiff "Estonia", 800 Menschen starben. Im Debütroman der Autorin Anne von Canal spielt das Unglück eine Rolle. mehr

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