Stand: 06.02.2017 09:50 Uhr

NDR Buch des Monats: Niemand ist bei den Kälbern

Niemand ist bei den Kälbern
von Alina Herbing
Vorgestellt von Anja Haufe

Landleben ist toll. Besonders für Kinder, für Familien. Aber wenn die Kinder in die Pubertät kommen, kann es auch nervig sein - zu wenig Auswahl an Leuten, zu wenig Möglichkeiten zum Feiern oder überhaupt von A nach B zu kommen. Wie ist das Leben auf dem Land als junge Frau? Darum geht es im Debütroman von Alina Herbing.

Landleben fern jeder Romantik

"Verlieben, verloren, vergessen, verzeihn ..." - Dorffest auf dem Land in Mecklenburg-Vorpommern. Christins Vater stürzt besoffen aus dem Zelt, er ist Alkoholiker. Sie muss ihn nach Hause bringen. Dann geht sie zurück zur Feier.

"Die Luft im Zelt ist feucht vor lauter Bier, Atem und Schweiß. Die Klamotten kleben an meiner Haut. Auf der Tanzfläche liegen sich Danilo, Steve, Flapse und Marc in den Armen und übertönen mit ihrem Gegröle fast die Sängerin." Leseprobe

Christin lebt mit ihrem Freund Jan und dessen Vater auf dem Bauernhof. Die Tage verbringt sie mit Melken, Mähen und Männer Bekochen. Sie hasst das. Sie liebt Schminke, Frauenzeitschriften und schicke Klamotten. Aber dafür ist kein Platz auf dem Hof. Sowieso sind alle unzufrieden mit ihr, weil sie nicht hart genug arbeitet.

Autorin Alina Herbing zeichnet in ihrem Debütroman einen Gegenentwurf zum konventionellen Bild vom romantischen Landleben: "Es war jetzt nicht mein Hauptanliegen, unbedingt negative Seiten des Landlebens zu präsentieren in einem Roman - mir ging es eher darum, die Figuren zu charakterisieren. Dabei sind natürlich so ein paar schwierige Sachen zutage getreten."

Für Frauen ist es schwer, sich durchzusetzen

Man ekelt sich immer wieder beim Lesen. Vor Körpern, vor Gerüchen, vor klebrigem Kirschschnaps und vor Menschen. Männern, die Frauen herumkommandieren und schlagen, Frauen, die Männer belügen und betrügen.

"Ich finde, dass viele Themen oft ignoriert werden in anderen Büchern, die auf dem Land spielen. Also dass man zum Beispiel meistens nichts davon liest, was so patriarchale Gesellschaftsstrukturen für die Frauen da bedeuten und was für negative Auswirkungen das für die Menschen dort hat, wenn sie mit so wenig mit Kultur- und Bildungsangeboten in Berührung kommen", sagt die Autorin.

Alina Herbing ist selbst in einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen mit 30 Einwohnern. Jetzt lebt sie in Berlin: "Ich bin auch manchmal ein bisschen zerrissen, weil ich einfach die Natur sehr vermisse. In Berlin bin ich natürlich oft komplett überladen mit Menschen und versuche, einen Ort zu finden, wo ich nichts höre, und gehe raus und finde keinen Ort. (lacht) Und dann sehne ich mich natürlich auch manchmal auch auf das Land zurück."

Eine unverblümte, direkte Sprache

Auch die Hauptfigur Christin hat ihre Augenblicke, in denen sie sich wohlfühlt in der Vertrautheit. Sie ist dort aufgewachsen, kennt ihren Freund und ihre Freundinnen schon, seit sie klein ist. Trotzdem will sie irgendwie ausbrechen und weiß nicht, wie.

"Niemand ist bei den Kälbern" ist ein sehr unverblümtes Buch, bei dem man wissen will, wie es weitergeht und was Christin als nächstes macht. Denn obwohl ihre Empfindungen sehr offen beschrieben werden und man alle ihre Gedanken mitbekommt, überrascht sie einen immer wieder. Sie ist einfach ein bisschen verrückt. Die Sprache ist dabei sehr direkt und trägt dazu bei, dass das Buch trotz Frust und Konflikten unterhaltend ist.

"Es riecht sogar ein bisschen nach Plastik, als würden die Sitze des Treckers mit ihren Gummibezügen gleich schmelzen. Jan hat das mit den heißen Sitzen nie gestört, aber ich habe mal in der "Jolie" gelesen oder in der "Maxi", ich weiß nicht mehr genau, dass die Spermien in Hoden absterben, wenn sie zu warm werden. Und wenn sich Jan, seit er vier ist, auf diese Sitze gesetzt hat, ist es ein Wunder, wenn da überhaupt noch Leben zwischen seinen Beinen ist."

 

Niemand ist bei den Kälbern

von
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Arche
Bestellnummer:
978-3-7160-2762-2
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

Neue Bücher | 06.02.2017 | 12:40 Uhr

04:30 min
04:37 min

"Mysterium" von Federico Axat

10.02.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:40 min

"Ab morgen wird alles anders" von Anna Gavalda

09.02.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:15 min

"Auf die sanfte Tour" von Castle Freeman

07.02.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:18 min

Ausblick

Das Literaturjahr 2017 - das müssen Sie lesen!

Neue Romane von Martin Walser und Julian Barnes sowie die Fortsetzung der Ferrante-Saga: Das Literaturjahr 2017 wird spannend. Und: Drei US-Bestsellerautoren kommen in den Norden. mehr

Mehr Kultur

29:38 min

Tatorte der Reformation (4)

24.06.2017 14:00 Uhr
NDR Fernsehen
39:20 min

"Mein Ding!" - Im Moor mit David Helbock

23.06.2017 22:05 Uhr
NDR Info
01:41 min

Alan Gilbert wird neuer Chefdirigent

23.06.2017 14:00 Uhr
NDR//Aktuell