Stand: 06.03.2017 18:46 Uhr

Ein Denkmal der "friedlichen Revolution"

Nach langem Für und Wider soll das Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin doch gebaut und 30 Jahre nach dem Mauerfall am 9. November 2019 eröffnet werden: eine große, goldglänzende Schale, gleich neben dem rekonstruierten Berliner Stadtschloss, die begehbar ist und sich je nachdem, wo ihre Besucher gerade stehen, neigen kann. "Bürger in Bewegung" heißt der Entwurf des Stuttgarter Büros "Milla und Partner", und einer der hartnäckigsten Verfechter dieses Denkmals ist der ehemalige Bundestagspräsident und SPD-Politiker Wolfgang Thierse.

Herr Thierse, Sie gehören zu den Initiatoren dieses Freiheits- und Einheitsdenkmals in Berlin. Warum ist Ihnen dieses Denkmal so wichtig?

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"Wir sollten an das glücklichste Ereignis unserer Geschichte im 20. Jahrhundert erinnern", findet Wolfgang Thierse.

Wolfgang Thierse: Zunächst und vor allem, weil ich es für wichtig halte, dass wir auch in der Hauptstadt der Deutschen an das glücklichste Ereignis unserer Geschichte im 20. Jahrhundert erinnern: an die friedliche Revolution, die Freiheit und Einheit für alle Deutschen ermöglicht hat. In der Stadt, wo wir richtigerweise auch an die schlimmste Tat unserer Geschichte, an das Verbrechen des Holocaust, erinnern, mit einem Mahnmal, dessen Bauherr ich war. Genau in derselben Stadt sollten wir auch an dieses glückliche Ereignis erinnern.

Nun gibt es Stimmen, die sagen, das Brandenburger Tor hätte sich doch schon als Topos des Mauerfalls eingebürgert. Auch die Pflastersteinmarkierung des ehemaligen Mauerverlaufs ist ein Freiheits- und Einheitsdenkmal. Vielleicht kann man sogar sagen, ganz Berlin ist ein Freiheits- und Einheitsdenkmal. Aber fest steht: Wir haben den Feiertag, den 3. Oktober, an dem alljährlich der Deutschen Einheit und der Revolution von 1989 gedacht wird. Warum reicht das nicht?

Thierse: Wer so redet und solche Vorschläge macht - Brandenburger Tor, die Steine im Boden von Berlin, der wechselnde Feiertag, der mal in dieser und mal in jener Hauptstadt stattfindet -, der verrät nur seine Missachtung, ja Verachtung der historischen Leistung der Ostdeutschen, nämlich der friedlichen Revolution. Zum ersten Mal in unserer Geschichte ist eine Revolution gelungen, die friedlich war, die Freiheit und Demokratie für alle Deutschen ermöglichte - und dann soll dieses Ereignis, die Erinnerung an dieses Ereignis untergebuttert werden?

Das Brandenburger Tor, ein preußisches Stadttor, steht für Vieles in der deutschen Geschichte: für die Widersprüchlichkeit der preußisch-deutschen Geschichte, für die Nazi-Verbrechen, die SA, Horden marschierten da durch. Es ist auch ein Denkmal der Teilung. Das Brandenburger Tor stand einsam im Niemandsland und erinnert insofern auch an die Vereinigung.

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So soll das Einheits- und Freiheitsdenkmal in Berlin nach seiner Fertigstellung aussehen.

Aber es geht jetzt nicht um ein Einheitsdenkmal, sondern um ein Denkmal, das an 1989 erinnert, an die friedliche Revolution, deren Folge die Ermöglichung der Einheit war. Wer jetzt auf alles mögliche Andere verweist, sagt damit nur: "Was habt ihr Ostdeutschen denn eigentlich? Was macht ihr so einen Wirbel? Das ist doch schon erledigt. Das ist ein kleiner Unterpunkt im Gesamtbild der deutschen Geschichte, wofür das Brandenburger Tor steht." Wer so redet, verachtet die friedliche Revolution der Deutschen.

Da möchte ich Ihnen gerne widersprechen. Ich rede so, weil ich glaube, dass die Einheit gelebt wird und nicht noch eigens in Stein gegossen werden muss.

Thierse: Das ist ein Argument gegen Denkmäler überhaupt. Dann müssten wir darüber reden, warum auch wir Deutschen - so wie selbstverständlich alle anderen Völker ringsum - der Erinnerung, der in Denkmälern gewonnenen Erinnerung, des ständigen Anstoßes der Erinnerung, wie es Denkmäler ermöglichen, bedürfen. Nicht nur an die entsetzlichen Verbrechenszeiten unserer Geschichte, sondern auch an dieses glückliche Moment. Ich glaube, dass auch unser Volk genau diese Erinnerung vertragen und gebrauchen kann.

Kommen wir konkret zum Entwurf von Johannes Milla vom Stuttgarter Designbüro "Milla und Partner". Geplant ist diese große Wippe oder Waage auf dem Denkmalsockel für den ersten preußisch-deutschen Kaiser Wilhelm, gegenüber der Schloßfreiheit in Berlin, also gegenüber dem Humboldt Forum, das demnächst eröffnet werden soll. Warum ist das ein guter Ort für dieses Denkmal?

Thierse: Zunächst einmal: Die Bezeichnung "Wippe" war schon immer eine Denunziation derer, denen dieser Entwurf nicht gefällt. Es heißt "Bürger in Bewegung", und die Idee mag einfach erscheinen, aber ich finde, sie ist einigermaßen überzeugend: Wenn Menschen sich einigen, dann können sie etwas bewegen. Diese Idee hat einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Jahr 1989. Erst in dem Moment, wo sich hinreichend viele Bürger der DDR einigten - "wir wollen dieses Regime nicht mehr" -, konnten sie etwas erreichen. Das ist die Idee dieser "Waage", deren Verballhornung "Wippe" heißt. Es ist eben keine Wippe: Wenn sich hinreichend viele Menschen einigen, miteinander reden und auf eine Seite gehen, dann bewegt sich diese Schale drei Meter hoch oder nieder im Zeitraum von einer Minute - von wegen Wippe. Also, schon der Sprachgebrauch zeigte die Abwehr einer Handvoll Feuilletonisten gegen diesen Denkmalsentwurf, der immerhin der Sieger zweier Wettbewerbsverfahren gewesen ist.

An diesem Standort, weil es ein wirklicher Kontrapunkt ist: Da, wo einmal ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal stand, ein Denkmal für die deutsche Einigung von "oben" unter Preisgabe von Freiheit und Demokratie, soll jetzt ein Denkmal stehen, das an die Freiheit und die Einheit von unten erinnert, mit Gewinn von Demokratie für alle.

In der Mitte dieser Schale soll in goldenen Großbuchstaben stehen: "Wir sind das Volk" und "Wir sind ein Volk". Ein Spruch, der 1989 und 1990 maßgeblich war, der heutzutage gerne missbraucht wird von Pegida und AfD. Ist man nicht im Umgang mit dem Wort "Volk" auch schon einmal weiter gewesen in der Denkmalgeschichte? Ich denke an das Kunstwerk von Hans Haacke im Reichstagsgebäude, das der "Bevölkerung" gewidmet ist.

Thierse: Sollten wir aus Angst vor AfD und Pegida etwas tun oder nicht tun? Wo kämen wir da hin?

Außerdem: Was heißt "weiter"? Diese beiden Losungen des Herbstes von 1989, die Revolutionslosungen, waren ohne jede Spur von Nationalismus. Wer das im Nachhinein unterstellt, ist böswillig. Denn "Wir sind das Volk" richtete sich gegen die Herrschenden und "Wir sind ein Volk" war der Apell an die Solidargemeinschaft. Ist das erledigt? Gilt das nicht heute auch noch? Was heißt hier "weiter sein"? Diese beiden Worte schließen niemanden aus, sondern sie schließen alle ein, die sich darauf einlassen, die hier gemeinsam leben wollen.

Nun ist die Entscheidung, jetzt doch dieses Denkmal zu bauen, etwas merkwürdig entstanden: Erst gab es im April letzten Jahres vom Haushaltsausschuss Berlin einen Baustopp, weil die Kosten von zehn auf 15 Millionen Euro gestiegen sind. Jetzt gab es wieder ein "Go". Können Sie uns das erklären?

Thierse: Zunächst einmal gab es eine Entscheidung des Deutschen Bundestages von 2008, die immer noch gilt, das Denkmal an diese Stelle zu bauen. Und dann hat vollkommen überraschend der Haushaltsausschuss mit der inzwischen als verlogen erwiesenen Begründung einer Kostenexplosion dieses Projekt gekippt. Der Haushaltsausschuss hat seine eigene Begründung Lügen gestraft dadurch, dass er ein paar Monate später plötzlich viel mehr Geld, nämlich 18.5 Millionen, für die Wiedererrichtung von Kaiser-Wilhelm-Kolonnaden zur Verfügung gestellt hat - Kolonnaden, die keiner gewollt hatte, über die nie jemand gesprochen hat. Da sieht man, dass die ursprüngliche Begründung falsch war.

Deshalb haben sich jetzt die beiden Fraktionen geeinigt: Wir bauen dieses Denkmal. Es ist ordnungsgemäß das Ergebnis eines Wettbewerbsverfahrens. Die Baugenehmigung liegt vor, es ist TÜV-geprüft. Wir können das jetzt tatsächlich verwirklichen. Und wenn der Bundestag diese Entscheidung im Plenum bestätigt, könnte man in diesem Jahr die Grundsteinlegung machen, und man könnte zum 30. Jahrestag der friedlichen Revolution dieses Denkmal einweihen.

Das Interview führte Natascha Freundel.

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