Stand: 12.07.2017 17:38 Uhr

"Ich habe nicht im herkömmlichen Sinne unterrichtet"

Der Starregisseur Wim Wenders legt nach 15 Jahren seine Professur an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg nieder. Auf NDR Kultur blickt er auf seine Zeit an der Hochschule zurück.

Herr Wenders, wir haben es gar nicht so präsent gehabt, dass Sie tatsächlich seit 2002 Professor an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg gewesen sind. Können Sie versuchen, Bilanz zu ziehen - zunächst emotional?

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Nach 15 Jahren an der HFBK legt Wim Wenders seine Professur nun nieder.

Wim Wenders: Es war ja keine öffentliche Arbeit, sondern für Studenten. Insofern war das ganz gut, dass das so ein bisschen im Schatten passiert ist. Ich habe das von Anfang an richtig gern gemacht. Ich hatte ein paar tolle Studenten, die schöne Arbeit gemacht haben. Man lernt ja von den Studenten genauso viel wie die hoffentlich von einem lernen, oder untereinander. Filmemachen lernen ist ja ein komplizierter Prozess, wo man beim Machen viel mehr lernt als beim Beibringen. Aus meiner Erfahrung, aus meiner eigenen Studentenzeit weiß ich, dass Studenten am meisten voneinander lernen. Das sind die besten Professoren: die Kommilitonen. Deswegen war auch eine meiner Hauptaufgaben, das gemeinsame Machen zu instigieren - vor allem das Machen, weil von nichts anderem lernt man so viel.

Sie haben mal gesagt, Sie haben in München, wo Sie studiert haben, eine Menge gelernt, aber Sie hätten Ihre Filme wahrscheinlich auch machen können, ohne das alles zu studieren. Würden Sie sagen, das gilt generell für viele?

Wenders: Das ist Veranlagung. Es gibt Selfmademen oder -women, die machen einfach los und finden ihren Kreis und brauchen dafür keine Kunsthochschule oder keine Filmschule. Für andere ist das ein notwendiger Rahmen, Aufgaben gestellt zu bekommen, mit anderen zusammen zu arbeiten, einen Lernprozess durchzumachen und Korrekturen zu bekommen - dafür sind wir Professoren da.

Als ich mich 1967 als Student eingeschrieben habe - das war damals die erste Filmhochschule in Deutschland -, war einer derjenigen, die sich auch beworben hatten, Rainer Werner Fassbinder. Der ist aber nicht angenommen worden. Vier Jahre später habe ich meinen ersten Film gemacht - zu dem Zeitpunkt hat Fassbinder seinen zwölften gemacht. Dem hat das nur gutgetan, dass er von der Filmhochschule abgelehnt wurde.

Sie haben gesagt: So richtig etwas beibringen ist schwierig - man muss sie machen lassen. Können Sie das noch ein bisschen genauer beschreiben?

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Wenders: Das Filmemachen ist so ein merkwürdiges Ding zwischen Ideen haben, etwas machen wollen - und was einem dann bei der Umsetzung gelingt. Man hat immer 1.000 Wünsche und Ideen, und dann steht die Kamera da oder man hat sie auf der Schulter, es sind Leute vor der Kamera oder auch nicht, man macht Dokumentarfilme und zieht durch die Straßen - und dann ist das, was man machen wollte, schon manchmal etwas ganz anderes als das, was man machen kann. Als Professor kann man in diese Spanne reingehen zwischen dem, was die Studenten wollen, und dem, was sie dann gemacht haben oder machen konnten, und gucken, wie sie näher herankommen könnten an das, was sie wollten. Manche geben sich schnell zufrieden - dann kann man aber sagen: Hier könntest du noch mehr draus machen. Weniger wäre hier mehr, oder du hast zu früh aufgehört. Es gibt da viele Möglichkeiten aufzuzeigen, wie es besser oder erfolgreicher im Sinne von besser kommunizierbar ginge.

Wie ist für Sie als Professor das Spannungsfeld zwischen Technik und Empathie?

Wenders: In dem Spannungsfeld findet alles statt, was man macht. Meine Professur hieß von Anfang an "Digitales Kino". Die Studenten können seit fast 20 Jahren Sachen machen, die ein Student vor 50 Jahren sich überhaupt nicht hätte erträumen können. Man kann ja heute am Computer so viele Sachen machen, die damals undenkbar waren. Es sind unendliche Möglichkeiten - manchmal zu viele Möglichkeiten, die die Studenten heute haben.

Sie haben gesagt, dass Sie auch von den Studenten gelernt haben. Kann man formulieren, was die Ihnen beigebracht haben?

Wenders: Ich habe viel gelernt. Ich habe Leute Sachen machen sehen, die mir nicht eingefallen wären. Das ist die Generation, die mit diesen Mitteln aufgewachsen ist - ich musste mich da langsam reinfinden, aus dem analogen Zeitalter in das digitale. Viele von den jungen Leuten, die ich unterrichtet habe, sind da hineingewachsen und gehen damit ganz selbstverständlich um.

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Ich habe auch nicht im herkömmlichen Sinne unterrichtet. Ich wollte nicht unterrichten, wie man ein Drehbuch schreibt, irgendwelche Rezepte, die oft an Filmhochschulen unterrichtet werden. Wir haben Sachen gemacht, die man sonst nicht lernt. Wir haben zwei Jahre lang über den Ortssinn geforscht. Was ist das, kann man das lernen, wie manifestiert sich das? Das ist ein unglaublich wichtiger Sinn, den wir alle haben, obwohl es ein Sinn ist, der heutzutage immer mehr verkommt. Sobald wir mal einen Wohnort suchen, sind wir schon am Telefon und lassen ihn uns zeigen, statt uns zu erinnern, oder ihn mit anderen Sinnen zu finden. Ortssinn ist ein wichtiges Mittel, um Filme zu machen.

Wir haben auch zwei Jahre lang mit dem Begriff "Zeitgefühl" zugebracht. Was, wie, mit welchem Sinn für Zeit baut man einen Film zusammen? Jede Einstellung ist so eine Art Baustelle in Zeit, und der Film ist dann ein Bauwerk aus vielen Zeitelementen - und wie schafft man daraus eine einheitliche Zeit? Jeder Film erfindet seine eigene Zeit und seinen eigenen Raum. Das alle haben wir versucht, empirisch und auch aus der Filmgeschichte zu lernen, und da habe ich oft genauso viel von gehabt wie die Studenten.

Das Interview führte Katja Weise.

Regisseur Wim Wenders zu Gast in der NDR Talk Show am 20.01.2017 © NDR/Uwe Ernst Fotograf: Uwe Ernst

Das Interview in voller Länge

NDR Kultur - Journal -

Der Starregisseur Wim Wenders legt nach 15 Jahren seine Professur an der HFBK in Hamburg nieder. Auf NDR Kultur blickt er auf seine Zeit an der Hochschule zurück.

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Wim Wenders: Ein Leben voller Filme

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 12.07.2017 | 19:00 Uhr

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