Stand: 18.03.2016 14:45 Uhr

Verschollener Stalingrad-Roman veröffentlicht

"Ein Toter. Wie ein Zinnsoldat steckt der Leichnam mit dem Kopf in dem Boden. Und reckt die Beine in die Luft. Auf den Sohlen der bloßen schmutziggrauen Füße liegt eine Filigran-Decke von Schnee. 'Die Knochenstraße', sagt Hauptmann Eichert, 'wir mussten sie kennzeichnen, weil der Wind sie immer wieder verweht. Und Holz ist dafür nicht da, würde auch gleich geklaut werden.' Der Hauptmann ist ein alter Kommiß-Knochen, jetzt fröstelt ihn." Heinrich Gerlach (1908-1991) schreibt diese Zeilen 1943 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Gerlach ist damals Oberleutnant der Wehrmacht. Von Anfang an ist er im Kessel von Stalingrad dabei und erlebt tagtäglich, wie Kameraden jämmerlich zugrunde gehen, wie Hitler die 6. Armee mit Hunderttausenden Soldaten für einen Endsieg opfert, den es niemals geben wird.

Die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte eines Romans

Das tägliche Sterben an der Wolga

Rund 70 Jahre später sind die Aufzeichnungen des ehemaligen Oberleutnants in der 14. Panzerdivision nun als Roman veröffentlicht worden. "Durchbruch bei Stalingrad" heißt das mehr als 600 Seiten starke Epos, in dem Gerlach den Überlebenskampf der Wehrmachtsoldaten beschreibt - sowohl der Offiziere als auch der einfachen Mannschaftsdienstgrade, wie sie sich Tag für Tag im Kessel quälen, wie sie davon träumen, vielleicht doch nochmal auf Urlaub zu fahren und wie dann alles in der Katastrophe endet. Von den 100.000 Soldaten, die nach dem Sieg der Roten Armee kapitulieren, stirbt ein Großteil in Gefangenschaft und an den Entbehrungen. Hunderttausende sind schon zuvor bei den Kämpfen in der Wolgastadt gefallen.

Vom sowjetischen Militärgeheimdienst konfisziert

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Der Literaturwissenschaftler Carsten Gansel hat das Manuskript in Moskau aufgespürt.

Gerlachs Roman ist ein Buch mit einer der ungewöhnlichsten Entstehungsgeschichten. Daran, dass es so spät überhaupt noch veröffentlicht wurde, hat der aus Neubrandenburg stammende und in Gießen lehrende Literaturwissenschaftler Carsten Gansel großen Anteil. Denn das Manuskript war fast 70 Jahre lang verschollen. Gerlach rettete seinen Roman durch mehrere sowjetische Kriegsgefangenenlager. 1949 aber wurde das Manuskript vom sowjetischen Geheimdienst beschlagnahmt und blieb jahrzehntelang unter Verschluss - weil darin "der Krieg nicht vom Standpunkt der fortschrittlichen antifaschistischen Literatur betrachtet" werde, wie es zur Begründung hieß.

Entscheidender Tipp von Bismarck-Enkel

Anfang der 1990er-Jahre begann Gansel nach einem Tipp des Bismarck-Enkels Graf von Einsiedel seine Suche nach dem Originalmanuskript. Immer wieder flog der Neubrandenburger mit seinem Mitarbeiter nach Moskau, bis er endlich vor zwei Jahren die rund 500 Seiten in den Händen hielt. "Bis zum Schluss hatten wir die Furcht, dass das Manuskript nicht dabei ist, aber dann lag es plötzlich vor uns - in einem ausgezeichneten Zustand übrigens. Das war schon ein erhebender Moment", sagt Gansel.

"Kein Leben ohne Stalingrad"

So erhebend der Fund für Gansel, so prägend sind die Kriegserlebnisse für Gerlach. 1939 wird er zur Wehrmacht eingezogen, dient in Frankreich und Jugoslawien, ehe der Deutsch- und Lateinlehrer schließlich im Sommer 1941 an die Ostfront kommt. Die Schlacht von Stalingrad lässt ihn nicht mehr los. "Wer das grausige Geschehen auf den Schneefeldern an der Wolga überdauern sollte, für den wird es kein Leben mehr geben ohne Stalingrad", schreibt er. "Ein Motiv, warum er diesen Roman geschrieben hat, ist sicherlich, dass Gerlach künden will von dem, was gewesen ist. Warum habe ich sonst überlebt?", sagt Gansel.

Lesung und TV-Tipp

Carsten Gansel stellt Heinrich Gerlachs Roman "Durchbruch bei Stalingrad" und seine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte am 5. April ab 19 Uhr im Neubrandenburger Literaturhaus vor. Das Buch ist gerade bei Galiani in Berlin erschienenund kostet 34 Euro. Mehr dazu auch am Sonntagabend ab 19.30 Uhr in der Zeitreise des NDR Nordmagazins.

Eine fatale Einschätzung des Genossen Ulbricht

Gerlach beginnt gleich nach der Katastrophe über sie zu schreiben und dem massenhaften Sterben einen Sinn abzuringen. In einem Sonderlager gehört Gerlach zum Mitgründer des Bundes Deutscher Offiziere, dessen Mitglieder die Wehrmacht zur Kapitulation aufrufen. In dem Lager begegnet Gerlach auch deutschen Exil-Kommunisten - unter anderem auch dem späteren DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht. Eine Bewertung Ulbrichts für die Russen besiegelt laut Gansels Recherchen auch das Schicksal Gerlachs und seines Manuskripts: Gerlach sei ein typischer Hitler-Offizier, der trickse und ein falsches Spiel spiele, so Ulbrichts Einschätzung. Daraufhin wird das Manuskript konfisziert und Gerlach muss bis 1950 in Gefangenschaft bleiben.

Hypnose in München

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Aus den Hypnose-Sitzungen ging schließlich ein anderer Roman hervor.

Nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft nimmt Gerlach eine Lehrertätigkeit im niedersächsischen Brake auf. Und er versucht seinen konfiszierten Roman zu rekonstruieren. Doch immer wieder schiebt sich ein Nebel vor seine Erinnerungen. Schließlich bedient er sich eines ungewöhnlichen Hilfsmittels: der Hypnose. Ein in der deutschen Literaturgeschichte ziemlich einzigartiger Vorgang, sagt Gansel. Die Illustrierte "Quick" finanziert das 10.000 DM teure Projekt und hofft auf einen Scoop. Die 14 Sitzungen bei dem Münchner Psychologen Karl Schmitz sind zwar recht ergiebig, 100 Romanseiten erschließt Gerlach aus den Treffen mit Schmidt, allerdings fehlt Schmidts Aufzeichnungen die unmittelbare Prägnanz der Originale. "Ich glaube, dass durch die Hypnose ein erster Schub gegeben wurde, um die Schreibhemmung zu beseitigen", so Gansel.

Ein Bestseller im Westen

Doch bis zur Fertigstellung 1956 vergehen noch fünf Jahre. "Die verratene Armee", so der Titel des rekonstruierten Romans, verkauft sich in der frühen Bundesrepublik prächtig, in der DDR erscheint der Roman jedoch nicht. Doch Gerlach muss noch einen mühsamen Rechtsstreit mit dem Psychologen über sich ergehen lassen, weil der an den Tantiemen beteiligt werden will. Er habe darüber auch eine schriftliche Bestätigung von Gerlach, der sich daran nicht mehr erinnern kann und schließlich auf einen Vergleich einwilligt. Einen Vergleich hat schließlich auch Gansel angestellt - zwischen den beiden Fassungen von Gerlachs Romanen. Das Originalmanuskript sei deutlich authentischer, sagt Gansel.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 18.03.2016 | 19:15 Uhr