Stand: 06.12.2015 11:16 Uhr

"Schiff der Träume" legt am Schauspielhaus an

von Katja Weise

Seit drei Monaten schon finden Nacht für Nacht Flüchtlinge Zuflucht im Hamburger Schauspielhaus, Familien auf der Durchreise, fast immer nach Skandinavien. Der Hauptbahnhof liegt direkt gegenüber. Und auch auf der Bühne spielen die Themen Flucht, Vertreibung und die Frage, wie ein Europa der Zukunft aussehen könnte, in dieser Saison eine wichtige Rolle. So hat Intendantin Karin Beier Federico Fellinis Film "Schiff der Träume" aus dem Jahr 1983 für die Bühne adaptiert. Am Samstagabend war Premiere.

Spiel mit Klischees auf dem "Schiff der Träume"

Illustre Gesellschaft auf Schiffsreise

Es ist eine merkwürdige und offensichtlich illustre Gesellschaft, die sich an Bord der "CS Europa" versammelt hat: ein Orchester, das seinen jüngst verstorbenen Dirigenten zu Grabe trägt. Die Asche soll in der Ägäis verstreut und dazu das Werk "Human Rights" des Verblichenen aufgeführt werden. So dessen letzter Wille.

Doch die Zeremonie wird gestört: "Heute Nacht um 2.20 Uhr hat das Radar der 'CS Europa Culture Cruising' ein in Seenot geratenes Boot erfasst. Das Boot war vom Kurs abgekommen und dem zur Zeit sehr heftigen Seegang nicht gewachsen. Wir haben gestern Nacht 63 entkräftete und dem Verdursten nahe Menschen an Bord genommen. Sie befinden sich auf dem Unterdeck."

Flüchtlinge kommen, um Europa zu helfen

In Fellinis Film, dem Karin Beier nur in den Grundzügen folgt, geht es um serbische Flüchtlinge, die 1914 vor dem Ersten Weltkrieg fliehen. Im Schauspielhaus sind es afrikanische Schiffbrüchige, die sich fest vorgenommen haben, dem Kontinent Europa bei der Lösung seiner Probleme zu helfen: "Ihr seid so müde und so traurig, ihr habt so viele Probleme, da haben wir uns auf den Weg gemacht, um euch zu helfen." Sie wollen beispielsweise die Alterspyramide wieder auf breite Füße stellen und bis dahin die Alten pflegen.

Spieß umdrehen, Spiegel vorhalten

Den Spieß einfach umdrehen, der europäischen Gesellschaft den Spiegel vorhalten, das ist noch nicht originell, aber Karin Beier und ihre hier unbedingt zu erwähnenden Dramaturgen Stefanie Carp und Christian Tschirner setzen immer noch einen drauf. Sie spielen hingebungsvoll und ohne Scheuklappen mit so ziemlich jedem Klischee und deklinieren die Themen Flüchtlinge, Festung Europa und Tod rotzfrech durch - ohne dabei einen missionarischen Anspruch zu erheben.

Insofern bietet dieser Abend viel Stoff zum Nachdenken und ist gleichzeitig sehr unterhaltsam. Es ist hinreißend komisch, wie die dekadente Schiffsgesellschaft ihre Befindlichkeiten und Animositäten pflegt, während sie sich auf die Bestattung vorbereitet oder wie die "Flüchtlinge", die hier alle von Tänzern verkörpert werden, mit Vorurteilen spielen. Da gibt es sogar ein Quiz à la "Wer wird Millionär": "Wie viele sichere Herkunftsländer gibt es in Afrika? A, B, C ..."

Gelungene Gesamtkomposition

Beiers "Schiff der Träume" mag mit gut drei Stunden ein bisschen zu lange unterwegs sein, manche Passage hätte schneller genommen werden können. Das zweifach durchgeführte Quiz hätte vielleicht auch in einfacher Variante gereicht. Insgesamt aber gelingt ihr ein staunenswerter Abend, der getragen wird von einem hervorragenden Ensemble und der Musik von Jörg Gollasch, die das Schiff mal sanft bettet, mal durch schwere Wasser geleitet und zur gelungenen Gesamtkomposition ganz entscheidend beiträgt. Das Premierenpublikum jedenfalls war restlos begeistert.

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"Schiff der Träume" legt am Schauspielhaus an

Flüchtlinge, die dem dekadenten Europa helfen wollen: In Karin Beiers Stück "Schiff der Träume" am Hamburger Schauspielhaus wird der Spieß umgedreht und munter mit Klischees gespielt.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ort:
Deutsches SchauSpielHaus
Kirchenallee 39
20099  Hamburg
Preis:
Zwischen 10 und 69 Euro
Öffnungszeiten:
Kartentelefon: Montag bis Sonnabend, 10 - 19 Uhr

An Sonn- und Feiertagen ist das Kartenbüro drei Stunden vor Vorstellungsbeginn bis zum Beginn der Abendkasse (eine Stunde vor Vorstellungsbeginn) geöffnet. An vorstellungsfreien Sonn- und Feiertagen bleibt das Kartenbüro geschlossen.
Kartenverkauf:
Kartenservice

Telefon: (040) 24 87 13
E-Mail: kartenservice@schauspielhaus.de
Hinweis:
Die Abendkasse im Deutschen SchauSpielHaus ist jeweils ab einer Stunde vor der Vorstellung bis zum Vorstellungsbeginn geöffnet. Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass hier ausschließlich Karten für die jeweiligen Abendvorstellungen erhältlich sind. An der Kasse des Buchladens ist es jedoch möglich, Karten auch für andere Termine zu erhalten.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 06.12.2015 | 14:20 Uhr