Stand: 06.10.2017 15:52 Uhr

Gesichtserkennung: "Tendenz zur Totalüberwachung"

Der Großversuch zur Gesichtserkennung am Berliner Bahnhof Südkreuz sorgt für heftige Diskussionen: Erhöht es unser aller Sicherheit, wenn Videokameras die Gesichter der Passanten erfassen und mit Verbrecherkarteien abgleichen? Oder verletzt es unsere Privatsphäre und führt es geradewegs in den Überwachungsstaat? Ein Gespräch mit dem Sicherheitsexperten Peter Schaar.

Herr Schaar, die Gesichtserkennung, wie sie am Südkreuz ausprobiert wird, soll beispielsweise Gefährder identifizieren. Dagegen ist doch eigentlich nichts einzuwenden, oder?

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Peter Schaar war von 2003 bis 2013 Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit.

Peter Schaar: Die erste Frage ist: Was ist ein Gefährder, wer legt das überhaupt fest? Es sind ja nicht verurteilte Straftäter, sondern irgendwelche Personen, die von irgendjemandem - von den Sicherheitsbehörden oder von Geheimdiensten - für gefährlich gehalten werden. Zweite Frage ist: Wie erkenne ich einen Gefährder? Eigentlich doch nur dadurch, dass ich alle Personen, die sich dort aufhalten, videografiere und sie diese Gesichtserkennung durchlaufen lasse. Das Problem dabei ist immer wieder - wie bei anderen Maßnahmen auch -, dass solche neuen Überwachungstechnologien mit der Begründung des Kampfs gegen den Terrorismus und anderen Formen der schwerwiegenden Kriminalität eingeführt werden. Und immer wieder erleben wir auch, dass wenn die Zeiten günstig sind, man den Kreis der Personen, die man identifiziert, vergrößert. Und da sehe ich eine Tendenz zur Totalüberwachung.

Aber es heißt doch oft, auch von den Freiwilligen, die beispielsweise an diesem Test am Berliner Bahnhof teilnehmen: "Ich habe nichts zu verheimlichen."

Kommentar
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Gesichtserkennung garantiert keine Sicherheit

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Schaar: Der Test ist das Eine - das ist ja nur ein Funktionstest. Das Problem ist eher, wenn diese Technologie funktioniert, dann werden nach und nach sämtliche Kameras - und das werden auch immer mehr - mit automatisierter Gesichtserkennung ausgestattet. Und dann kann man letztlich technisch nachvollziehen: Wer hat sich mit wem, wann, wo aufgehalten, was für einen Gesichtsausdruck hat er dabei gemacht, war er unter Stress, wie war er gekleidet usw.? All diese Informationen werden automatisiert ausgewertet, gespeichert und zusammengeführt mit anderen Informationen, die aus anderen Bereichen stammen, z.B. aus unseren Smartphones oder unseren Internetnutzungsverhalten. Das sehe ich als nicht akzeptabel an, dass hier solche umfassenden Profile entstehen.

Apple hat gerade ein Smartphone vorgestellt, was über so eine Gesichtserkennung verfügt. Ist das so eine Art Dammbruch, dass wir alle ein Apparat zur Gesichtserkennung mit uns tragen und es damit ganz normal wird?

Schaar: Das neue Apple iPhone verfügt über diese Gesichtserkennung als Identifikationsmechanismus. Apple versichert, dass diese Informationen rein lokal gehalten werden. Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln, aber die Technologie ist in der Welt und die Gesichtserkennung ist nun mal geeignet, Informationen aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammenzuführen. Man hat nur ein Gesicht - das ist kein Pseudonym, keine Internetkennung, von denen wir eine ganze Reihe haben. Insofern ist diese Möglichkeit, diese Daten zusammenzuführen, besonders groß.

Ihr Buch "Trügerische Sicherheit" beschäftigt sich damit, "wie die Terrorangst uns in den Ausnahmezustand treibt". Verkehren Sie da nicht ein bisschen die Realitäten? Ist es wirklich die Terrorangst - oder ist es nicht der Terror, der uns in den Ausnahmezustand treibt?

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"Trügerische Sicherheit. Wie die Terrorangst uns in den Ausnahmezustand treibt" ist bei der Edition Körber erschienen und kostet 17,00 Euro.

Schaar: Das eine gibt es ja nicht ohne das andere. Terrorismus basiert ja darauf, uns Angst zu machen. Die tatsächlichen Schäden, die durch terroristische Anschläge angerichtet werden, sind für die Betroffenen extrem hart, bis hin zum Verlust des eigenen Lebens. Aber die Schäden für den Staat, für die gesamte Gesellschaft sind sehr viel geringer als bei jeglicher kriegerischer Auseinandersetzung oder als bei Alltagsrisiken, mit denen wir uns täglich auseinandersetzen. Die Terrorangst bewirkt nun, dass wir bereit sind, sehr viel mehr zu akzeptieren an Überwachung und an Eingriffen in sonstige Grundrechte, als wir das in normalen Zeiten würden. Mit jedem Terroranschlag erfolgt ein neuer Anlauf zu mehr Überwachung, dann kommt der nächste Terroranschlag und es wird wieder draufgesattelt - mehr hilft mehr, ist die Devise. Tatsächlich stimmt das aber überhaupt nicht, weil an die Ursachenhäufigkeit nicht herangegangen wird.

Aber das Sicherheitsgefühl kann doch eigentlich gar nicht groß genug sein, oder?

Schaar: Das Unsicherheitsgefühl ist eher das Problem. Über 70 Prozent der Menschen in Deutschland sind nach neuesten Umfragen der Meinung, sie könnten demnächst Opfer eines Terroranschlags werden. Das führt dazu, dass dort Maßnahmen möglich werden, die unter normalen Umständen keine Chance gehabt hätten und die letztlich überhaupt nicht mehr zu sehr viel mehr Sicherheit führen, jedenfalls diese vollständige Sicherheit auch nicht gewährleisten können.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 06.10.2017 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/Peter-Schaar-ueber-Gesichtserkennung,journal1024.html

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