Stand: 04.06.2015 12:19 Uhr

Neumeier: "Die Tänzer wissen, dass ich da bin"

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Virtuosität und Perfektion immer im Blick: John Neumeier begeistert mit seinen Choreografien jedes Mal aufs Neue.

Am 28. Juni beginnen die Hamburger Balletttage. Den Auftakt macht eine Neufassung von "Peer Gynt", mit der John Neumeier das Hamburger Publikum begeistern möchte. NDR 90,3 durfte bei den Proben dabei sein und ein ausführliches Gespräch mit dem Ballettdirektor führen.

Das Ballett "Peer Gynt" wurde 1989 in Hamburg uraufgeführt und 2002 wieder aufgenommen. Warum wagen Sie sich wieder daran?

John Neumeier: Diese Musik von Schnittke ist sehr wertvoll, eine der wesentlichsten, interessantesten und besten Ballettpartituren des 20. Jahrhunderts. Ich denke, dass ich jetzt ein besserer Choreograf bin, als ich 1989 war, und würde das einfach nicht so lassen. Vor allem ist es ganz toll, eine zweite Chance zu haben und mit der Erfahrung von damals und meiner angesammelten Erfahrung noch einmal daranzugehen und zu sagen das ist jetzt die gültige Fassung, das ist ein neues Ballett.

Ist "Peer Gynt" 2015 ein anderer als 1989?

Neumeier: Ich glaube nicht. Ich glaube, es ist nicht das Was, sondern das Wie. Ich glaube, was man sagen will, bleibt vielleicht das Gleiche, aber die Art, wie man es sagt, ist vielleicht treffender, klarer und eindeutiger.

Am 28. Juni ist die Premiere. Beginnt jetzt schon die Phase, in der Sie morgens mit "Peer Gynt" aufwachen und abends mit "Peer Gynt" einschlafen?

Neumeier: Die ist schon länger da. Es ist ein bisschen problematisch, weil wir ein Repertoire-Ballett sind, das heißt, wir machen auch andere Stücke. Wir haben nicht eine konzentrierte Probezeit nur für ein Stück. Wir müssen an ganz viele verschiedene Dinge denken, so waren wir zum Beispiel neulich in Salzburg und haben dort "Sommernachtstraum" wieder aufgenommen. Aber trotzdem ist für mich in diesem Moment diese Kreation das Wichtigste.

"Lerne, nicht zu viel von einer Premiere zu erwarten. Vor allem nicht von Kritikern", schreiben Sie in Ihrem Buch "In Bewegung". Wie ist das zu verstehen?

Neumeier: Das mit den Kritikern ist völlig klar, ich meine, was sollen sie machen? Es ist interessant, was ich in diesen Vorbereitungen auf die Premiere mit großem Abstand über "Peer Gynt" gelesen habe. Es ist absurd, was geschrieben worden ist. Erst mal glaubt man nicht, dass die alle das gleiche Stück gesehen haben. Weil es manchmal absolut konträre Beobachtungen sind. Ich verstehe viel mehr von Ballett als jeder Kritiker, aber ich könnte nicht beim einmaligen Sehen ein Urteil über ein Ballett geben. Das ist völlig ausgeschlossen. Die geben eine Meinung ab, als ob sie endgültig ist. Die sagen nicht: "Ich hatte das Gefühl, dass …", sondern "Das war so und so" und "Er hat das gemacht, weil ...“ Wie sollen die wissen, warum ich das und das gemacht habe?

"Peer Gynt" dauert ungefähr drei Stunden - für die Tänzer und den Choreografen eine Herausforderung. Für die Zuschauer auch?

Neumeier: Wahrscheinlich. Aber ich sehe Ballett nicht als reine Unterhaltung. Ich glaube nicht, dass man kommt und sagt, das war so lustig. Sondern ich gehe ins Theater, weil ich etwas über mich erfahren will, weil ich Menschen auf der Bühne sehe, die Dinge erleben und auf Dinge reagieren, die mir in irgendeiner Weise bekannt sind.

Es reicht also nicht, wenn ich einfach unvorbereitet als Zuschauer ins Ballett gehe und nur schaue?

Neumeier: Doch, das reicht. Sie gehen nicht ins Ballett, um irgendetwas zu verstehen mit ihrem rationalen Kopf. Sondern Sie gehen ins Ballett, um durch Bilder angeregt zu sein und sich an etwas im eigenen emotionalen Leben zu erinnern. Und dazu braucht man nicht zu verstehen. So wie Sie irgendetwas träumen und an die letzte Nacht denken: Sie hatten einen komischen Traum und haben ihn nicht verstanden, aber es hat Sie bewegt. Es hat Sie irgendwie emotional gerührt. Ich denke, es gibt verschiedene Arten, Theater zu erleben und es gibt auch Wege, dass man es gleichzeitig unterschiedlich sieht. Dass ich rational und intellektuell neugierig gemacht werde und gleichzeitig emotional getroffen bin, das ist wahrscheinlich das Beste.

Alina Cojocaru und Carsten Jung bei den Proben zum Neumeier-Ballett "Peer Gynt" © Holger Badekow Fotograf: Holger Badekow

Ein Besuch bei John Neumeier

NDR 90,3 - Abendjournal -

John Neumeier eröffnet Ende Juni mit "Peer Gynt" die Hamburger Balletttage. NDR 90,3 hat den Ballettchef getroffen und ihm bei den Proben über die Schulter geschaut.

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Haben Sie eigentlich ein Ritual vor der Premiere?

Neumeier: Ich trinke auf jeden Fall vor Beginn ein Glas Champagner, um meine Nerven etwas zu beruhigen. Ich versuche an diesem Tag möglichst ruhig zu sein. Ich bin nicht jemand, der am Tag einer Premiere zu einem Derby gehen kann. Am liebsten rede ich mit niemandem und habe das Gefühl, dass die Konzentration für diese Premiere, für diese Vorstellung, auch in mir ist. Ich darf nichts machen, was das sozusagen gefährdet.

Klingt so ein bisschen wie ein Medium.

Neumeier: So habe ich das nie gedacht. Ja, es hat eine gewisse Mystik. Es hat, glaube ich, etwas Menschliches. Ich glaube, dass die Tänzer wissen, dass ich da bin und dass ich die ganze Premiere sozusagen durchlebe. Ich sitze da nicht so unbeteiligt und distanziert, sondern bin immer noch im Stück. Natürlich sitze ich auch mit einem gewissen kritischen Auge da. Denn wenn ein Publikum da ist, passiert das, was eigentlich das Wesentliche an einem Ballett ist: Es wird kommuniziert. In diesem Moment, der Kommunikation zwischen einem Publikum und einem Ballett, hat es sein wirkliches Leben begonnen.

Spüren Sie bei der Premiere, wie das Publikum fühlt oder ob das, was Sie sich vorgestellt haben, geklappt hat?

Neumeier: Ja, das glaube ich und deswegen sitze ich immer im Publikum, in der ersten Reihe auf dem äußersten Platz. Ich bin nicht jemand, der sich distanziert. Ich glaube schon, dass man spürt, wie eine Atmosphäre ist. Ob sie still sind, ob sie die ganze Zeit husten oder ob eine Unruhe da ist.

Worauf freuen Sie sich bei diesen Balletttagen am meisten?

Neumeier: Ich freue mich auf die Gesamtheit der Balletttage. Die waren immer so als eine Art Festival gedacht, wo man die wichtigsten Arbeiten einer Spielzeit innerhalb von zwei Wochen zeigt. In diesem Jahr haben wir Diana Vishneva mit zwei Partnern des Stanislavsky Ballett in "Tatjana" und werden Alina Cojocaru in "Peer Gynt“  und in "Giselle“ sehen. Wir werden eventuell neue Besetzungen von verschiedenen Balletten sehen, die man vielleicht während der Spielzeit verpasst hat. Auf der "Nijinsky Gala" werden alle Solisten, alle Corps de Ballets, überhaupt alle Menschen des Hamburg Ballett plus internationale Gäste da sein.

Und das Houston Ballet ist da ...

Neumeier: Genau, das ist natürlich auch ein großes Highlight. Das Houston Ballet war noch nie in Deutschland und ich weiß nicht, ob sie überhaupt in Europa waren. Aber ich habe zu Anfang dieser Spielzeit mit dem Houston Ballet gearbeitet. Und ich war sehr beeindruckt von den Arbeiten, vom Direktor dieser Company und von der Qualität der Tänzer, die eine wahnsinnige Kraft und Energie und Dynamik haben. Ich war fest entschlossen, das mit nach Hamburg zu bringen.

Das Interview führte NDR 90,3 Redakteurin Annette Matz.

Die Stationen von John Neumeier

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal Spezial | 04.06.2015 | 20:00 Uhr