Stand: 13.01.2017 11:39 Uhr

Elbphilharmonie: "Der beste Saal der Welt"

Am 11. Januar ist die Elbphilharmonie feierlich eröffnet worden, mit zwei Konzerten: das eine dirigiert von Thomas Hengelbrock, Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters, das andere von Kent Nagano, Generalmusikdirektor und Chefdirigent der Hamburgischen Staatsoper und des Philharmonischen Staatsorchesters.

Herr Nagano, am 13. Januar werden Sie am Pult der Elbphilharmonie stehen und die Uraufführung von Jörg Widmanns "Arche" dirigieren. Sie kennen bereits die Räume, den Saal und die Akustik von den Proben. Was war das für ein Gefühl?

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Zur Eröffnung der Elbphilharmonie dirigiert Kent Nagano Jörg Widmanns neues Werk "Arche".

Kent Nagano: Ich glaube, dass ich für alle meine Kollegen im Philharmonischen Staatsorchester spreche: Wir waren so begeistert von dieser außerordentlich guten Akustik, dass wir alle den Eindruck haben, dass dieser Saal der beste Saal der Welt sein wird.

Verändert, beeinflusst ein Bau auch die Musik, die man dort spielt?

Nagano: Natürlich. Eine Konzerthalle ist ein Instrument. Und jedes Orchester, jeder Dirigent, jeder Solist muss lernen, wie ein Instrument funktioniert. Das wird einen Moment dauern, aber man kann die Qualität sofort fühlen. Und das ist der Grund, warum wir alle so begeistert sind. Man kann wirklich fühlen, dass das etwas Besonderes werden wird.

Jörg Widmann hat sein Stück "Arche" eigens für die Eröffnung der Elbphilharmonie geschrieben - ein Oratorium. Widmann hat das Werk sozusagen in den Raum hineinkomponiert. Groß angelegt für Soli, Chöre, Orgel, Orchester. Was passiert denn da?

Nagano: Das ist eine sehr gute Frage. Widmann hat eine große Herausforderung angenommen. Ich habe ihn gebeten, dass wir zusammen versuchen, etwas für das 21. Jahrhundert als Zeichen für diesen neuen Saal zu spielen. Aber gleichzeitig wollen wir unsere eigene Tradition in Hamburg betonen. Widmann hat viel Zeit auf der Baustelle und im fertigen Saal verbracht und hat durch diese Atmosphäre viele Inspirationen bekommen.

Können Sie die Atmosphäre ein bisschen beschreiben?

Nagano: Wir leben in einer globalisierten Welt mit einheitlicher Qualität, Standardisierung. Aber man hat auch das Risiko, dass man das einzigartige Individuum verlieren wird. Man fühlt eine besondere Farbe: den Himmel von Hamburg, das Hamburger Meer. Man fühlt in den Wänden etwas, das wie Hamburg klingt. Es ist sehr intim, aber gleichzeitig auch sehr offen. Grandios.

Die Konzert- und Opernkultur steht unter einem hohen Druck: zu teuer, zu wenig zeitgemäß. Auch Sie beobachten, wie das Publikum altert. Die Elbphilharmonie soll ja ein "Haus für alle" sein. Wird das funktionieren?

Nagano: Ich glaube, Hamburg hat ein sehr starkes Statement gesetzt und diesen neuen Saal nicht unter einfachen Umständen konstruiert. Es gab viele Diskussionen, aber Hamburg hat gesagt: Wir glauben, dass Kunst ein Teil der Zukunft sein muss. Das Statement lautet: Wir bauen etwas für unsere Kinder, sodass die nächste Generation auch diese große Tradition, die wir gehabt haben, weiterführen kann. Ich finde, das ist ein wunderbares Zeichen für die Zukunft. Die Stadt Hamburg sagt durch dieses Gebäude, dass sie eine wichtige musikalische Geschichte hat und eine musikalische Stadt ist.

Als Sie vor wenigen Tagen das Silvesterkonzert in der Laeiszhalle dirigiert haben, haben Sie gesagt: "Wir lieben die Laeiszhalle trotzdem." Ist das ein Bekenntnis auch zum alten Konzertsaal?

Nagano: Mit der Elbphilharmonie haben wir eine Sondersituation: Wir haben jetzt eine neue Schwester. Wir haben die alte Dame, die Laeiszhalle, und die junge Schwester, die Elbphilharmonie. Die beiden sind ganz anders, aber sie sind eine Familie. Nur weil wir die Elbphilharmonie gewinnen, verlieren wir deshalb nicht die Laeiszhalle.

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Schauen wir in die unmittelbare Zukunft: Auf Ihrem Spielplan stehen im April und Mai Mahlers "Symphonie der Tausend", im Juni Schönbergs "Gurre Lieder". Im Februar kommt Bruckners 8. Symphonie. Das sind drei Monumentalwerke der Musikgeschichte. Man kann sagen: Es wird laut, Sie gehen mit diesem Programm akustisch an die Grenzen.

Nagano: Hoffentlich wird das nicht laut. Durch den Sonderstatus des Philharmonischen Staatsorchesters und der Staatsoper können wir solche großen, monumentalen Stücke spielen. Der andere Punkt ist, dass meine Kollegen und ich denken, dass diese Stücke eine wunderbare Art sind, die neue Dimension der Elbphilharmonie zu zelebrieren. Die Elbphilharmonie wird uns viel mehr Möglichkeiten, mehr Variationen und mehr Flexibilität geben, was wir regelmäßig spielen können. Wir beginnen mit diesen drei Werken, die seit Langem nicht mehr in der Laeiszhalle gespielt wurden. Hoffentlich werden sie ihren Platz in der Elbphilharmonie finden.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

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