Stand: 28.09.2017 19:25 Uhr

Die Kunst des Alters

Vom 29. September 2017 bis 18. Februar 2018 beleuchtet die Ausstellung "Silberglanz. Von der Kunst des Alters" im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover die ganze Bandbreite des Älterwerdens. Ein Gespräch mit der Direktorin des Museums, Katja Lembke.

Frau Lembke, als ich zum ersten Mal den Titel Ihrer Ausstellung las, bin ich ins Stolpern geraten: Die stehende Wendung ist ja "die Kunst des Alterns", bei Ihnen heißt es "Kunst des Alters" - warum?

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Katja Lembke ist seit 2011 Leiterin des Niedersächsischen Landesmuseums in Hannover.

Katja Lembke: Es gibt dafür beide Ausdrücke. Viele Soziologen haben sich in den letzten Jahren mit dem Thema auseinandergesetzt. In der Literatur wird das "n" gern in Klammern gesetzt. Das haben wir hier vermieden. Aber Sie haben im Grunde völlig Recht - das bedeutet natürlich beides. Wobei das Alter eigentlich auch nicht unbedingt bedeutet: Menschen, die betagt sind. Sondern das Alter umfasst generell jeden, denn es beginnt bereits im Babyalter. Von daher ist das eine Ausstellung, wo wir ein bestimmtes Alter anschauen. Aber ich glaube, es ist für jeden gut verständlich.

Der Haupttitel lautet "Silberglanz". Das klingt sehr glänzend, sehr verlockend. Aber das verschweigt ein bisschen, dass mit dem Altern immer auch eine gewisse Gebrechlichkeit zusammenhängt, auch eine abnehmende geistige Kraft. Wollen Sie das lieber unter den Tisch fallen lassen?

Lembke: Das lassen wir überhaupt nicht unter den Tisch fallen. Aber es geht natürlich schon darum, dass wir heute ein ganz anderes Bild vom Altern und vom Alter haben, als es noch vor 20, 30 oder gar vor 100 Jahren der Fall war. Man spricht da gerne auch von "Silver Surfern" oder von "Best Agern". Wir haben also gerade in den letzten Jahrzehnten eine Entwicklung hinter uns gelassen, wo man sehr deutlich sieht, dass es eine neue Form gegeben hat, die eigentlich eher als "jung geblieben" bezeichnet werden kann. Man spricht ja heute kaum noch vom Alter; "Senioren" ist ja fast schon ein Fremdwort für uns geworden. Sondern es sind Menschen, die ganz anders mit diesem Thema umgehen - und das zeigt sich in vielen Arten von Erscheinungen.

Wir werden zum Beispiel das Thema Sexualität nicht außer Acht lassen - da hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan. Wenn Sie einen Blick in die Vergangenheit werfen, merken Sie, wie dieses Thema zwar auch schon mal angegriffen, aber eher verbrämt wurde. Man hat antike Mythen verwendet, aber man hat sich nicht dem tatsächlichen nackten Körper in der Form gewidmet.

Es sind 120 Exponate aus drei Jahrtausenden des Alterns. Was sehen wir in der Ausstellung?

Katja Lembke, Direktorin des Landesmuseums Hannover. © NDR Fotograf: Eric Klitzke

"Silberglanz - Von der Kunst des Alters"

NDR Kultur -

Ist Alter gleich Altern? Ein Gespräch mit Katja Lembke.

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Lembke: Eine Fülle von spannenden Werken, sowohl der Skulptur-, als auch der Gemäldekunst, der Grafik, auch in 3D. Es sind neue Arten, neue Formen, sich dem Körper zu nähern. Wir beginnen mit zwei Werken aus dem alten Ägypten - die beiden ältesten Exponate in unserer Sammlung -, die den alternden Pharao Sesostris III. und seinen Sohn Amenemhet III. zeigen. Zwei Pharaonen, die ungewöhnlich sind, denn die alten Ägypter haben in der Regel jugendliche Bildnisse bevorzugt, wenn es um Pharaonen ging. Insofern fallen die ein bisschen aus dem Rahmen. Aber daran kann man sehr schön festmachen, dass Alterszüge in keinster Weise negativiert werden, sondern es geht um ein positives Bild, das mit Alterszügen vermittelt wurde. Alles, was wir generell unter Repräsentationskunst verstehen, unter Porträtkunst im engeren Sinne des Wortes, dabei geht es immer um die Vermittlung positiver Elemente. Insofern ist es nicht richtig, dass Alterszüge negative Erscheinungsformen sind, sondern sie werden in anderen Kulturen zu anderen Zeiten durchaus positiv konnotiert.

Oder ein Bild von Helmut Schmidt aus den 70er-Jahren mit dem entsprechenden silbernen Haar, was ihn ja so auszeichnete: ein Bild der Weisheit.

Stellen Sie gewisse Konjunkturen fest, wann Alter als eher positiv empfunden und dargestellt worden ist?

Lembke: Wir haben wunderbare Skulpturen aus Rom und Berlin bekommen, die zwei alte Männer zeigen, die gebeugt vom Alter, aber auch von der harten Arbeit sind, zwei Werke der Antike, aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus. Und die sind sehr eindrucksvoll, wie sie in einem Raum stehen, vor einem modernen Werk des russischen Malers Kantor, der Krüppel zeigt. Wir können also sowohl einen zeitgenössischen Blick auf dieses Thema werfen, als auch auf die Antike zurückblicken. Man geht heute anders damit um. Denn gerade dieser Raum zeigt, dass es in der Antike eine erbarmungslose Form der Darstellung ist, während Kantor sich viel mehr mit dem Thema solidarisiert; er will Mitleid erregen. Das ist wunderbar zu sehen, wie in einem Raum zwei verschiedene Sichtweisen aufeinanderprallen.

Höre ich daraus, dass Sie dem demografischen Wandel, der prognostiziert wird, eher positiv gegenüberstehen? Dass Sie keine Angst davor haben?

Lembke: Um Angst geht es in der Ausstellung überhaupt nicht. Wir wollen vielmehr zeigen, dass das Alter spannungsvoll ist - im positiven wie negativen Sinne. Es ist eine Tatsache, dass wir immer älter werden, dass gerade die geburtenstarken Jahrgänge demnächst in Rente gehen, und da ist das Thema Altersarmut schon in vielen Zeitungen zu lesen - völlig zurecht. Wir müssen diesen Themen ins Auge sehen. Wir haben also auf der einen Seite die Tendenz, dass die Menschen, die älter werden, anders altern als noch vor 20, 30 Jahren, also ein viel positiveres Bild vom Altern vermitteln. Aber wir wollen auch die Schattenseiten nicht verdrängen und darauf hinweisen, indem wir in der Ausstellung auch Bilder des Prekariats, des sozialen Abstiegs zeigen.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 28.09.2017 | 19:00 Uhr

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