Stand: 19.09.2015 11:27 Uhr

Herta Müllers "Reisende" brillant inszeniert

von Katja Weise

Am Hamburger Schauspielhaus hat am Freitagabend die britische Regisseurin Katie Mitchell die Spielzeit eröffnet - mit einer Bühnenfassung von Herta Müllers Roman "Reisende auf einem Bein". Darin verarbeitet die Literaturnobelpreisträgerin eigene Erfahrungen: Sie kam 1987 aus Rumänien nach Deutschland und schreibt über die Schwierigkeiten des Ankommens in einem fremden Land.

Auf der Bühne wird ein Film gedreht

Das Stück handelt von einer traumatisierten, schwer beschädigten Frau, die nach unzähligen Verhören in Deutschland landet. Julie Wieninger spielt Irene - sie ist gleich zweimal zu sehen. Einmal riesengroß, in schwarz-weiß, auf einer Leinwand, jedes Detail ihres Gesichtes, jede Regung ist noch in der letzten Reihe zu erkennen. Und einmal in Lebensgröße auf der Bühne, zwischen Stellwänden, Türen, Kameras und Tonangeln. Schon in früheren Inszenierungen hat Katie Mitchell viel mit Film und Video experimentiert. Jetzt geht sie noch einen Schritt weiter: In anderthalb Stunden wird auf der Theaterbühne, die aussieht wie ein Filmset, tatsächlich ein Film gedreht, in Echtzeit und mit vielen Soundeffekten. Kulissen gleiten lautlos hin und her, ein Briefkasten taucht auf, ein Werbeplakat, Häuserwände mit vielen Fenstern, der Himmel, eine Telefonzelle. Und immer wieder ein Verhörzimmer.

Permanente Bedrohung und Überwachung

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Durch die Nahaufnahmen der Kameras auf der Bühne werden Details für das Publikum sichtbar.

In Windeseile wechselt Julia Wieninger Position und Kostüm. Katie Mitchell hat eine kongeniale Form gefunden für die permanente Bedrohung und Überwachung, die Herta Müller in "Reisende auf einem Bein" sowie auch in dem Nachfolgeroman "Herztier" beschreibt. Keine Sekunde lässt die Kamera die Ausreisende, die Flüchtende, die Ankommende aus den Augen: Big brother is watching you. Sein Blick geht bis in die hinterste Ecke des Badezimmers und zeigt Details gnadenlos in Großaufnahme. Mit dieser Herangehensweise trifft Katie Mitchell den Nerv der Texte von Herta Müller, die nach einem Probenbesuch bestätigte: "Wenn man so auf dem Zahnfleisch lebt wie ich damals in Rumänien kriegt man so große Augen. Die Angst macht Bilder. Und da werden natürlich Details enorm", sagte sie. "Das Kleinste vergrößert sich. Das Detail wird größer als das Ganze."

Überwältigende Inszenierung

Katie Mitchell zeigt mit dieser schier überwältigenden Inszenierung, die nach einer kurzen Eingewöhnungsphase eine große Intensität entwickelt, dass sie das Theater an seine Grenzen führen und dadurch bereichern kann. Man könnte einwenden, dass viel "echtes Theater" nicht zu sehen ist an diesem Abend. Oft verdecken Kulissen die Schauspieler, das Hauptaugenmerk liegt auf dem Film, und doch gehen beide Künste hier eine für diesen Stoff überaus passende Symbiose ein.

Beeindruckende Präzision

Die Regisseurin arbeitet mit beeindruckender Präzision und kann sich auf ihre Schauspieler, vor allem auf Julia Wieninger verlassen. Es ist ein Geschenk, ihr zuschauen zu können. Dank der Großaufnahmen sieht man die einzelnen Gesichtsmuskeln fein zucken, sie in Windeseile Stimmung und Ausdruck wechseln. Und wenn sie die Sätze spricht, die Herta Müller vor mehr als 25 Jahren schrieb, treffen die angesichts der aktuellen Flüchtlingswelle ins Mark: "Wenn man das Land verlässt - man hat nichts mitgenommen außer sich selbst, weil es an einem selbst hängt."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 19.09.2015 | 06:40 Uhr