Stand: 02.08.2017 16:30 Uhr

Hamburgs neuer Stadtschreiber Stephan Roiss

von Benedikt Scheper

Für jeden Künstler ist die Inspiration das Wichtigste. Gerade Schriftsteller suchen immer wieder nach neuen Geschichten. Für viele Autoren ist dafür die Fremde eine ideale Inspirationsquelle. Weltweit gibt es Stipendien, die Künstler genau diesen Aufenthalt in einer anderen Stadt ermöglichen sollen, auch in Hamburg. Stephan Roiss ist der neue sogenannte "Hamburger Gast".

Stephan Roiss blinzelt in die Sonne, schaut sich um in seiner neuen Umgebung - dem vielfältigen Hamburger Karolinenviertel. Drei-Tage-Bart und ein fast spitzbübisches Lächeln, ein blaues Hemd und eine Nadelstreifenhose - so geht der der 34-jährige Österreicher auf Beobachtungstour. Auf einem braunen Ledersofa vor einem kleinen Geschäft nimmt er Platz, zückt Papier und Stift. Ein Traumfänger weht gegenüber auf der anderen Straßenseite an einem Baum im Wind.

Stephan Roiss entdeckt Hamburg

Wahrscheinlich sind es genau diese Momente, in denen Künstler ihre Einfälle bekommen - Stunden der Muße und des freien Assoziierens. Und genau das ist das Ziel des Stipendiums, das der Förderverein Kulturelle Initiativen gemeinsam mit verschiedenen Kultureinrichtungen und Sponsoren jedes Jahr vergibt: dem Künstler zu ermöglichen, die Hansestadt ohne Zwang und in Ruhe kennenzulernen - im Bergedorfer Schloss, im Schmidt Theater auf St. Pauli und in der Kulturwerkstatt Harburg. "Es klingt nicht nach Hängematte, man muss schon was tun", sagt Roiss, "aber das mache ich gern. Und was mich speziell reizt, ist die Verschiedenartigkeit der drei Orte, weil es drei komplett unterschiedliche Kontexte sind mit unterschiedlichen Menschen, wahrscheinlich auch mit unterschiedlichen Mentalitäten. Aber ich orte jetzt nicht primär Probleme, sondern Chancen, verschiedene Eindrücke zu sammeln mit verschiedenen Menschen, die ganz Verschiedenes auslösen. Auch literarisch wird sich das mannigfaltig niederschlagen."

Begegnungen im Bergedorfer Schloss

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Das Bergedorfer Schloss ist der erste von drei Orten innerhalb Hamburgs, an denen Stephan Roiss arbeiten wird.

Für dieses besondere Privileg setzte sich der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller, der neben Prosa, Lyrik und Graphic Novel auch Hörspiele und Musik produziert, gegen 122 Konkurrenten durch. Mit seinem Text "Der große Hodini" gewann er den "Hamburger Gast"-Wettbewerb zum Thema "Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern". 1.500 Euro pro Monat zu erhalten und mietfrei zu wohnen ist für den freien Künstler die optimale Arbeitsgrundlage. "Das ist natürlich eine sehr angenehme Situation, dass man hier drei Monate lang finanziell abgesichert ist und frische Impressionen sammeln kann. Das ist, wie sich in ein gemachtes Bett zu legen, aber die Freiheit zu haben, jederzeit aus dem Bett zu springen. Das ist großartig", erzählt Stephan Roiss in der ersten von drei "Schreib-Residenzen", dem Bergedorfer Schloss.

Mitten im Museum steht ein Schreibtisch mit Lampe und Laptop - der Künstler quasi als lebendiges Exponat. Die Leiterin der Museumslandschaft Bergedorf Schanett Riller sieht darin nicht nur Vorteile für den Autor: "Er hat die Möglichkeit mit den Besuchern zu interagieren. Das heißt, er schreibt hier vor Ort oder lässt sich inspirieren von Bergedorfer Besuchern. Er kann denen Fragen stellen, die können ihm Fragen stellen: Was machen Sie hier eigentlich im Museum? Da entspannen sich sicher schnell inspirierende Dialoge für beide Seiten."

Inspiriert durch St. Pauli

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Die Reeperbahn auf St. Pauli bietet sicher genug Inspiration für neuen Schreibstoff.

Auch auf die nächste Station, das Schmidt-Theater auf St. Pauli, freut sich Stephan Roiss bereits. Neben einem Internet-Blog auf der Seite "Hamburger Gast" arbeitet er an einem Roman-Projekt, möchte aber in Hamburg auch ganz neue Geschichten entwickeln. Ob das Rotlichtviertel zur Inspirationsquelle werden könnte, beantwortet der Autor bei der ersten Stippvisite des Foyers mit roten Plüsch-Sesseln und Blick auf den Spielbudenplatz mit einem Augenzwinkern: "Kann sein, dass ich nach meinem Aufenthalt im Schmidt-Theater viel frivolere Texte schreibe und ganz viele erotische Szenen in meinen Texten vorkommen, die bisher eher unterrepräsentiert sind, muss aber auch gar nicht sein. Ich brauche auch manchmal diesen Ausbruch aus Routinen, in denen man gefangen ist im Alltag."

Wie sehr nicht nur die dritte Schreibstätte im Harburger Binnenhafen, sondern ganz Hamburg den jungen Schriftsteller beeinflusst, wird man sicher bald schon lesen können.

Stephan Roiss im Schmidt Theater © NDR Fotograf: Benedikt Scheper

Zum Nachhören

NDR Kultur

Hamburg hat einen neuen Stadtschreiber. Stephan Roiss wird sich an drei verschiedenen Orten von der Stadt inspirieren lassen und das Ergebnis als Blog veröffentlichen. NDR Kultur hat ihn getroffen.

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