Stand: 18.08.2015 16:00 Uhr

Hafencity: Übernachtung im Flüchtlingszelt

Angesichts der weltweit größten Flüchtlingsströme seit Ende des Zweiten Weltkriegs - manche sagen sogar aller Zeiten - stellt sich auch die Frage, was jeder von uns tun kann. Die ehrenamtliche Hilfe in Flüchtlingsunterkünften ist bundesweit beeindruckend. Seit knapp anderthalb Jahrzehnten engagiert sich auch der Designer Daniel Kerber unter dem Dach der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Er entwirft "More Than Shelters" - übersetzt bedeutet das: "mehr als einfache Zufluchtsstätten". So heißt auch die Organisation, die auf seine Initiative hin entstand und das Wohnmodul DOMO, also "Zuhause", hervorgebracht hat. Einige DOMOs sind zurzeit in der Hamburger Hafencity aufgebaut, um sie zu besichtigen oder auch vorübergehend zu bewohnen. NDR Kultur hat mit Daniel Kerber über das Projekt "DOMO Hotel" gesprochen.

Domo von More Than Shelter © NDR

Spende eine Nacht - Zelten für Flüchtlinge

Hamburg Journal -

In der Hafencity kann man gegen eine Spende in so genannten Domos zelten. Die gemeinnützige Firma "More Than Shelters" hat die Zelte entworfen. Der Erlös kommt der Flüchtlingshilfe zu Gute.

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Ist "DOMO Hotel" eine Aktion nach dem Motto "Tue Gutes und sprich darüber" - oder was bezwecken Sie damit?

Daniel Kerber: Wir bezwecken mit der Aktion "DOMO Hotel" vor allem, unsere Arbeit sichtbar zu machen, mit Menschen ins Gespräch zu kommen und zu zeigen: Da draußen gibt es wahnsinnig viele Menschen, die unverschuldet in eine Notlage geraten sind, und wir müssen etwas für sie tun. Das machen wir auf professionellem Wege mit der Organisation "More Than Shelters". Aber ich glaube auch, dass wir einen Raum brauchen für die Bereitschaft der Menschen sich hier zu engagieren. Diesen Raum hoffen wir mit dem "DOMO Hotel" in der Hafencity geschaffen zu haben.

Wie kommen Sie als Designer überhaupt dazu, Flüchtlingsunterkünfte zu kreieren?

Kerber: Ich habe in meinem persönlichen Werdegang in den letzten 15 Jahren verschiedene Weltregionen besucht: Flüchtlingslager, Slums, Orte, an denen Menschen obdachlos gestrandet sind, um sich dort irgendwie notdürftig einzurichten. Dieses Thema bewegt mich einfach schon eine sehr lange Zeit. Als Designer kann man, glaube ich, eine Expertise dort hineinbringen, die bisher kaum zum Tragen kommt. Es geht nämlich darum, dass wir verstehen müssen, was Gestaltung an diesen Orten bewegen kann. Diese Orte sind normalerweise sehr von der Logistik und der Erstversorgung geprägt. Es braucht aber mehr, um menschenwürdige Räume zu schaffen. Da kann eben ein Designer, aber auch ein Stadtplaner oder Architekt sehr viel dazu beitragen.

Was unterscheidet ein DOMO von einem gewöhnlichen Flüchtlingszelt?

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Ein DOMO in der Hamburger Hafencity: Die Zelte können als Übernachtungsmöglichkeit gebucht werden, um so Spenden zu generieren.

Kerber: Beim DOMO haben wir den gesamten Designprozess umgedreht. Wir haben nicht am Schreibtisch gesessen und überlegt, wie man das perfekte Flüchtlingszelt kreieren kann, sondern sind ins Feld gegangen und haben die Menschen und die Organisationen befragt, wie für sie das perfekte Produkt aussähe. Wir haben unser Designer-Ego hinter uns gelassen und gesagt: Die Spezialisten sind da draußen. Die sind in der Situation und können uns am besten sagen, was sie brauchen.

Ein DOMO ist eben nicht nur ein DOMO, sondern es gibt ganz verschiedene DOMOs. Wir haben einen Baukasten aus verschiedenen Segmenten und Materialien entwickelt. Das Kernelement ist ein sehr stabiles Tragwerk, das man ausfalten kann und das ein richtiges, kleines Gebäude errichtet. Auf dieses Tragwerk können wir dann verschiedene Hüllen aufbringen - innen wie außen. Wir können eine einfache Wand machen, wir können eine Doppelwand machen. Die Menschen können auch über die Größe des Raumes entscheiden und mehrere DOMOs zusammenstecken. Wir können auch über längere Zeiträume die Außenhüllen immer wieder austauschen, sodass auch feste Materialien benutzt werden können. Wir wollten eigentlich das Fischer-Technik für den humanitären Einsatz basteln.

Ihre Organisation konstatiert, dass Flüchtlinge im Schnitt fast zwölf Jahre in den Flüchtlingslagern bleiben, da steht ihnen natürlich eine ordentliche Unterkunft zu. Aber zementieren Sie dadurch nicht auch den Zustand?

Kerber: Das machen nicht wir, sondern das machen, glaube ich, die Krisen unserer Zeit. Das konstatieren wir auch nicht, sondern das sind die puren, nackten, brutalen Statistiken der UN und das hat sich innerhalb der letzten zehn Jahre enorm verändert. Ein Flüchtlingslager im Jahr 2000 bestand vielleicht sechs Monate, vielleicht ein Jahr. Danach konnten die Menschen weiterziehen. Heute ist es so, dass die Hälfte der Menschen niemals nach Hause zurückkehren wird, sodass die statistische Verweildauer eben bei zwölf Jahren liegt. Natürlich möchten wir, dass die Menschen so schnell wie möglich wieder nach Hause oder in einem Aufnehmerland eine bessere Lebensqualität erfahren können. Aber die bittere Realität da draußen ist nun einmal so, dass für diese Lager diese Verweildauer besteht. Und da können wir definitiv mehr tun, als jetzt einfach ein paar standardisierte Zelte hinzustellen, die diese Menschen über Jahre hinweg in eine miserable Situation pressen.

Sind Sie im Laufe der Entwicklung des DOMOs ein bisschen von der Zeit überholt worden? Heute streben Hunderttausende Flüchtlinge nach Europa. Da kann man ja mit Zelten, auch wenn sie noch so gut sind, nicht mehr viel aushelfen.

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Kerber: Genau. Wir haben uns mit dem DOMO ja darum gekümmert, wie die Keimzelle der Erstversorgung aussieht und wie sie sich über die Jahre weiterentwickeln kann. "More Than Shelters" hat aber auch das "mehr" im Namen und das ist auch eine sehr bewusste Entscheidung. Es geht eben auch darum, mit den Menschen in Dialog zu treten. Vielleicht geht es nach einiger Zeit auch gar nicht mehr nur um die Unterkünfte, sondern darum, wie man aus so einer Situation eines Flüchtlingslagers auch ein langfristiges Siedlungsprojekt machen kann. Und da geht es um ganz andere Fragen, um ökonomische, ökologische, aber vorrangig auch um soziale Fragen. Deswegen gestalten wir nicht nur ein Produkt, sondern auch die Beziehungen vor Ort. Wir treten mit den Menschen permanent in Kontakt. Wir haben Teams da draußen, die nur das machen. Wir schauen uns natürlich auch die Gesamtsituation an. Das nennen wir Ökosystemdesign. Als Stadtplaner weiß man, eine Stadt ist ein lebender Organismus. Das gilt eben auch für ein Flüchtlingslager. Wir müssen an mehreren Schräubchen drehen, um die Bedingungen dort zu verbessern. Die Unterkunft ist vielleicht zuerst das Allerwichtigste. Aber dann entstehen neue Fragen, und die müssen wir natürlich mit bedenken.

Sie sagen "vor Ort helfen" - ist die Bundesrepublik Deutschland demnächst auch "vor Ort"? Wir haben hier große Schwierigkeiten, Flüchtlinge unterzubringen. Werden Menschen demnächst auch in Deutschland in DOMOs untergebracht?

Kerber: Das ist tatsächlich eine Frage, die wir intern und auch mit Partnern diskutieren. Ich habe vor einem halben Jahr - und da überrennt uns gerade vielleicht tatsächlich die Zeit - selbst noch gesagt, dass es eigentlich nicht sein kann, dass wir hier in unserem eigenen Land Menschen in Zelten unterbringen müssen. Wenn wir heute die Medien aufschlagen, dann scheint das aktuell aber leider der Fall zu sein. Das ist an sich schon eine Tragödie, aber jetzt geht es darum, wenn wir diese Situation schon haben, diese so gut wie möglich zu gestalten. Und ich glaube, man kann aus unserer Expertise heraus auch Dinge dort verändern und vielleicht auch Menschen helfen. Ich bleibe aber bei meiner tiefen Hoffnung, dass das wirklich nur für kurze Zeiträume und als Übergangslösung sein muss.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 18.08.2015 | 19:00 Uhr