Stand: 10.10.2017 18:28 Uhr

Buchmesse: Französische Literatur aus 80 Ländern

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Den Pavillon des Gastlandes der Buchmesse 2017 schmückt der Schriftzug "France".

Die 69. Frankfurter Buchmesse ist eröffnet. Vom 11. bis zum 15. Oktober treffen sich in der Metropole am Main Fachpublikum und Buchliebhaber. Ehrengast in diesem Jahr ist Frankreich. Angereist ist deshalb auch der französische Präsident Emmanuel Macron. Dass er bei der Eröffnung auch als Redner, zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, aufgetreten ist, kann als Signal gedeutet werden. Deutschland und Frankreich - beide sind sie für ein gemeinsames Europa. Claudia Christophersen berichtet für NDR Kultur aus Frankfurt.

Die Frankfurter Buchmesse will ja auch immer ganz gern politisch sein. Das ist ihr wohl in diesem Jahr gelungen, oder?

Claudia Christophersen: Ja, das kann man so sagen. Bevor das Gastland Frankreich thematisiert wurde, hat der Vorsteher des Börsenvereins, Heinrich Riethmüller, auf eine wichtige Voraussetzung des Buchmarkts hingewiesen: auf die Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit, die eben in vielen Ländern nicht selbstverständlich ist. Großen Applaus gab es, als er die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan begrüßte, die im vergangenen Jahr mehrere Wochen in Haft saß.

Dass Emmanuel Macron nach Frankfurt gekommen ist, ist das mehr als eine freundschaftliche Geste, ist es ein politisches Signal?

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Frankreichs Präsident Macron(l), Bundeskanzlerin Merkel und Heinrich Riethmüller vom Börsenvereins des Deutschen Buchhandels

Christophersen: Von Macron heißt es, er wolle die EU "updaten". Am Nachmittag hatte er an der Frankfurter Goethe-Universität für eine "Koalition des guten Willens" geworben. Wenn also immer wieder von Krise, einem wankenden Europa gesprochen wird, dann ist es der junge, dynamische Staatspräsident in Frankreich, der Europa optimistisch sieht. Dafür ist die Zusammenarbeit von Paris und Berlin für Macron ganz wichtig:

"Durch die Bücher wird uns vor Augen geführt, dass Frankreich und Deutschland ihre Bekanntschaft gefestigt haben. Seit Jahrhunderten lesen wir uns gegenseitig, übersetzen wir uns gegenseitig, interpretieren wir uns gegenseitig. Und ich muss hier eingestehen: Es sind die Deutschen, die die Kultur und Sprache Frankreichs besser verstehen als jeder Franzose. Und anders herum stimmt das auch. Wer hat Baudelaire besser verstanden als Walter Benjamin? Wer hat Nietzsche besser erfasst als André Gide?"

Das ist die viel beschworene deutsch-französische Freundschaft. Unter Macron, so scheint es, könnte die tatsächlich neuen Schwung bekommen. Man ist wieder neugierig aufeinander. Gerade auch in Fragen der Kultur, der Literatur.

An einem solchen Abend sprechen ja in der Regel nicht nur Politiker, sondern eben auch jemand aus der Kultur.

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Wajdi Mouawad wurde im Libanon geboren, ist dann über Frankreich nach Kanada ausgewandert und wieder zurück nach Paris gekehrt, wo er als Theaterregisseur arbeitet.

Christophersen: Ganz genau. Das war in diesem Jahr Wajdi Mouawad. Er ist Schriftsteller, Schauspieler, Dramaturg. Mouawad lebt in Paris und arbeitet dort als Theaterdirektor. Richtig bekannt geworden ist er mit seinem Stück "Verbrennungen". Ein Stück über den Bürgerkrieg und die verheerenden Folgen. Krieg und Flucht versucht er auch heute Abend szenisch umzusetzen. Am Beispiel der Hecabe oder Hecuba, die aus großem Leid zur Hündin geworden ist. Wajdi Mouawad ist ein typisches Bespiel für die französischsprachige Welt der Literatur, die auch hier in Frankfurt vertreten ist. Im Libanon geboren, über Frankreich nach Kanada ausgewandert, dann wieder zurück nach Paris. Hier in Frankfurt ist eben nicht nur Frankreich vertreten, sondern Autorinnen und Autoren aus rund 80 Nationen, die in französischer Sprache publizieren.

Setzt die Frankfurter Buchmesse auch damit einen Akzent?

Christophersen: Ja, vor allem Frankreich tut das. Das Gastland ist, wie gesagt, nicht mit einem Land gekommen, sondern mit der französischen Sprache. Und wie vielfältig die ist, das sehen wir jetzt gerade in diesem Jahr zur Buchmesse. In Deutschland ist eine große Menge an französischer Literatur übersetzt worden. Das entzückt Literaturredaktionen. Und es ist schön zu sehen, dass die Literatur, die aus Frankreich kommt, nicht nur von Michel Houellebecq ist.

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Die französisch-marokkanische Autorin Leïla Slimani wurde für "Dann schlaf auch Du" mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet.

Leila Slimanis "Dann schlaf auch Du" zum Beispiel - das Psychogramm einer Kindsmörderin, eine tragische Geschichte. Dafür wurde sie mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet. Das Buch wird auf NDR Kultur in der nächsten Woche in Am Morgen vorgelesen zu hören sein.

Es sind die Themen des Lebens, sehr geerdet, Geschichten vom Abstieg - das sind natürlich nicht Themen, die allein Frankreich betreffen. Aber sie werden mit der französische Gegenwartsliteratur geballt vor Augen geführt. Das hat etwas sehr aufrüttelndes. Das ist der große Vorteil und Mehrwert von einem solchen Buchmessen-Ereignis. Schade, dass dieser Schwung dann auch wieder abflaut, wenn es dann vorbei ist.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Claudia Christophersen © NDR Fotograf: Christian Spielmann

Das Gespräch zum Nachhören

NDR Kultur - Journal -

Ehrengast der 69. Frankfurter Buchmesse ist Frankreich. Dass Emmanuel Macron bei der Eröffnung auch als Redner aufgetreten ist, kann als Signal gedeutet werden, meint Claudia Christophersen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 10.10.2017 | 19:00 Uhr

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