Stand: 25.08.2017 18:05 Uhr

Aus der Zeit gefallen?

von Paul Nolte

Warum die kulturelle Hegemonie der Grünen vorbei ist

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Paul Nolte Professor für Zeit-Geschichte an der FU Berlin.

Was ist bloß mit den Grünen los? Vor einigen Jahren noch schien ihr Durchbruch zur Volkspartei ausgemachte Sache: mit der SPD in der Dauerkrise und der Reaktorkatastrophe von Fukushima im März 2011 als mächtigem Hebel. Winfried Kretschmann wurde erster grüner Ministerpräsident, und das in einem strukturell konservativen süddeutschen Flächenland. Grün-Rot statt Rot-Grün; Wachablösung im linken Lager? Fünf Jahre später machte Kretschmann sogar die gedemütigte CDU zum Juniorpartner. Aber zum Modell taugte das nicht; ein Dominoeffekt blieb aus.

Dabei scheint so vieles der Öko-Partei in die Karten zu spielen. Der Klimawandel hat begonnen, uns im Alltag einzuholen. Immer neue Skandale der Automobilindustrie bestätigen grüne Ängste und lassen den abgasproduzierenden Verbrennungsmotor plötzlich als Auslaufmodell erscheinen - für die allermeisten Deutschen bis vor kurzem jenseits des Vorstellbaren. Eine Verschiebung zeichnet sich ab wie vor sechs Jahren, als der Bundestag unter dem Eindruck von "Fukushima" den Atomausstieg beschloss. Jetzt müssten die Grünen doch endgültig zur ökologischen Volkspartei des 21. Jahrhunderts werden, mit Wahlergebnissen klar oberhalb der 20-Prozent-Marke! Was machen sie falsch? Liegt es am Führungspersonal, oder an falschen Koalitionssignalen?

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Aus der Zeit gefallen?

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Warum die kulturelle Hegemonie der Ökobewegung vorbei ist. Von Paul Nolte

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Nein - die Ursachen für diese Diskrepanz zwischen der objektiven Lage einerseits, der grünen politischen Ernte andererseits liegen viel tiefer. Um es ganz ernüchternd zu sagen: Beides hängt weniger eng zusammen, als man oft denkt. Zeiten krasser sozialer Spannungen waren auch nicht immer Blütezeiten der Sozialdemokratie. Den Grünen sind die Themen nicht ausgegangen, und ihr Urthema, der ökologische Umbau der Industriegesellschaft, steht nicht nur in Deutschland und Europa, sondern im globalen Maßstab jetzt erst recht an. Aber politisch-kulturelle Großwetterlagen, die Parteien einen besonderen Rückenwind verleihen, sind von anderen Faktoren abhängig. Insofern kann man sagen: Die kulturelle Hegemonie der Grünen ist vorbei. Die Partei hat die Vorherrschaft über den Zeitgeist verloren, jene besondere Sogkraft, die den Grünen und ihrem Milieu seit der Mitte der 80er-Jahre zumal in der Bundesrepublik einen natürlichen Vorsprung in den Argumenten und Stimmungslagen sicherte. Alles richtete sich an den Grünen aus. Man folgte ihnen euphorisch oder widerwillig - oder man verteufelte sie als Feinde von Fortschritt und Wachstum. Wie auch immer, die Grünen waren der Maßstab, das Urmeter der deutschen Politik. Wenn Joschka Fischer seinen Grünen im Kosovo-Konflikt erklärte, "Nie wieder Auschwitz" sei ebenso wichtig wie ihr pazifistisches "Nie wieder Krieg", verstellte er damit die Uhren nicht nur der eigenen Partei, sondern des ganzen Landes.

Die grüne Selbstverständlichkeit

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Anfang der 80er-Jahre entwickelte sich ein Sog zu den Grünen mit ihrem Spitzenpolitiker Joschka Fischer.

Warum ist das nicht mehr so? Dazu muss man etwas weiter ausholen, bis in die Zeit, in der die Grünen als soziale Bewegung und politische Partei entstanden, im Übergang von den 1970ern in die 80er-Jahre. Die Grünen und Alternativen waren ein Sammelbecken von Stimmungen und Befindlichkeiten. Im Rückblick gesehen waren sie ein Seismograph für tiefgreifende historische Umbrüche. In der alten Bundesrepublik ging die Vorherrschaft der SPD zu Ende, nicht nur in der Bonner Regierung von Helmut Schmidt und an den Wahlurnen. Die Jugend, die Intellektuellen, die Journalisten, die einst begeistert "Willy" gerufen hatten, waren enttäuscht. Es mangelte nicht nur an Euphorie für die Sozialdemokratie. Vielmehr stand das ganze Fortschrittsprojekt der klassischen westlichen Moderne seit dem 19. Jahrhundert zur Debatte, mit seinen Grundlagen im wirtschaftlichen Wachstum, in der Ausbeutung der Natur und der Abwälzung von Lasten nach außen. Natur- und Umweltschutz, "Basisdemokratie" statt technokratischer Großprojekte, "small is beautiful"; dazu die Impulse der neuen Frauenbewegung und die Erbmasse der 68er-Bewegung: Daraus entwickelte sich ein Sog zu den Grünen, dessen gesellschaftliche Bedeutung weit über die damaligen Wahlergebnisse hinausreichte.

Diese Situation einer nahezu grünen Selbstverständlichkeit, die man jedenfalls im akademischen Milieu häufig antraf, dauerte über Mauerfall und Wiedervereinigung hinweg bis in die späten 90er-Jahre an, an die Schwelle des neuen Jahrtausends und in die Anfangsjahre der rot-grünen Bundesregierung Schröder-Fischer. Die teils aus ähnlichen Motiven und Milieus der Unzufriedenheit kommenden Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen der DDR stritten sich mit den West-Grünen, verhalfen der Gesamtpartei "Bündnis 90 / Die Grünen", wie sie nun hieß, aber auch zu neuer moralischer Glaubwürdigkeit bis weit in die bürgerliche Mitte der Gesellschaft hinein. Am Ende der langen Kohl-Ära wirkte die so lange ersehnte rot-grüne Koalition, die vor allem die westdeutschen "68er" an die Macht brachte, dennoch wie ein letztes Projekt der alten Bundesrepublik, mit der Beseitigung des gesellschaftspolitischen "Reformstaus" zum Beispiel bei der Staatsangehörigkeit.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 27.08.2017 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/Aus-der-Zeit-gefallen,gedankenzurzeit1058.html

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