Stand: 18.05.2017 18:43 Uhr

"In Polen herrscht keine Diktatur"

"Siła słów" - Worte bewegen oder genauer noch: die Macht der Worte. So lautet das Motto für den Auftritt des diesjährigen Gastlandes auf der Warschauer Buchmesse. Deutschland präsentiert seine Buchlandschaft auf 220 Quadratmetern mit 66 Ausstellern. Bundespräsident Steinmeier eröffnet den Stand gemeinsam mit seinem polnischen Amtskollegen Andrzej Duda. Auch Außenminister Gabriel wird die Warschauer Buchmesse mit dem polnischen Außenminister Waszczykowski besuchen. Deutliche Signale für die Bedeutung der deutsch-polnischen Beziehungen. Aber wie steht es um das Verhältnis der Nachbarländer? Und wie um die "Siła słów"? Fragen an den deutsch-polnischen Schriftsteller Artur Becker, der auf der Buchmesse in Warschau an der Podiumsdiskussion "Für das Wort und die Freiheit" teilgenommen hat.

Herr Becker, wie steht es denn um die Freiheit des Worts im nationalkonservativ regierten Warschau?

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Artur Becker wurde 1968 in den Masuren geboren wurde und lebt heute in Verden an der Aller.

Artur Becker: Gar nicht so schlecht, denn fälschlicherweise haben wir oft in den westlichen Medien das Bild von Polen gehabt, dass in Polen Zensur herrsche und so weiter. Das ist nicht der Fall, denn liberale Zeitungen wie etwa die "Gazeta Wyborcza" oder andere nicht-staatliche Fernsehsender arbeiten völlig normal wie vor der Wahl der Rechtskonservativen. Was die Kultur angeht: Dort gibt es tatsächlich seit zwei Jahren immer wieder Versuche, Gelder zu streichen. Natürlich gibt es auch im staatlichen Rundfunk ständig die Versuche, Kultur ganz anders zu machen - das ist richtig. Aber nicht, was die bunte Landschaft der Medien angeht. Denn dort hat die Regierung gar nicht die Möglichkeit, private Medien zu schließen - wie soll das gehen?

Wir dürfen in Westeuropa nicht das Bild entstehen lassen, dass in Polen eine Diktatur herrscht - das ist nicht der Fall. Die Regierung kämpft massiv in allen kulturellen Bereichen und versucht Restriktionen durchzusetzen, sodass sehr viele Personen darunter zu leiden haben. Aber wir haben nicht solch eine Situation wie in der Türkei oder woanders.

Wie schätzen Sie die Entwicklung des politischen Diskurses als Schriftsteller ein? Mir geht es um die Polemik der Worte, die Macht der Worte, die eingesetzt werden. Die PiS-Partei unter Kaczyński verwendet ja gern starke Worte. Ist das typisch für den politischen Diskurs heute in Polen?

Becker: Das ist typisch für die rechtskonservative Szene. Wobei diese Ressentiments schon seit zwei Jahren in Umlauf sind, und das Ganze hat sich jetzt schon ein bisschen abgenutzt. Man muss leider sagen, dass das Polen-Bild sehr darunter leidet, wie die Regeirung mit der Flüchtlingspolitik umgeht oder wie sich die Germanophobie in den rechtskonservativen Medien darstellt. Aber das Thema hat sich total abgenutzt, weil sich die geschäftlichen Beziehungen überhaupt nicht damit befassen. Ich weiß auch, dass der populistischen Seite die Argumente fehlen.

Sie fragten, ob eine Diskussion darüber stattfindet: Ja, jeden Tag. In der "Gazeta Wyborcza" und in den liberalen Medien wird die Regierung - was sich auch langsam abnutzt - immer wieder angegriffen.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat zusammen mit dem Warschauer ISP-Institut eine erstaunliche Studie veröffentlicht, nach der, wie Sie es schon angedeutet haben, die Germanophobie tatsächlich nicht so ausgeprägt ist, wie vielleicht hierzulande hin und wieder dargestellt wird. Drücken sich darin neue Tendenzen aus oder können wir von einer handfesten Spaltung in der polnischen Gesellschaft sprechen?

Becker: Meiner Meinung nach drücken sich in diesen statistischen Untersuchungen solche Dinge aus, die es nach 1989 in Polen schon immer gegeben hat. In Polen gab es bei der breiten Schicht der Bevölkerung eigentlich nie ein negatives Deutschland-Bild. Ich würde eher sagen, es gab in Deutschland ein negatives Polen-Bild. Die Gesellschaft war aber schon 1989 geteilt. Das, was im Prinzip dazu geführt hat, dass diese rechtskonservative Regeirung gewählt worden ist, ist der uralte Konflikt zwischen den Ex-Kommunisten und den Ex-Oppositionellen. Und das ist eigentlich der politische Konflikt, der in Polen am wichtigsten ist. Und darunter leiden teilweise auch die deutsch-polnischen Beziehungen, denn Lech Wałęsa hat zum Beispiel in Westeuropa ein sehr positives Erscheinungsbild, aber nicht bei dieser Regeirung, die seine Tätigkeit in den 70er-Jahren total infrage stellt; er sei ein Mitarbeiter der Staatssicherheit gewesen und so weier.

Sie haben völlig Recht: Natürlich ist die polnische Bevölkerung geteilt, aber es gab leider in den westlichen Medien viel zu viel Hysterie, weil die meisten Polen, so wie ich das empfinde, liberal und europafreundlich sind. Es gibt leider bestimmt zwei oder drei Millionen Menschen - da sprechen wir von einem harten Wählerkern -, die sehr nationalkonservativ sind.

Wie schätzen Sie die deutsch-polnischen Beziehungen im Literaturbetrieb ein? Läuft da auch alles so glatt wie beispielsweise in der Wirtschaft?

Becker: Ich finde nicht. Ich staune darüber, dass viele Autorinnen und Autoren absagen mussten, weil sie wieder ein neues Buch schreiben oder andere Termine haben. Ich finde, deutsche Autoren sollten immer die Möglichkeit wahrnehmen, nach Polen oder Israel zu reisen. Weil das eine sehr spezielle Buchmesse ist und ein sehr spezielles Verhältnis, natürlich auch aufgrund der Tatsache, dass Warschau komplett zerstört gewesen ist und dass es diesen Zweiten Weltkrieg gegeben hat. Das ist für einen deutschen Autor eine riesige Chance, nach Warschau zu fahren und zu gucken, zu erforschen, mit den Menschen zu sprechen. Ich glaube, dass die Autorinnen und Autoren, die diese Einladung angenommen haben, sich dessen sehr bewusst sind, wie zum Beispiel Ulrike Draesner.

Ich bin natürlich nicht allzu objektiv, weil ich in zwei Sprachen schreibe und in zwei Ländern publiziere, und ich bin weder in Deutschland noch in Polen ein Gast - ich lebe in beiden Ländern.

Das Interview führte Natascha Freundel.

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NDR Kultur | Journal | 18.05.2017 | 19:00 Uhr

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