Stand: 14.10.2015 06:00 Uhr

Verharmlost Behörde Krebsgefahr durch Glyphosat?

Der Streit um das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat spitzt sich weiter zu. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnte im Frühjahr vor einer Krebsgefahr. Seitdem wird über das Pestizid zunehmend kontrovers diskutiert. Die Zulassung läuft Ende des Jahres aus, sie könnte jedoch auch verlängert werden. Dabei spielt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) eine entscheidende Rolle: Die Behörde hat im Auftrag der EU einen Bericht verfasst, der bei Glyphosat-Kritikern für Empörung sorgt.

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Die Zulassung für das umstrittene Pflanzenschutzmittel Glyphosat läuft zum Jahresende aus. (Symbolbild)

Zwei Worte sorgen in der Diskussion um Glyphosat seit Monaten für Wirbel: "Wahrscheinlich krebserregend". So bewertet die Internationale Agentur für Krebsforschung der WHO das Pflanzengift. Das Bundesinstitut für Risikobewertung stellte dagegen immer wieder fest: Der Unkrautvernichter ist für Verbraucher unbedenklich. An dieser Einschätzung hält das BfR offenbar auch in seinem Bericht an die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit fest. Er liegt NDR Info in Teilen vor. Offiziell wollte das BfR mit Verweis auf derzeitige Vertraulichkeit die Existenz des Berichtes nicht bestätigen. Anders das Ergebnis einer Anfrage bei den Grünen: Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter und Gentechnik-Experte, übt scharfe Kritik: Das BfR räume zwar inzwischen Hinweise auf eine krebserregende Wirkung von Glyphosat ein. Im Fazit aber bleibe die Behörde bei der Einschätzung, Glyphosat sei harmlos.

Besonders zynisch sei in diesem Zusammenhang der Begriff Vorsicht: Das BfR betrachte Studienergebnisse nach eigenen Angaben "vorsichtig" - und meine damit Vorsicht, dass keine kritischen Ergebnisse ans Licht kommen, sagte Ebner. "Wenn es um Vorsicht geht, dann haben wir doch Vorsicht zum Schutz vor Menschen und Umwelt an den Tag zu legen, und nicht dieses Gift aus Vorsicht vor Einschränkungen zu schützen."

Wichtige Studien als wertlos abgetan?

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Im Streit um Glyphosat geht es um die Frage: Krebserregend oder nicht? Und warum kommen unterschiedliche Institute zu unterschiedlichen Einschätzungen? Eberhard Greiser ist Epidemiologe. Der Wissenschaftler erhob kürzlich in einer Bundestags-Anhörung schwere Vorwürfe gegen das BfR. Wichtige Details zur möglicherweise krebserregenden Wirkung seien unterschlagen worden, wichtige Studien als wertlos abgetan. Gegenüber NDR Info bekräftigte er seine Kritik. Das Bundesinstitut behaupte einfach, in besagten epidemiologischen Studien sei nicht richtig erfasst worden, wie Glyphosat angewendet wurde oder ob die Teilnehmer Raucher waren oder Vorerkrankungen bestanden. "Und wenn ich dann in diese Studien hineinschaue, dann falle ich vor Schrecken fast um." Denn alles, was laut BfR dort fehle, sei in Wahrheit vorhanden.

"Dann bleibt nur Korruption"

Greiser sagt, er frage sich, warum "das Institut eine Studie, die in einer hervorragenden internationalen Zeitschrift publiziert wurde, so runtergemacht" habe. Greiser geht noch einen Schritt weiter: Er sehe nur zwei mögliche Erklärungen für die Fehlbewertung des Instituts, das dem Landwirtschaftsministerium unterstehe. Entweder habe das Ministerium Weisung erteilt, dass die Zulassung für das Unkrautvernichtungsmittel verlängert werden müsse. "Wenn dem nicht so ist, dann ist die Alternativ-Erklärung natürlich ganz furchtbar: Dann bleibt nur Korruption."

Behörde spricht von übler Nachrede

Was ist Glyphosat?

Der Wirkstoff Glyphosat ist Bestandteil von Unkrautvernichtungsmitteln. Er hemmt ein für das Pflanzenwachstum wichtiges Enzym. Gentechnisch veränderte Nutzpflanzen werden durch Glyphosat nicht geschädigt. In Deutschland kommt das Mittel Schätzungen zufolge auf 30 bis 40 Prozent der Ackerflächen zur Anwendung.

NDR Info konfrontierte das BfR mit dem Korruptionsvorwurf. In einer schriftlichen Stellungnahme antwortete die Behörde: "Wer das BfR, ohne nachweisliche Tatsachen anzuführen, als korrupt bezeichnet, erfüllt den Straftatbestand der üblen Nachrede. Damit wird das Ziel verfolgt, eine anerkannte wissenschaftliche Einrichtung und ihre Mitarbeiter zu diskreditieren." Zudem habe das BfR keine Weisung aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium erhalten, wie der Wirkstoff Glyphosat gesundheitlich zu bewerten sei. Roland Solecki, Leiter der Abteilung Sicherheit von Pestiziden, bekräftigte gegenüber NDR Info, für das Neuzulassungsverfahren von Glyphosat spielten die Bewertungen durch die WHO-Krebsforscher eine herausragende Rolle. Darüber hinaus würden unter anderem Dossiers von Nichtregierungsorganisationen und Hinweise aus den EU-Staaten in die Bewertung einbezogen.

Im November will die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit ihren Abschlussbericht vorliegen. Sollte sich die Behörde alleine an dem Bericht aus Deutschland orientieren, dann, so die Befürchtung der Grünen, laufe es wohl auf eine weitere Zulassung von Glyphosat hinaus.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 14.10.2015 | 07:20 Uhr