Stand: 10.12.2013 15:15 Uhr

Axel Milberg: "Wir müssen gut unterhalten"

Sein norddeutscher Charakter ist unverwechselbar - seit zehn Jahren mimt Axel Milberg den kauzigen und eigensinnigen Tatort-Kommissar Klaus Borowski. Sein erster Fall als Kieler Ermittler - die Folge "Väter" - lief am 30.11.2003 im Ersten. Jetzt gibt es zum Jubiläum einen neuen Fall: "Borowski und der Engel". Nach einem tragischen Autounfall, bei dem ein aufstrebender Nachwuchspianist stirbt, ermittelt Borowski in einem Netz aus familiären Schicksalen und persönlichen Intrigen. Vor der Ausstrahlung am 29. Dezember im Ersten sprach NDR.de mit Axel Milberg.

Tatort: Borowskis Fälle aus zehn Jahren

"Borowski und der Engel" ist auf den ersten Blick kein typischer Tatort. Er beschäftigt sich mit dem Seelenleben der Protagonisten und ihren Abgründen. Es passiert nicht sofort ein Mord wie sonst. Was gefällt Ihnen am Jubiläums-Tatort?

Axel Milberg: Sascha Arango ist ein ganz besonderer Autor, der für uns bis jetzt fünf Tatorte geschrieben hat, und den ich außergewöhnlich schätze. Jedes Mal hat er einen Film erzählt, der offen ist. Das heißt, wir wissen eigentlich nach fünf bis zwölf Minuten, wer unser Täter ist. Die Spannung ist also nicht: Wer ist der Täter? Sondern: Wie kriegt der Polizist ihn? Der Vorteil dieser Erzählweise ist, wir können beim Täter sein - unabhängig von den Ermittlungen und mit ihm weitergehen. Das heißt, wird der Täter wieder morden? Wie geht es dem Täter dabei? Was hat ihn zu seinen Taten veranlasst? Was ist sein Charakter, sein Wesen? Wie tarnt er sich?

Das ist so ein bisschen wie Kasperle: Achtung, vorsicht Polizist, er steht hinter dir! In "Borowski und das Mädchen im Moor" freundet er sich sogar mit dem Täter an - dem Kaufhausdetektiv, der ihn im Auto mitnimmt. Sie lachen, weil sie beide Klaus mit Vornamen heißen. So eine Banalität führt zu einer Nähe zwischen den beiden - und trotzdem ist er der Täter.

Zu Beginn der Folge hält Borowski Polizeischülern einen Vortrag über das Böse - und zwar, warum manche Menschen nicht böse werden...

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Lavinia Wilson spielt die Altenpflegerin Sabrina Dobisch in "Borowski und der Engel".

Milberg: Das ist tatsächlich eine ganz andere Erzählweise, aber interessant ist ja auch das Wesen des Täters, das Wesen des Bösen. Was ist das Böse? Ist Borowski auch böse? Ist es Zufall, dass er sich auf die Seite des Guten gestellt hat? Wird jemand böse geboren? Diese Fragen werden am Anfang gestellt und Borowski beantwortet sie, indem er sagt, das Sensationelle ist eigentlich nicht, warum Menschen Böses tun, sondern warum sie es nicht tun. Was macht den Unterschied? Warum können wir unsere Kinder davon abhalten? Diese Fragen bleiben unbeantwortet, führen aber mitten in den Fall hinein, der dort in der Schilderung des Alltags dieser jungen Frau, Lavinia Wilson, seinen Anfang nimmt.

Das ist ja Fakt, dass sie eigentlich lügt und damit die ganze Welle auslöst und sich damit auch verstrickt und Sie sozusagen mit einer Lüge den Fall lösen. Das ist die Frage: Darf man lügen, um dem Bösen nachzujagen oder das Böse aufzudecken?

Milberg: Die Uridee bei Arango war, dass jemand krankhaft lügt, also nicht unterscheiden kann zwischen Wahrheit und Lüge, nicht nur immer zum eigenen Vorteil. Das ist auch der ideale Zeuge, weil dieser Zeuge sich an alles ganz genau erinnern kann. Weil alles gelogen ist, kann er die Details noch mal ganz genau beschreiben und auch sein Körper macht da mit. Das heißt, Tränen sind echt, Freude ist echt - aber alles basiert auf einer erfundenen Wirklichkeit.

Sie haben im vergangenen Jahr gesagt, Frieda Jung (die Polizeipsychologin von 2003 bis 2010) habe Sie weichgekocht und Sie seien dadurch netter geworden. Die Frauen spielen noch immer eine große Rolle, auch im jetzigen Tatort - das weibliche Geschlecht lässt Sie nicht los …

Milberg: Der Autor hat das so geschrieben, ich habe attraktive Frauen nicht bei ihm bestellt. Aber das ist durch die Geschichte bedingt - eine Altenbetreuerin, sozusagen ein guter Mensch von Berufswegen. Das ist ungeheuer, wir wissen nicht so viel über die Grauzone der Altenbetreuung. Wie viele arbeiten nach Uhrzeit? Wie viele Minuten hat man für den und den. Das ist ein großer Spaß, Borowski zu sehen, wie er mit dem Mann-und-Frau-Ding spielt. Lavinia Wilson versucht ihn in seiner Ermittlungskompetenz dadurch zu berauben, indem sie ihn mit großen Augen anschaut. Er geht darauf ein, er ist durchaus angezogen von ihr - aber noch mehr von Leslie Malton (spielt die Immobilienmaklerin Doris Ackermann, Anm.d.Red.). Die Attraktivität der verdächtigen Frauen bringt ihn aber nicht um den Verstand, sondern er spielt das mit. Im entscheidenden Moment begreift man, dass er den Gegner in Sicherheit wiegt.

Schön sind die skurrilen Szenen, die immer wieder eingebaut werden. Zum Beispiel die Anfangsszene, in der Sibel Kekilli Ihnen das Messer an den Hals hält und dann kommt der Chef rein und fragt: "Was ist hier los?" Oder dass Sie sich einfach auf den Boden legen und die Szene nachstellen - das würde ja auch nicht jeder machen.

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In "Borowski und der Engel" spielt Axel Milberg zum 22. Mal den Tatort-Kommissar.

Milberg: Das ist gut beobachtet. Das erste Gebot, dass wir erfüllen müssen ist, dass wir gut unterhalten. Wir müssen nicht Volksaufklärung betreiben, wir müssen nicht moralisch sein und erziehen. Was das Absurde, Schräge und Bizarre betrifft: Gehen Sie irgendwo hin auf eine Polizeidienststelle und Sie werden es erleben. Sie werden reich beschenkt mit Dingen, die unglaublich sind. Nur jemand, der sagen wir mal eine Verlustanzeige aufgeben will und sich an einen Schreibtisch setzt, sagt ,wenn er wieder rauskommt: Ich kann gar nicht fassen, was da alles passiert ist. Es mag manchmal erfunden wirken, es ist aber alles viel irrer in der Wirklichkeit. Wenn ich so ein Drehbuch lese und wir das filmen, dann überprüfe ich das für mich auch. Geht das wirklich oder ist das so eine Idee, die einem dann um die Ohren fliegt? Ich könnte Ihnen tausend Geschichten erzählen. Alleine wie eine Anzeige aufgenommen wird und jemand da sitzt und die Buchstaben einzeln eingibt. Oder er hat gar nichts und nimmt ein weißes Blatt Papier und einen Bleistift und schreibt auf, dass ihm eine Geldbörse gestohlen worden ist, dann bricht der Bleistift ab und du fragst dich: "Das ist unsere Polizei?"

Das sind auch nur Menschen ...

Milberg: Eben, das sind Menschen. Wir erzählen Menschen und das ist von Anfang an meine Absicht gewesen, dass wir nicht den Funktionsträger erzählen, der ein Held ist und sagt: "Schau mal deutsche Öffentlichkeit, schaut mal was ich für ein toller Held bin!" Das hat mich nicht interessiert.

Sie sind gebürtiger Kieler. Was hat der Borowski von Ihnen? Hat er überhaupt was von Ihnen?

Milberg: Vom Wesen her glaube ich gar nicht so viel. Und vom Äußeren her, natürlich, das bin ich. Ich verstelle meinen Gang nicht und ich spreche nicht mit verstellter Stimme. Aber ich versuche das immer auf Distanz zu halten und ich glaube, das gelingt auch. Was von mir tatsächlich gewollt ist, ist diese Gesprächsführung, dass man sich nicht anbrüllt. Moralische Entrüstung hat in Ermittlungsgesprächen nichts verloren. Ich finde das auch ungeheuer spießig, wenn der Polizist für eine Öffentlichkeit darstellen soll, wie empört er ist, wenn jemand einen Mord begangen hat. Ich will höflich fragend etwas erfahren, was das Gegenüber möglicherweise gar nicht sagen will. Da muss ich Tricks anwenden. Wenn ich jemanden einschüchtere, bedrohe oder verärgere, dann gehe ich leer aus.

Wie lange wird Borowski noch ermitteln?

Milberg: Ich finde es komisch, dass mich das alle fragen. Jetzt ist es doch erst richtig gut. Ich bin in Aufbruchstimmung. Es hängt aber natürlich auch immer von der Redaktion ab.

Das Interview führte Stefanie Grossmann, NDR.de

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