Stand: 18.06.2015 13:30 Uhr

"Jetzt klafft in der Unterhaltung eine Lücke"

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Mit dem Aus von "TV total" endet in Deutschland die Late-Night-Show-Ära, meint Julia Jakob.

Es ist ein Paukenschlag: Stefan Raab beendet Ende des Jahres seine TV-Karriere. Hintergründe wurden nicht bekannt, von Raab selbst gab es lediglich das Statement, er habe die Entscheidung aufzuhören nach reiflicher Überlegung und mit Überzeugung getroffen. Einschätzungen zum Raab-Rückzug von NDR Info TV-Expertin Julia Jakob.

Welche Bedeutung hat der Weggang von Stefan Raab fürs Fernsehen?

Julia Jakob: Eine große. Für den Sender ProSieben ist das ein extrem harter Schlag ins Kontor, denn Raab war zuverlässiger Lieferant guter Quoten. In Spitzenzeiten machte er sagenhafte 60 Prozent. Mit seinem Weggang geht einfach eine Fernseh-Ära zu Ende, nämlich die der Late-Night-Show. Harald Schmidt war da eine feste Größe, mochte dann aber nicht mehr. Thomas Gottschalk ist daran gescheitert. Mit "TV total" hat Stefan Raab die am besten funktionierende Late-Night-Show im deutschen Fernsehen moderiert. Die Sendung lief immerhin seit 1999 und das ganz im Stil der amerikanischen Vorbilder mit Orchester, Studiogästen und witzigen - vielleicht auch manches Mal peinlichen - Einlagen des Gastgebers.

Worin liegt oder lag der Erfolg von Stefan Raab?

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Will Ende des Jahres seine TV-Karriere an den Nagel hängen: Stefan Raab.

Jakob: Der Mann hat einfach ein Talent für Unterhaltung und für das Medium Fernsehen. Raab hat sich nicht ums Gängige geschert, der hat mit erfrischender Frechheit und ohne Berührungsängste Neues probiert. Wie zum Beispiel die "Rabigramme", da hat er mit der Ukulele Prominenten kleine veralbernde Ständchen dargebracht - etwa für die Klitschko-Brüder. Darin hieß es "Hände so groß wie Paddel, 'nen Brustumfang wie Naddel". Ein anderes Beispiel sind Rubriken wie "Raab in Gefahr". Boulevard war für Raab kein breiter Gehweg, sondern ein Regal voller Themen-Töpfe, aus dem er sich kräftig bedient hat. Stefan Raab hatte auch keine Angst, sich an Altbewährtem neu auszuprobieren. Dem Eurovision Song Contest hat er ja wirklich neues Leben eingehaucht. Außerdem konnte er da sein musikalisches Talent ausspielen - der Mann beherrscht immerhin vier Instrumente.

Aber Stefan Raab war auch nicht immer ganz geschmackssicher ...

Jakob: Ja, das Konzept der Provokation birgt eben die Gefahr, auch Grenzen zu überschreiten. Bei "TV total" gab es ja immer diese kleinen Einspieler. Bei der 16-jährigen Lisa Loch hat er zum Beispiel daneben gegriffen - mit seiner Aussage, sie solle eine Karriere im Porno-Geschäft einschlagen. Da hat Raab einfach unter der Gürtellinie und ohne Gespür agiert. 70.000 Euro Schadenersatz musste er der jungen Frau zahlen.

Andererseits ist doch aber nun auch Platz für Neues, also neue Gesichter.

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Wadde hadde gesagt? Aufhören!

Stefan Raab hat sich entschlossen, seine Fernsehkarriere zu beenden. Ob er sich komplett ins Privatleben zurückziehen will oder neue Ideen hat, darüber ist noch nichts bekannt. mehr

Jakob: Richtig, aber ehrlich gesagt: Kurzfristig sind da keine würdigen Nachfolger in Sicht. Mittelfristig stehen da in den Startlöchern Jan Böhmermann oder auch Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt. Allerdings: Jetzt, mit dem Ende von Raabs TV-Karriere, klafft in der Unterhaltung eine Lücke. Das Showkonzept von "Schlag den Raab" wurde ja sogar in andere Länder verkauft. Meistens läuft das umgekehrt, dass deutsche Sender im Ausland erfolgreiche Konzepte einkaufen. Mit dieser Show hat es der Kölner geschafft, die vielzitierte und oft gescheiterte Samstagabend-Unterhaltung nicht nur am Leben zu halten, sondern auch neu zu beleben. "Schlag den Raab" fand jüngere wie ältere Zuschauer. Gleiches gilt für die "Wok-WM" und weitere sportliche, von ihm erfundene Wettkämpfe.

Hinweis: In einer ersten Version des Artikels hieß es, dass die Sendung seit 1991 lief. Das ist falsch. Die erste TV-Total-Ausgabe lief im März 1999.

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NDR Info | 18.06.2015 | 11:54 Uhr