Stand: 30.12.2016 09:15 Uhr

Hübner: "Selbstjustiz ist vielen nicht fremd"

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Alexander Bukow (Charly Hübner) arbeitet schnell, zielorientiert, gerne auch mal am Rande des Gesetzes.

Seit 2010 ermittelt Charly Hübner als Kriminalhauptkommissar Alexander Bukow zusammen mit Anneke Kim Sarnau im Polizeiruf 110 aus Rostock. 2013 bekam er für diese Rolle als "Bester Darsteller" den Bayerischen Fernsehpreis, ein Jahr später erhielt er den "Jupiter". "Angst heiligt die Mittel" ist der 15. Fall der beiden Ermittler, Das Erste zeigt ihn am 1. Januar um 20.15 Uhr. Im Interview spricht der Schauspieler über Vorurteile gegenüber Triebtätern und warum Selbstjustiz in diesem Zusammenhang vielen nicht fremd ist.

"Angst heiligt die Mittel" macht die Haltung der Gesellschaft gegenüber Sexualstraftätern zum Thema. Worin liegt für Sie die Qualität dieser Geschichte?

Charly Hübner: Selbstjustiz ist ein seelischer Impuls, der vielen nicht fremd ist. Die Dinge selber regeln, weil ein intuitives, übergesetzliches Gerechtigkeitsgefühl einem den Mut, die Kraft und das Recht dazu zu geben scheint. In Zeiten der Unkenntnis der Verfassung wie heute stellt sich das voraufklärerische Handeln vor das Regel- und Gesetzeskonforme. Wenn sich dann sogar noch eine Selbstjustizgemeinschaft herstellt, potenziert sich das Gefühl, im Recht zu sein. In diese Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenseins wollte die Autorin hineinleuchten, und wir hatten Lust, ihr da zu folgen.

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Sascha Bukow ist hier ungewohnt in sich gekehrt. Liegt das vor allem an der Sorge um den Vater oder macht auch dieser Fall ihn nachdenklich?

Hübner: Der Vater bleibt im Koma, ist fern und als verlässlichster Halt weg. Die drohende Abnabelung vom 'Big Daddy' lähmt diesen Mann mit Mitte 40 mehr, als ihm bewusst sein kann. Der Fall macht ihn nicht heiterer, aber Bukow ist sachlich so eine sichere Bank in dieser Ermittlerarbeit, dass er selbst aus dem letzten Loch pfeifend noch ermittelnd handeln könnte. Nur wenn Vater oder Kinder sterben sollten, dann ist er endgültig ausgeknockt. Und die letzten Monate und Jahre waren für Bukow auch mehr gräulich als himmelblau.

Katrin König hat eine Zusage aus Berlin, wirkt aber unentschlossen. Warum versucht Bukow nicht schneller und aktiver, sie von dem Plan abzubringen?

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In "Angst heilgt die Mittel" kommt es immer wieder zu Spannungen zwischen den Ermittlern.

Hübner: Wenn einer Frau König am laufenden Band Gründe geliefert hat, aus dem beschaulichen Rostock ins fordernde Berlin gehen zu wollen, dann Bukow. Wenn einer in der Lage ist, sie zum Dableiben zu bewegen, dann Bukow. Dieser zweischneidigen Klinge ist sich jemand wie er bewusst. Vielleicht nicht konkret, sondern intuitiv, aber er weiß darum. Und wenn er sich fragt, was wäre, wenn Katrin König nach Berlin geht und Vater kommt nicht wieder und meine Söhne bleiben mir verschlossen, dann sind seine Ahnungen, was die eigene Zukunft angeht, äußerst dunkel. Da er ein stiller Taktiker ist, bewegt er diese Information in sich, und erst kurz bevor der mögliche letzte Zug abfährt, kann er sie dem stellen. Die Ereignisse haben es natürlich auch verhindert, dass man vorher nochmal cool drüber redet. Aber selbst dann hätte er ihr das nicht gleich sagen können. Es gibt ein mächtiges Sehnsuchtsgefühl, was er sich selber eingestehen muss, um sie ernsthaft erreichen zu können. Deswegen muss es am Ende dieses Films sein. Denn beide sind zu wichtig für den jeweils anderen. Und das kann nicht zwischendrin verhandelt werden.

Nicht nur die Bewohner von Beeslow begegnen den beiden Triebtätern mit Vorurteilen. Auch im Kommissariat gibt es zwiespältige Gefühle und Kontroversen. Wie ist das Darstellerteam an die Sache herangegangen?

Hübner: Die Ohnmacht, wenn man dieses Thema an sich heranlässt, ist spürbar. Immer. Ein seelisch-obsessiver Mann, der Frauen vergewaltigt, und ein Mann, der pädophil veranlagt ist, sind für den bürgerlich erzogenen Menschen eine bedrohliche Kraft. Auch wenn man meint, das cool analysieren zu können, ist das Potenzial dieser Taten wahrlich bedrohlich. In diesem Sinne war es den Kollegen wichtig, diese 'Debatten' nicht allzu spielerisch zu bewältigen, sondern eher pur. Bukow ist sich klar darin: Kinder müssen geschützt sein. Immer! Überall! Und Vergewaltiger sind seelisch krank für ihn.

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Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Polizeiruf 110 - Angst heiligt die Mittel | 01.01.2017 | 20:15 Uhr

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