Bjarne Mädel: Der Mann für skurrile Typen
Der Schauspieler begeistert in ungewöhnlichen Rollen. mehr
Hamburg Rothenburgsort, ein altes, meist leer stehendes Gebäude an den Elbbrücken. Im großzügigen Foyer im Erdgeschoss stehen Kisten und Rollwagen vor einem alten Empfangstresen. Am Tresen lehnt ein Mann. Seine Augen sind geschlossen, Blut ist von seinem Kopf den Hals herunter auf sein Hemd gelaufen und dort getrocknet. Als irgendwo ein Handy klingelt, öffnet der Mann die Augen. Er heißt Daniel Hohenberger und spielt eine mit Kunstblut überströmte Leiche - beim Tatortreiniger.
Obwohl der gewaltsame Tod eines Menschen eigentlich Ausgangspunkt für den Job des Tatortreinigers - gespielt von Bjarne Mädel - ist, muss sich die "Leiche" im Erdgeschoss noch eine Weile gedulden. Im oberen Stockwerk werden erst noch andere Szenen für die achte Folge "Angehörige" der preisgekrönten NDR Fernsehserie gedreht. In dieser Episode trifft Heiko Schotte, genannt Schotty, in der Wohnung eines getöteten Zauberers auf dessen schwulen Freund Fanny Fee, den Florian Lukas verkörpert. Als der Tatortreiniger bemerkt, dass Fanny Fee die Leiche in der Wohnung versteckt, wird es laut Drehbuch turbulent.
Die Garderobiere prüft, ob Florian Lukas' Kleidung gut sitzt, bevor die nächste Szene gedreht werden kann.
So weit ist man im ersten Stock jedoch noch nicht, hier sind die Dreharbeiten gerade ins Stocken geraten. Die Darsteller befinden sich auf ihren Positionen - Schotty kniet mit Mundschutz auf dem Boden, Fanny Fee sitzt mit einer Schachtel Pralinen in der Hand vor ihm. Auch der Rest der Filmcrew steht nach dem "Ruhe bitte, wir drehen" von Regieassistent Christoph Holsten still und scheint den Atem anzuhalten. Draußen jedoch blieb sein Kommando folgenlos: Vor dem Haus fährt ein Bauwagen auf und ab, ständig piept er beim Rückwärtsfahren.
Weil die Geräusche die Zuschauer später irritieren könnten, muss das Filmteam warten, bis die Bauarbeiter freundlicherweise ihre Arbeit unterbrechen. Solche Verzögerungen kosten das Tatortreiniger-Team kostbare Zeit. Für die meisten Szenen brauchen sie Tageslicht, das im Winter ohnehin schon rar ist. Seit 8 Uhr sind sie am Set, um 18.30 Uhr soll Drehschluss sein. Bis dahin stehen noch viele Einstellungen auf der Liste, alle gucken immer wieder ungeduldig auf die Uhr. Dann, Stille von draußen, es kann losgehen. Mehrere Durchgänge müssen gedreht werden. Einmal ist Regisseur Arne Feldhusen nicht mit dem Bildausschnitt zufrieden, ein anderes Mal vergisst Florian Lukas einen Satz seines Textes. Wie immer dauert es eine Weile, bis die Szene im Kasten ist.
In der Folge "Angehörige" wird Bjarne Mädel gefesselt. Es bleibt sein Geheimnis, ob es ihm gefallen hat.
Dann herrscht dort, wo eben noch alles stillstand, großes Gewusel. 15 bis 20 Menschen laufen in dem Loft umher. Der Kameramann bringt seinen Kamerakran in Position, die Requisiteurin rückt diverse Gegenstände so lange zurecht, bis Regisseur Arne Feldhusen, der das Gesamtbild über einen Monitor kontrolliert, sein Okay gibt. Zeitgleich werden die Darsteller präpariert. Für Florian Lukas heißt das nur nachpudern und noch ein bisschen mehr Haarspray. Bjarne Mädel hingegen wird mit den Händen auf dem Rücken an einen Stuhl gefesselt. So steht es im Drehbuch - und er erträgt es mit seiner norddeutschen Gelassenheit.
Auch als nach mehreren Durchgängen diese Einstellung im Kasten ist und für den nächsten "Schuss" umgebaut wird, muss der gebürtige Hamburger die Stellung halten. Aber, das bringt die Arbeit beim Film eben mit sich: Warten auf den nächsten Einsatz, im Zweifel in unbequemer Körperhaltung. Das gilt eben für die Haupt- genauso wie für die Nebendarsteller.
Daniel Hohenberger, die Leiche, hat sich im Erdgeschoss inzwischen die Jacke angezogen und läuft auf und ab, um sich warmzuhalten. Draußen dämmert es bereits, er hofft, dass seine Szene heute noch gedreht werden kann - und er nicht unverrichteter Dinge abgeschminkt wird und morgen noch einmal in das leerstehende Haus nach Rothenburgsort kommen muss.