Stand: 06.05.2017 02:10 Uhr

Zwei Stunden für das eine Lied

von Ilka Kreutzträger

In der Hamburger Laeiszhalle wird am Freitagabend das Jubiläum einer Hymne gefeiert. So viel ist klar und das wird auch noch bevor die Band City die Bühne betritt, angekündigt. Auch, dass es nach dem Konzert die neue Platte, also wirklich eine Platte, eine Vinyl-Scheibe in rot, im Foyer zu kaufen gibt und dass die fünf Herren noch Autogramme geben, gibt es als Info vorab. Überraschungen sind an diesem Abend also ausgeschlossen – und das soll auch so.

Fünf Männer und ein Cowboy-Hut

City ist auf Tournee und die fünf Männer, Gesang (Toni Krahl), Keyboard (Manfred Hennig), Schlagzeug (Klaus Selmke), Geige (Georgi Gogow) und Gitarre (Fritz Puppel wie immer mit Cowboy-Hut), machen Station in der Hamburger Laeiszhalle. Pünktlich zum 40. Geburtstag ihres größten Hits „Am Fenster“ haben sie auch ihr neues Album „Das Blut so laut“ herausgebracht und touren durchs Land. Gegründet hat sich die Band 1972 im damaligen Ost-Berlin – oder wie Sänger Toni Krahl mit seiner kratzig-rauchigen Stimme zwischen zwei Stücken auf einem Hocker sitzend erzählt, „als die Mauer noch 100 Meter hoch war“.

1977 erschien die mal sieben, mal elf oder auch mal 18 Minuten lange Hymne „Am Fenster“. Ihr größter Erfolg wurde auch der wohl populärste Hit der DDR-Rockgeschichte, bekam 1981 sogar in Griechenland die „Goldene Schallplatte“, lief in den Diskos rauf und runter – auch in Westdeutschland. Ungewöhnlich für einen Song aus der DDR und ungewöhnlich für ein Lied, das nach einem Gedicht komponiert war - nach dem der Leipziger Lyrikerin Hildegard Maria Rauchfuß: „Einmal wissen, dieses bleibt für immer – Ist nicht Rausch, der schon die Nacht verklagt – Ist nicht Farbenschmelz noch Kerzenschimmer – Von dem Grau des Morgens längst verjagt“.

Fluch und Segen zugleich

In Hamburg ist der ganze Abend auf „Am Fenster“ ausgerichtet. Das ist wohl Fluch und Segen zugleich für jene Bands, deren Ruhm oder Kultstatus vor allem auf einem einzigen Lied gründet. City machen es einfach offensiv und tun nicht so, als seien die Leute nicht wegen dieses Liedes gekommen. „In Hamburg fühl' ich mich wie Zuhause“, ruft Krahl nach den ersten beiden Liedern, im Hintergrund läuft dazu als leises Soundbett „Am Fenster“ - und das Publikum dankt es mit Jubel und Applaus. „Keine Angst, die alten Kamellen kommen später noch!“ Aber erst mal spielen sie Stücke vom neuen Album, „Am Fliederbusch“, „Das Blut so laut (unter der Haut 2.0), „Hoffnung ist Risiko“. Das Publikum ist gut gelaunt, sanftes Kopfnicken im Takt, fröhliches Warten auf den Höhepunkt des Abends.

Dank „Am Fenster“ war City die zweite Band nach den Puhdys, die im Westen auftreten durfte. In Hamburg spielten sie auch – 1978 im kleinen Liveclub Logo, der 1974 in einem ehemaligen Möbelladen eröffnete. Auch das erzählt Krahl und bittet um Handzeichen derjenigen, die dabei waren - da fliegen im Publikum jubelnd Arme in die Höhe - „Ich war da!“ ruft es hier und da. „Ihr wart da und könnt euch noch erinnern“, ruft Krahl zurück, allseits Gelächter – es ist nicht der letzte Witz auf Kosten des Alters von Band und Publikum. Man ist hier zusammengekommen, um gemeinsam in Erinnerungen zu schwelgen – und das funktioniert. Trotz oder vielleicht auch ein bisschen wegen der Laeiszhalle.

Intime Atmosphäre geschaffen

Der Große Saal der Laeiszhalle, in seinem Schnörkel-Neobarock, weiß und gold, mit dieser Milchglas-Decke, die die Illusion erzeugt, es sickere Tageslicht herein und die den Saal noch höher wirken lässt, ist eigentlich seit über 100 Jahren Hamburgs Haus für klassische Konzerte. Und wenn hier ein großes Orchester auf der Bühne vor der riesigen Orgel spielt, wird der Saal luftig, weit und manchmal unendlich. City aber gelingt es an diesem Freitagabend, eine intime Atmosphäre zu schaffen, als rückten Parkett und Rang immer näher an die Bühne heran, je mehr Lieder verstreichen.

Es wird natürlich nicht so clubbig wie im kleinen Logo, aber doch gemütlich. Auch, weil Sänger Toni Krahl immer wieder aus dem Nähkästchen plaudert. Eben von jenem ersten Auftritt im Hamburger Logo vor 40 Jahren zum Beispiel – und ihrer ersten Begegnung mit Hamburg überhaupt. Davon, wie sie für Klaus Selmke Westgeld zusammenlegten, damit der auf der Reeperbahn in den Puff gehen konnte, weil sie wissen wollten, was dort passiert. Davon, wie der Klaus dann 50 Mark für zwei Bier bezahlte, wie im Puff „Am Fenster“ lief und er am Ende der ganzen Belegschaft Autogramme gab, statt herauszufinden, was denn dort so passiert.

Angemessene Würdigung

So verstreichen die zwei Stunden Konzert, launig, unaufgeregt und mit viel rhythmischem Geklatsche. „Sieben Tage lang“, „Berlin“ und Casablanca“, das Publikum steht am Ende zwischen den rotplüschigen Sitzreihen und tanzt, weiß, dass gleich das Lied kommt, das sie hier zusammenbrachte. „So, jetzt müssen wir zurück ins Heim“, ruft Krahl, winkt, bedankt sich und geht mit der Band von der Bühne - aber es wird natürlich einfach weiter geklascht und gejubelt bis die ersten einschlägigen Geigenklänge aus dem Off ertönen. Da ist es dann endlich - „Am Fenster“. Das Lied kriegt so seine angemessene Würdigung, die Smartphones werden gezückt und dazu wird gewippt.

Etwas schade, dass Krahl am Ende über den Klang des Songs die Band und sich verabschiedet und so das schöne Lied etwas zerfasert. Mit dem letzten Ton gehen dann auch sofort das Licht und die Musikkonserve an. Nach „Am Fenster“ soll hier nichts mehr kommen – die Band verbeugt sich und geht ab - und der Rest des Publikums strömt mit den Geigenklängen im Kopf hinaus in den Hamburger Freitagabend.

City feiert 40 Jahre "Am Fenster" in Hamburg

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 06.05.2017 | 19:30 Uhr

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