Stand: 05.10.2015 18:43 Uhr

Heimat als rechter Kampfbegriff

von Matthes Klemme, NDR Info

Die ARD-Themenwoche befasst sich in diesem Jahr mit dem Schwerpunkt "Heimat". Für Rechtsextreme ist Heimat ein Kampf- und Schlüsselbegriff. Fremde haben in ihrer Ideologie keinen Platz. In Mecklenburg-Vorpommern versuchen Neonazis, "rassenreine" Siedlungen zu etablieren.

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Das Dorf Jamel im Nordwestmecklenburg ist zum Symbol geworden: Seit Jahren verdrängen Neonazis dort Andersdenkende.

"Die BRD ist uns völlig gleich, denn unsere Heimat ist das Deutsche Reich": T-Shirts mit diesem Aufdruck tragen Neonazis oft auf Demonstrationen. Wie etwa in Wismar bei den Jungen Nationaldemokraten. Vor rund 250 Gleichgesinnten spricht der Bundesvorsitzende, Sebastian Richter, von einer "Totaldurchmischung des Volkes". Von der "Urbevölkerung", die durch "geburtenfreudige fremdvölkische Elemente" ersetzt werden könnte. Wolfram Nahrath, einst Chef der verbotenen Wiking-Jugend, formuliert es im vorpommerschen Pasewalk so: "Wir müssen wieder totale Deutsche werden, jeder für sich, jeder von uns muss radikaler Deutscher sein, von der Wurzel sich seiner jahrtausendealten Herkunft bewusst werden."

Dem NPD-Mann geht es um eine Heimat ohne Migranten. Mit dem Slogan "Heute tolerant, morgen fremd im eigenen Land" geht die rechtsextreme NPD als soziale Heimatpartei und als Umweltpartei auf Stimmenfang.

 Ideologisierter Heimatbegriff

"Wenn es um Landschaftsschutz geht, spricht die NPD von 'Umweltschutz ist Heimatschutz'",  sagt die Rostocker Politologin Gudrun Heinrich: "Sie spricht dann von Heimat, wenn es darum geht, die sogenannten Ausländer in deren angebliche Heimatländer zurückzuschicken. Sie verbindet Heimat mit Landschaft und nicht mit einer sozialen Heimat." Heimat sei bei der NPD ein feststehender Begriff, der sich nicht verändern ließe, so Heinrich. "Da wo ich aufgewachsen bin, da ist angeblich meine Heimat. Und damit ist es ein statisches Konzept, das letztendlich auch nicht veränderbar ist."

Völkische Siedlungen als "rassenreine Gesellschaft"

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An vielen Ecken in Jamel ist der Extremismus sichtbar.

Fremde haben da keinen Platz. Diesen Raum will die NPD verteidigen, spricht von "Heimatschutz". In einigen Orten im Nordosten Deutschlands sind die Neonazis dabei sehr aktiv. "Das sieht man an den Siedlungsbestrebungen wie aktuell im Raum Güstrow", sagt Anklamer Rechtsextremismus-Experte Günther Hoffmann. "Aber auch die gesamte Garagenkultur im ehemaligen Uecker-Randow Bereich oder Dorfstrukturen wie in Bargischow. Hier schlägt sich ein ideologisierter Heimatbegriff durch, der sich über nationalbefreite Zonen oder Ähnliches definiert." Der Begriff Heimat sei dort völkisch und ideologisch durchsetzt. Das Ziel sei eine rassenreine Gesellschaft, die frei von fremden Einflüssen und komplett abgeschottet ist. "Da wird es dann gefährlich", sagt Hoffmann.

Wie gefährlich das ist zeigt sich in auch Texten von Neonazi-Bands. So singt die in Vorpommern beheimatete Liebenfels Kapelle von der deutschen Heimat in Pommern und Ostpreußen: "Deutschland bleibt Deutschland, nicht ..., nicht Kolonie, Kolberg bleibt deutsche Heimat, polnisch war es nie..." Auch wenn sich historische Grenzen nicht mehr mit der Gegenwart decken, Neonazis binden mit diesem vermeintlichen Gefühl von Heimat auch den Nachwuchs.

Mecklenburg-Vorpommern vor großem Imageproblem

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Bodenständiges Handwerk und ökologischer Lebenswandel. Neonazis verkaufen ihre Produkte auch auf den lokalen Märkten.

Mecklenburg-Vorpommern ist zunehmend Einwanderungsland für Rechtsextremisten. Vor allem sind es politisch geschulte Neonazis, die dort hinziehen, wo die Immobilienpreise niedrig sind und Gleichgesinnte bereits siedeln, wie etwa in der Mecklenburgischen Schweiz, so Günther Hoffmann: "Sie verfolgen das Ziel, durch die langsame Übernahme von Dörfern und Landschaften so etwas wie eine völkische Kultur aufzubauen." Noch seien es Inseln, aber das könne sich in den kommenden zehn Jahren verändern. "Dann hätte Mecklenburg-Vorpommern ein sehr großes Imageproblem", so Hoffmann.

Menschenbild von vor der Aufklärung

Diese Siedler sehen sich und ihre Familien, die sie als Sippe bezeichnen, als Hüter der Scholle. Sie erlernen ganz bewusst bodenständige Berufe, werden Bauer, Schmied oder Buchbinder, und handeln mit Bio-Lebensmitteln. Sie führen ein alternatives Leben und sind nur schwer als Rechtsextremisten zu erkennen. Heimat interpretieren sie mit ihrem völkischen und biologischen Weltbild: "Das ist auch bedingt mit einer Lebensform, einer sogenannten artgerechten Lebensform", sagt Politologin Heinrich. "Dass man behauptet, so zu leben, wie es der Art entspräche. Es ist ein Bild eines Menschen, was letztendlich vor die Aufklärung zurückfällt. Es geht davon aus, dass wir determiniert werden von biologischen Kategorien und gar keine sozialen Wesen sind. Artgerecht heißt dann eben, dass man deutsch-national lebt und das angebliche Brauchtum, das deutsche Liedgut prägt, weil das zu uns dazu gehört."

Orte, weitab von Demokratie

Ein Denken, das der Blut-und-Boden-Ideologie der Nationalsozialisten gleicht. Hinter dieser Weltanschauung stehen noch heute pseudo-religiöse Vereine und neuheidnische Gruppierungen wie beispielsweise die sogenannte Artgemeinschaft - Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung und die Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung. Wo deren Anhänger sich eine neue Heimat suchen und Alteingesessene Angst vor allem Fremden haben, hätten die ideologisch geschulten Kader ein Leichtes, Einfluss zu nehmen, so der Anklamer Günther Hoffmann. Die Demokratie aber habe es da schwer, wieder Fuß zu fassen.

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