Stand: 29.11.2015 17:04 Uhr

Olympia-Bewerbung: Tag der Entscheidung

Ja oder Nein zur Olympia-Bewerbung? Der Senat und die Hamburgische Bürgerschaft haben sich längst festgelegt, nun entscheidet die Bevölkerung. Heute endet das Olympia-Referendum. Bis 17 Uhr haben 48,8 Prozent der Wahlberechtigten abgestimmt - inklusive der vielen Briefwähler. Die Spannung in der Stadt ist groß. Lange Zeit hatte es so ausgesehen, als ob eine Mehrheit der Befürworter sicher ist. Aber in den zurückliegenden Wochen haben die Olympia-Gegner Boden gut gemacht. In der jüngsten Umfrage sprachen sich 56 Prozent der Befragten für die Olympischen Spiele 2024 in der Hansestadt aus. Im September waren es noch 63 Prozent gewesen. Was spricht für die Olympia-Bewerbung, was spricht dagegen? NDR.de gibt einen Überblick.

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Falls Hamburg den Zuschlag für Olympia 2024 erhält, entsteht im Hafen ein neuer Stadtteil: die Olympia-City.

Die Wahl zu haben, ist manchmal eine Qual - meistens aber ein Luxus. So gesehen haben die Hamburger ein Luxusproblem: wenn sie abstimmen, ob sie im Sommer 2024 die Olympischen und Paralympischen Spiele in ihrer Stadt wollen oder nicht. Insgesamt sind 1,3 Millionen Hamburger und Hamburgerinnen ab 16 Jahren wahlberechtigt. Die Abstimmungslokale sind bis 18 Uhr geöffnet. Das vorläufige Endergebnis soll noch am Abend vorliegen. Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) rief die Hamburger auf der Zielgeraden nochmals dazu auf, mit Ja zu stimmen. "Denn ein großer Rückhalt in der Bevölkerung erhöht die Erfolgsaussichten gegenüber den Mitbewerbern deutlich", meinte Scholz am Sonnabend. Los Angeles, Budapest, Paris und Rom gehen auf jeden Fall ins Rennen um Olympia 2024. Hamburg ist die einzige Stadt, die die Bevölkerung über eine Olympia-Bewerbung entscheiden lässt. Das Votum ist bindend.

In Kiel läuft parallel ein Bürgerentscheid. Dort geht es um die Frage, ob 2024 in der Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein die olympischen Segel-Wettbewerbe ausgetragen werden sollen.

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Wahl zwischen Chancen, Gefahren und Sorgen

Was müssen die wahlberechtigten Hamburger bedenken, bevor sie den Satz: "Ich bin dafür, dass sich der Deutsche Olympische Sportbund mit der Freien und Hansestadt Hamburg um die Ausrichtung der Olympischen und Paralympischen Spiele im Jahr 2024 bewirbt" mit Ja oder Nein beantworten? Welche Chancen bietet Olympia für die Stadt, für die Region und vielleicht sogar das ganze Land? Welche Gefahren lauern, welche Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten kommen insbesondere in den Jahren der Vorbereitung, aber auch in den Jahren des Rückbaus auf die Stadt und ihre Bürger zu? Welche persönlichen Einschränkungen gehen mit der Beschaffung der notwendigen Ressourcen, vor allem aber auch der Sicherheit einher? Verliert die Stadt ihre Seele - oder gewinnt sie an Charme und Attraktivität hinzu? Ist das finanzielle Risiko tragbar? Und macht es überhaupt noch Sinn, sich für Großereignisse zu bewerben, wenn der Zuschlag offenbar nur mittels Zuwendungen für korrupte Funktionäre möglich ist?

Warten auf Finanz-Zusage vom Bund

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Scholz: Hamburg muss maximal 1,2 Milliarden zahlen

Die Gesamtkosten für Olympia 2024 liegen laut Finanzreport bei 11,2 Milliarden Euro. Hamburg müsste laut Bürgermeister Scholz maximal 1,2 Milliarden Euro stemmen. Die Olympiagegner kritisieren den Finanzplan. mehr

Vor allem aber die veranschlagten Kosten von 11,2 Milliarden Euro schrecken viele Menschen angesichts der schlechten Erfahrungen bei Großprojekten - wie beim Bau der Elbphilharmonie in Hamburg - ab. Der notwendige Vertrauensvorschuss bei einem Projekt dieser Größenordnung ist bei vielen nicht vorhanden. Tatsächlich offenbart das Olympia-Konzept beispielsweise in puncto Sicherheit und Kostenbeteiligung des Bundes Mängel, die manch einem gravierend erscheinen. DOSB-Präsident Alfons Hörmann spricht zwar davon, auf einem "sehr guten Weg zu sein", aber eine Zusage aus Berlin gibt es noch nicht. Einer der wichtigsten Punkte der Olympia-Bewerbung - die Kosten-Frage - ist also noch ungeklärt.

Was übernimmt der Bund von den Olympia-Kosten?

Für die Wähler heißt das, darauf zu vertrauen, dass der Bund - wie gefordert - 6,2 Milliarden Euro trägt - und für Hamburg nach Abzug der Einnahmen tatsächlich nur ein Anteil von 1,2 Milliarden Euro bleibt. "Ich werde nicht den Haushalt der Stadt ruinieren", verspricht Bürgermeister Scholz. Die Stadt werde für Olympia keine neuen Schulden aufnehmen. Scholz spricht von der am besten durchgerechneten Bewerbung aller Zeiten. Man werde die errechnete Summe daher "eher unterschreiten als übertreffen". Andere sind da skeptischer. Für NOlympia-Aktivist Michael Rothschuh ist der 114 Seiten umfassende Finanzplan nicht detailliert genug. Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hält die Zahlen in einigen Punkten für fragwürdig. "Hamburg will nachhaltigere und grünere Spiele als London 2012, aber zugleich hierfür weniger Geld in die Hand nehmen. Das passt nicht zusammen", sagte Hamburgs BUND-Geschäftsführer Manfred Braasch im Gespräch mit NDR.de.

Unterschätzte Sicherheit? London investierte drei Mal mehr

Eine große Frage ist auch, wie viel die Sicherheit kosten wird. Im Finanzreport haben die Hamburger Olympia-Planer hierfür weniger als ein Drittel dessen eingeplant, was zuletzt in London ausgegeben wurde. Man orientiere sich "an den Erfahrungen während der Fußball-WM 2006 und gehe von grundsätzlich friedlich verlaufenden Spielen 2024 aus", heißt es. Die Gefahrenlage neun Jahre im Voraus zu planen, ist tatsächlich schwierig. Aber "friedliche Spiele" ohne erhebliche Sicherheitsmaßnahmen gibt es spätestens seit München 1972 nicht mehr! Warum werden nur 500 Millionen Euro angesetzt, wenn doch das Olympia-Vorbild London rund 1,7 Milliarden Euro aufgebracht hat? Zumal die jüngsten Anschläge in Paris gezeigt haben, wozu Terroristen fähig sind.

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