Stand: 26.08.2015 06:00 Uhr

Olympia: Geheim-Gespräche über Tschechen-Hafen

von Marc-Oliver Rehrmann, NDR.de

Für die mögliche Olympia-Bewerbung Hamburgs sind die Planungen weit gediehen, aber längst noch nicht abgeschlossen. Klar ist, dass das Zentrum der Olympischen Sommerspiele 2024 im Hafen liegen soll. Aber die Flächen für die erforderlichen Bauten sind knapp. Trotzdem spielt in den offiziell vorgestellten Plänen der sogenannte Tschechen-Hafen bislang keine Rolle. Dabei liegt das Gelände in unmittelbarer Nähe des geplanten Olympiastadions. Die Fläche mit den zwei Wasserbecken im Moldau- und Saalehafen ist infolge des Versailler Vertrages bis 2028 an Tschechien verpachtet. Nach Informationen von NDR.de laufen zurzeit Geheim-Verhandlungen: Die Stadt Hamburg möchte den Tschechen-Hafen verlegen, um dort Olympia-Bauten zu errichten. Im Gespräch ist offenbar ein Grundstückstausch.

Der Tschechen-Hafen: Platz für Olympia?

Der Tschechen-Hafen im Versailler Vertrag

Im Artikel 363 des Versailler Vertrages heißt es: "In den Häfen Hamburg und Stettin verpachtet Deutschland der Tschecho-Slowakei für einen Zeitraum von 99 Jahren Landstücke, die (...) dem unmittelbaren Durchgangsverkehr der Waren von oder nach diesem Staate dienen sollen."

"Nicht mehr im Sinne des Versailler Vertrages nutzbar"

"Ja, wir verhandeln zurzeit mit der Hafenbehörde HPA und der Stadt Hamburg über einen Grundstückstausch", sagt Lubomir Fojtu, Direktor der zuständigen Wasserstraßendirektion in Prag, im Gespräch mit NDR.de. Er kennt die Pläne für die Olympiastätten auf dem Kleinen Grasbrook genau. "Unsere Grundstücke am Moldau- und Saalehafen werden dann voraussichtlich nicht mehr im Sinne des Versailler Vertrages nutzbar sein", sagt Fojtu. Im Versailler Vertrag nach dem Ersten Weltkrieg verpflichtete Deutschland sich, der Tschechoslowakei freien Zugang zum Meer zu ermöglichen. Nach zähen Verhandlungven wurde schließlich 1929 ein entsprechender Vertrag für den Hamburger Hafen unterzeichnet - mit einer Pacht-Laufzeit von 99 Jahren.

"Wir werden sicher eine Lösung finden"

Größtes Problem aktuell sind die für Olympia geplanten Brücken am Moldauhafen. Zwar beschwichtigte die Hafenbehörde im April 2015, die Brücken würden eine Durchfahrt von Binnenschiffen in den Moldau- und Saalehafen nicht behindern. Aber die Bedenken auf tschechischer Seite sind nicht ausgeräumt. "In einer Variante der Olympia-Pläne ist sogar vorgesehen, die Zufahrt zum Moldauhafen zuzuschütten", sagt Fojtu. Er stellt zugleich klar, dass die Tschechen einer Olympia-Bewerbung nicht im Wege stehen wollen. "Wir verstehen, was die Sommerspiele für Hamburg bedeuten würden." Fojtu zeigt sich optimistisch, dass beide Seiten eine Lösung finden werden. "Auf Seiten der Stadt Hamburg erkennen wir den guten Willen. Das ist uns wichtig", sagt der Chef der tschechischen Wasserstraßendirektion. Für den 21. September plant Hamburg ein Treffen mit dem tschechischen Verkehrsminister. Auch Fojtu wird dann in die Hansestadt reisen.

Tschechen planen Millionen-Investitionen

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Auch das asbestversuchte Verwaltungsgebäude im Tschechen-Hafen soll eigentlich saniert werden.

Die Olympia-Pläne der Stadt Hamburg kommen für die Tschechen zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Sie hatten sich gerade vorgenommen, das Gelände nach jahrzehntelangem Verfall wieder in Schuss zu bringen. Nach der politischen Wende im Ostblock war der tschechische Binnenschiffhandel im Hamburger Hafen eingebrochen. 2001 meldet Europas einstmals drittgrößte Binnenschiffsreederei ČSPLO Konkurs an. Seitdem liegt das Gelände im Hamburger Hafen im Dornröschenschlaf. "Wir wollen umgerechnet 3,7 Millionen Euro in den Tschechen-Hafen investieren", sagt Fojtu. Das Geld sei bereits vom Parlament bewilligt.

Umzug frühestens in ein paar Jahren

Einige Arbeiten sind bereits erledigt: Eine Brachfläche am Moldauhafen ist kürzlich in einen Stellplatz für Lastwagen umgewandelt worden. Auch die beiden Bürogebäude im Tschechen-Hafen sollen saniert werden. "Sie sind in einem schlechten Zustand", weiß Fojtu. Die Sanierung soll - zumindest in begrenztem Umfang - demnächst angegangen werden, um den Mietern bessere Räume zu bieten. "Selbst wenn es zu einem Umzug wegen Olympia kommt, wird es ja noch einige Jahre dauern, bis es so weit ist."

"Hamburg ist der wichtigste Hafen für uns"

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Der Standort für das geplante Olympiastadion steht schon fest. Viele Hafenfirmen müssten für die Olympia-Bauten umgesiedelt werden.

Für die Tschechen ist entscheidend, dass nach einem möglichen Umzug weiter Platz für die tschechischen Binnenschiffe ist. "Hamburg ist weiterhin der wichtigste Hafen für die Tschechische Republik", meint Fojtu. "Und wir wollen die Binnenschifffahrt auf der Elbe ausbauen, die Flächen in Hamburg brauchen wir dann auch für die Logistikfirmen." Fojtu ist zuversichtlich, dass sich die geplanten Investitionen lohnen würden. Dabei ist es längst so, dass die allermeisten Waren per Bahn oder Lkw von Hamburg in die Tschechische Republik transportiert werden.

Senat bestätigt vertrauliche Gespräche

Der Hamburger Senat bestätigte die Verhandlungen über den Tschechen-Hafen auf Anfrage von NDR.de. "Wir reden seit geraumer Zeit mit den Tschechen", sagte die Sprecherin der zuständigen Wirtschaftsbehörde, Susanne Meinecke. Zu dem aktuellen Stand wollte sie aber nichts sagen: Die Gespräche seien vertraulich.

Liegeplätze für Binnenschiffe gesucht

Im Hamburger Hafen geeignete Ersatzflächen für die Tschechen zu finden, dürfte schwierig werden. Denn Liegeplätze für Binnenschiffe sind rar. "Es ist ja gemeinhin bekannt, dass die Wasserflächen im Hafen ausgesprochen knapp sind", sagt Gunther Bonz, Präsident des Unternehmerverbandes Hafen Hamburg. Wenn im Zuge von Olympia weitere Liegeplätze wegfielen, käme der Hafen langsam an den Punkt, an dem er seine Aufgaben nicht mehr erfüllen könne.

Karte: Wo in Hamburg liegt zurzeit der Tschechen-Hafen?
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