Stand: 29.11.2015 23:45 Uhr

Hamburg sagt Nein zu Olympia

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Bittere Pleite für Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (l.), die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank und DOSB-Chef Alfons Hörmann (v.l.).

Hamburgs Bürger haben entschieden: Die Hansestadt soll sich nicht weiter um die Austragung der Olympischen und Paralympischen Spiele 2024 bewerben. Das ist das vorläufige Ergebnis des Referendums, das am Sonntagabend zu Ende gegangen ist. 335.638 Wahlberechtigte stimmten mit Nein, das entsprach 51,6 Prozent aller gültigen Stimmen. Die Olympia-Befürworter kamen auf 314.468 Stimmen (48,4 Prozent). Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) gestand die Niederlage schon kurz vor dem Ende der Auszählung ein. Zu diesem Zeitpunkt lag das Lager der Gegner bereits uneinholbar vorn - eine herbe Enttäuschung für den rot-grünen Senat. "Hamburg wird sich nicht um die Austragung Olympischer Spiele und Paralympischer Spiele im Jahre 2024 bewerben", bestätigte Scholz. "Das Ergebnis ist jetzt zu akzeptieren. Es ist ein Ergebnis, das für die Stadt insgesamt gilt und verbindlich ist." Die Olympia-Gegner jubelten: "Wir haben einen Stimmungswandel in der Stadt bemerkt. Die Menschen sehen, dass es Sachen gibt, wo das Geld besser angelegt ist", sagte Florian Kasiske von der Initiative NOlympia.

In Kiel, das die Segelwettbewerbe hätte ausrichten sollen, waren zwar 65,57 Prozent für Olympia in ihrer Stadt. Doch die Zwei-Drittel-Mehrheit war letztlich ohne Bedeutung. Die Wahlbeteiligung lag in Hamburg bei guten 50,1 Prozent; in Kiel stimmten nur 31,71 Prozent ab.

Referendum: Visionäre aus allen Träumen gerissen

Senat muss das Mandat zurückgeben

Der Senat der Hansestadt hatte angekündigt, sich dem Referendum bedingungslos zu fügen und muss das Mandat des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) nun beenden. Die Bewerbungsgesellschaft wird zum Ende des Jahres abgewickelt. 25 Mitarbeiter verlieren ihren Job. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) vergibt im September 2017 in Perus Hauptstadt Lima die Spiele 2024 an Los Angeles, Paris, Rom oder Budapest. Diese Städte verzichten auf eine Befragung ihrer Bürger.

Zur Annahme des Referendums wären eine einfache Mehrheit und mindestens 20 Prozent an Ja-Stimmen der rund 1,3 Millionen stimmberechtigten Hamburger erforderlich gewesen. Noch ist das Ergebnis des Referendums nicht amtlich. Bis Donnerstag wird geprüft, ob die per Briefwahl und in den Abstimmungsstellen persönlich abgegebenen Stimmen korrekt ausgezählt wurden. Das amtliche Ergebnis wird der Hamburger Senat am 15. Dezember feststellen.

Vorläufiges Ergebnis des Olympia-Referendums

Stimmberechtigte Bürger: 1.300.418
Gültige Stimmen: 650.106
Ungültige Stimmen: 1.483
Ja-Stimmen: 48,4 Prozent (314.468 Stimmen)
Nein-Stimmen: 51,6 Prozent (335.638 Stimmen)
Abstimmungsbeteiligung: 50,1 Prozent
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig Holstein)

Neumann fassungslos: "Schwer zu glauben"

Kommentar

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Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), nannte das Ergebnis einen herben Rückschlag: "Wir sind mit Hamburg aufgebrochen, um Sportdeutschland neue Perspektiven zu geben - diese Chance für die nächste Generation ist nun nicht gegeben. Unser Ziel ist es nun, Sportdeutschland ohne die Vision der Olympischen Spiele weiterzuentwicklen. Auf diesem Weg haben wir nun tendenziell mit Gegenwind anzutreten." Hamburgs Sportsenator rang um Fassung: "Es ist schwer zu glauben, dass Hamburg Nein zu der wahnsinnigen Chance gesagt hat. Woran es lag, darüber kann man momentan nur philosophieren. Für mich ist das Ergebnis nicht nachvollziehbar. Ich bin so überrascht wie man nur sein kann", sagte Michael Neumann (SPD) dem NDR.

CDU-Fraktion kritisiert Scholz

Auch die CDU-Bürgerschaftsfraktion bedauerte den Ausgang des Referendums: "Die Olympischen und Paralympischen Spiele 2024 wären eine tolle Entwicklungschance für unsere Stadt gewesen", sagte André Trepoll. Der CDU-Fraktionsvorsitzende hatte aber auch einen Seitenhieb für Scholz und seine Mitstreiter parat. Die "gegen die Wand gefahrenen Verhandlungen mit dem Bund über die Olympiafinanzierung" seien Wasser auf die Mühlen der Olympiagegner gewesen. "Mit seiner ungeschickten Verhandlungsstrategie hat der Bürgermeister nicht nur den Bund verprellt, sondern offenkundig auch die Bürger von einer Zustimmung abgeschreckt." Scholz hatte kategorisch ausgeschlossen, dass Hamburg sich mit mehr als 1,2 Milliarden Euro an den Kosten für Olympia beteiligen würde. 6,2 Milliarden der laut Scholz "am besten durchgerechneten Olympia-Bewerbung ever" sollte der Bund übernehmen. Aus Berlin hatte es vor dem Referendum keine Finanzgarantie für Hamburg gegeben.

Reaktionen zum Olympia-Referendum

  • Nikolas Hill (Geschäftsführer der Bewerbungsgesellschaft):

    "Die Bürgerinnen und Bürger in Hamburg und Kiel haben abgestimmt - das Ergebnis könnte unterschiedlicher nicht sein. Das Ergebnis ist bitter für uns, aber als demokratische Entscheidung schlicht zu akzeptieren. Ohne die mehrheitliche Unterstützung der Hamburgerinnen und Hamburger werden wir die Olympischen und Paralympischen Spiele 2024 nicht in unsere Stadt holen."

  • Michael Vesper (DOSB-Vorstandsvorsitzender):

    "Im ersten Moment sagt man, jetzt ist auf Jahrzehnte keine Olympiabewerbung in Deutschland möglich. Aber darüber denken wir noch mal nach. Der Rucksack, den wir getragen haben mit DFB- und FIFA-Krise, Doping in der Leichtathletik, Flüchtlingen und Terror war schwer, die Aufmerksamkeit war auf andere Ereignisse gelenkt. Ich will hier keine Ausreden vortragen, aber all das hat die Entscheidung sicher erschwert."

  • Dirk Seifert (Initiative NOlympia):

    "Die Politik hat gefragt, das Volk hat entschieden. Es gibt dennoch Dinge, die für die Stadtentwicklung interessant sind."

  • Ulf Kämpfer (Oberbürgermeister von Kiel):

    "Das ist unglaublich schade und ein schwarzer Tag für den deutschen Sport. Das Kieler Ergebnis beweist: Wir hatten ein tolles Konzept. Dass es trotzdem nicht gereicht hat, ist daher doppelt bitter. Kiel ist die erste Stadt, die eine verbindliche Olympia-Abstimmung hinbekommen hat. Ich freue mich sehr, dass die Kielerinnen und Kieler uns so viel Rückenwind für das Projekt gegeben haben."

  • Thomas de Maizière (Bundesinnenminister):

    "Als Bundesinnenminister und damit auch Sportminister bedaure ich das heutige Votum. Leider ist es nicht gelungen, eine Mehrheit der Hamburger Bürger von der Idee Olympischer und Paralympischer Spiele in Deutschland zu überzeugen."

  • Mitteilung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC):

    "Mit dieser Entscheidung geht eine große Chance für die Stadt, das Land und den deutschen Sport verloren. So hätte das IOC 1,7 Milliarden US-Dollar zum Erfolg der Spiele beigesteuert, die im Vergleich zu 1,2 Milliarden Euro stehen, die die Stadt investieren wollte."

  • Michael Stich (Tennis-Olympiasieger im Doppel 1992):

    "Es wäre ein Riesensignal für Deutschland gewesen, eine Riesenchance für den Sport. Wir haben es verpasst, die Emotionen des Sports in den Vordergrund zu stellen. Das positive Signal, das von einer Olympia-Bewerbung hätte ausgehen können, ist verpufft. Olympia in Deutschland werde ich in meinem Leben nicht mehr erleben."

  • Sebastian Bayer (Weitsprung-Europameister 2012):

  • Hamburger SV (Teil eins):

  • Hamburger SV (Teil zwei):

  • Initiative NOlympia:

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Maennig: Terroranschläge und Skandale nicht werblich

Experten hatten schnell naheliegende Erklärungen für das Scheitern der Kampagne parat: "Die Terroranschläge in Paris haben nicht geholfen. Sie haben vielen Menschen Angst gemacht vor Massenveranstaltungen im Allgemeinen. Auch die aktuellen Korruptions- und Dopingskandale im internationalen Sport waren nicht werblich“, sagte Wirtschaftswissenschafter und Ruder-Olympiasieger Wolfgang Maennig. Ein weiteres zentrales Thema seien die Finanzen gewesen: "Viele Menschen fragten: Woher nehmen wir die 1,2 Milliarden Euro? Können wir das Geld nicht sinnvoller anlegen? Diese Fragen müssen wir besser beantworten, wenn wir in Deutschland noch einmal ins Rennen gehen wollen." Vor allem im Lager der Sportler war die Enttäuschung groß: "Es wäre eine große Möglichkeit für diese Stadt gewesen, ein gemeinsames Projekt für die Zukunft zu bestreiten", sagte HSV-Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer. "Das muss man erstmal verdauen."

Sechste gescheiterte Bewerbung in Serie

Hamburgs gescheiterte Bewerbung ist der sechste erfolglose Bewerbungsversuch des deutschen Sports in Serie. Berchtesgaden (Winterspiele 1992), Berlin (Sommerspiele 2000) und München (Winterspiele 2018) waren jeweils bei der IOC-Wahl durchgefallen. Leipzig (Sommerspiele 2012) wurde vom IOC nicht einmal für die Wahl zugelassen. München wurde mit einer weiteren Bewerbung für 2022 ebenfalls von Bürgerentscheiden gestoppt. Die letzten von bislang drei Olympischen Spielen in Deutschland gab es nach 1936 (Berlin und Garmisch) vor 43 Jahren in München 1972.

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