Stand: 30.11.2015 16:51 Uhr

Freude statt Vorwürfe

Die Entscheidung ist gefallen: Hamburg hat sich gegen eine Bewerbung für die Olympischen Spiele 2024 entschieden. Ein Kommentar dazu von Guido Pauling.

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Guido Pauling kommentiert die Entscheidung der Hamburger zur Olympia-Bewerbung.

Mehr als 335-tausend Hamburger haben "NEIN" zu Olympia gesagt. Und das bei einer bemerkenswert hohen Wahlbeteiligung von 50 Prozent: Das Thema "Olympia in Hamburg" bewegte deutlich mehr Menschen als die heiß umstrittene Schulreform im Jahr 2010, bei der nur ganze 39 Prozent der Wähler zum Volksentscheid schritten. Es ist keine kleine, parteipolitisch links orientierte Gruppe von Wählern, die sich gegen olympische Spiele in Norddeutschland entschieden hat, sondern eine breite Schicht der Hamburger Bevölkerung.

Ganz gleich ob man nun für oder gegen Olympische Spiele im Norden ist; man muss feststellen: Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger hat sich nicht beeinflussen lassen von dem Dauergetrommel der lokalen und überregionalen Medien, von nahezu überall prangenden Olympia-JA-Wahlplakaten, von einer Dauerberieselung pro Olympia, die selbst vor Feuer-und-Flamme-Parolen auf dem Kassenzettel des Supermarkts nicht halt gemacht hat.

Überraschende Erkenntnisse

Das ist die erste überraschende Erkenntnis: Die Wähler haben sich eine eigene Meinung gebildet. Dieses aufgeklärte Selbst-Denken sollte man als erfreuliches Ergebnis des Referendums verbuchen.

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Doch die Reaktionen auf den Ausgang des Referendums sind zumeist andere. Statt Freude über demokratisch aufgeklärte Stimmkultur überwiegt Enttäuschung über eine ausgebliebene Sportler-Party und weltweite Imagekampagne für die sich gerne selbst so nennende "Weltstadt Hamburg".

Und das ist die zweite überraschende Erkenntnis: Dass die Eliten in der Stadt, der Hamburger Senat, die Politiker nahezu aller Parteien, viele herausragende Köpfe der hanseatischen Gesellschaft die Wähler so falsch eingeschätzt haben.

Von gewaltiger Enttäuschung, sogar von einem Scherbenhaufen ist die Rede, als ob die Hamburger etwas kaputt gemacht haben. Hier zeigt sich eine Kluft zwischen den Meinungsführern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und der "normalen" Bevölkerung, die nachdenklich stimmen sollte. Denn wenn die einen so gar nicht merken, dass ihre hochfliegenden Pläne von den anderen nicht sonderlich geschätzt werden, dann stimmt etwas nicht in dem Verhältnis zwischen den Lenkern aus Politik und Gesellschaft und der Stadtbevölkerung.

Was macht eine Weltstadt eigentlich aus?

Wenn ein Hamburger Senator nun öffentlich erklärt, er frage sich, ob Hamburg wirklich Weltstadt sein wolle, welche Vorstellung einer Weltstadt steckt dann dahinter? Die einer Stadt, die durch einmalige, medial weltweit transportierte Großereignisse auffällt? Dann müsste New York dringend an einer Olympiabewerbung arbeiten!

Oder ist eine Weltstadt eine Metropole, in der Handel, Kultur, Bildung, soziales Miteinander gedeihen? Mit finanziell exzellent ausgestatteten Universitäten und Hochschulen, mit überregional beachteten Theater- und Konzertbühnen, mit ökologisch modernen Verkehrskonzepten und mit funktionierenden sozialen Einrichtungen, die in Not geratenen Bürgern zu Diensten sind.

Daran als Politiker wie auch als Stadtgesellschaft zu arbeiten, ist natürlich mühsam, doch weitaus nachhaltiger als ein großes Welt-Sport-Fest. Und wenn nun Milliarden für Olympia in Hamburg nicht gebraucht werden, könnte man das Geld ja jetzt gut für Bildung, Stadtentwicklung und Kultur ausgeben - ja man sollte sogar, wenn es denn wirklich da ist.

Das scheinen viele Bürger zu wünschen. Sie verdienen, dass man ihnen zuhört und ihr Anliegen bedenkt. Und nicht, dass man ihnen Mutlosigkeit, Bequemlichkeit oder provinzielles Denken vorwirft.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 30.11.2015 | 19:00 Uhr

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