Stand: 20.04.2017 10:40 Uhr

Marathon-Chef Thaleiser: "Leichtigkeit ist dahin"

Sportliche Bestleistungen hin oder her - die Sicherheit von Athleten und Zuschauern hat beim Hamburg-Marathon oberste Priorität. Was die Lehren aus den Anschlägen in Boston, auf dem Berliner Weihnachtsmarkt und jetzt in Dortmund sind und welche Rolle ein Lkw-Fuhrpark im Sicherheitskonzept der Traditionsveranstaltung spielt, erklärt Chef-Organisator Frank Thaleiser im Interview mit NDR.de.

Herr Thaleiser, Sie sind seit sechs Jahren Chef-Organisator des Hamburg-Marathons. Haben Sie im Hinblick auf die Sicherheit jemals solches Bauchgrimmen gehabt?

Frank Thaleiser: Ja, 2013 - deutlich mehr sogar. Damals war der Hamburg-Marathon sechs Tage nach dem Anschlag von Boston. Und es war für uns wesentlich präsenter, weil es eine Marathon-Veranstaltung war. Seitdem haben wir das latente Bewusstsein, dass die Welt nicht mehr so funktioniert, wie sie vorher scheinbar funktioniert hat. Für uns gibt es die Zeit vor Boston und nach Boston.

Boston, Berlin und jetzt Dortmund: Worin sehen Sie die größte Gefahr - und wie reagieren Sie als Marathon-Verantwortlicher auf die Anschläge?

Thaleiser: Gelassen wäre der falsche Ausdruck. Aber unsere Maßnahmen genügen schon einem sehr hohen Standard. Wir sind im ständigen Kontakt mit den Sicherheitsbehörden und besprechen die Maßnahmen auch vor Ort. Mehr können wir nicht tun. Seit Boston wissen wir, dass eine Veranstaltung im öffentlichen Raum nicht hundertprozentig zu schützen ist. Wir können nur reagieren. In den Tagen vor dem Marathon nimmt die Logistik der Sicherheit, das Ausarbeiten von Plänen bestimmt 30 Prozent der Zeit in Anspruch. Das war früher nicht so. Die Leichtigkeit ist dahin.

Wie hoch beziffern Sie den Posten Sicherheit im Etat? 

Thaleiser: Wir reden von einer viertel Million Euro - bei einem Gesamtetat von 2,7 Millionen Euro. Dabei darf nicht verschwiegen werden, dass wir den Einsatz der Polizei auf den Straßen Hamburgs nicht bezahlen müssen. Sollte sich das irgendwann ändern, wären solche Großveranstaltungen nicht mehr zu finanzieren. Das gilt genauso für die Cyclassics oder den Triathlon. Schon in den vergangenen Jahren hatten wir ein hohes Niveau an Polizeipräsenz. Diesmal werden zusätzlich Polizisten in Zivil im Einsatz sein.

Was raten Sie den Tausenden von Zuschauern?

Thaleiser: Das gleiche wie 2013; mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und zu  beobachten, ohne panisch zu werden, wenn ein Rucksack mal zwei Minuten alleine herumsteht. Das ist in der heutigen Zeit ein gesundes Maß. Dann kann man auch solche Großveranstaltungen beruhigt angehen.

Wie reagieren die Athleten? Gibt es Absagen? Ist die Teilnehmerzahl gesunken?

Thaleiser: Nein, eigentlich nicht. Die Topathleten lassen sich ihren Beruf ohnehin nicht verbieten. Nach Boston gab es ganze zwei Anrufer, die aus Angst nicht kommen wollten. Allerdings ist der Zuspruch aus dem Ausland inzwischen um zehn Prozent geringer. Ob das mit der politischen Weltlage zusammenhängt, müssen wir analysieren. Bei den deutschen Startern ist alles wie immer.

Wie oft denken Sie: Hoffentlich passiert nichts?

Thaleiser: Wenn Montagmorgen ist, bin ich froh. Das muss ich zugeben. Wie angespannt man ist, merkt man tatsächlich erst hinterher. Grundsätzlich ist das Thema immer im Hinterkopf; und das ist auch gut so. Aber es ist auch nicht so, dass man sich  pausenlos Gedanken macht oder in Panik gerät, weil wir ein paar mehr Lkw brauchen.

Welche Maßnahmen sind konkret geplant? Es heißt, es werden Poller und 30 Lastwagen an den neuralgischen Punkten positioniert?

Thaleiser: Wir arbeiten in erster Linie mit Lkw als Sperren und weniger mit Pollern. Die Lkw sind für uns wegen der Rettungswege einfacher zu handhaben. Da wo es nicht geht, stehen Poller wahrscheinlich in Doppelreihe. Und die Polizei wird verstärkt im Einsatz sein.

Die meisten Zuschauer werden an Start und Ziel sein. Sind die Gefahren dort am größten?

Thaleiser: Die Menschenmassen dort sind grundsätzlich ein Problem. Aber wir sind jetzt im fünften Jahr auf der Karolinenstraße. Deshalb wird es dort keine Probleme und auch keine Beeinträchtigungen wegen der zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen geben. Aber auf den 42 Kilometern durch die Stadt hat man theoretisch an jeder Ecke ein Problem.   

Macht es Ihnen angesichts der Sicherheitsprobleme überhaupt noch Spaß?

Thaleiser: (nach einigen Sekunden des Schweigens) Das ist eine gute Frage. Montag würde ich sagen: ja.

Das Interview führte Andreas Bellinger, NDR.de

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 23.04.2017 | 08:45 Uhr

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