Stand: 26.04.2014 10:00 Uhr

Mount-Everest-Tagebuch: Tränen zum Abschied

Andy Holzer ist Extrembergsteiger. Kein Gipfel ist ihm zu hoch, dabei ist er von Geburt an blind. Auf sechs der höchsten Berge aller Kontinente hat der Österreicher bereits gestanden. Es fehlt nur noch der Mount Everest. NDR Reporterin Juliane Möcklinghoff begleitete den 47-Jährigen bei seinem Versuch, das Dach der Welt zu besteigen, und erlebte hautnah mit, wie die Saison nach einem Lawinenunglück erstmals abgebrochen wurde. Über ihre Erlebnisse und Erfahrungen berichtete sie im Tagebuch hier bei NDR.de.

26. April, im Helikopter nach Lukla:

Im Hubschrauber, es geht heimwärts. Zum Abschied zeigt sich das Camp noch einmal von seiner schönsten Seite.

Abschied vom Basislager und von den Bergen.

Vielen Dank an alle, die das Tagebuch verfolgt, mitgezittert, Mut gemacht sowie Kritik geübt haben - Tashi Delek, viel Glück!

25. April, Basislager, abends:

Andy Holzer packt zusammen.

Es heißt Abschied nehmen! Abschied von den Sherpas, die uns seit drei Wochen begleitet haben, Abschied von den anderen Bergsteigern aus der ganzen Welt, Abschied von einem Ort, der so wunderschön ist und gleichzeitig eine zerstörerische Kraft gezeigt hat. Ein langer Tag geht zu Ende, alle haben ihre Sachen gepackt und die Stimmungslage ist kaum zu beschreiben. Einige der Bergtouristen hier waren spürbar gereizt - wahrscheinlich, weil sie aus ihrer Sicht zu früh umkehren müssen. Andy hat sich heute auf die Organisation der Abreise konzentriert. Morgen früh verlassen alle aus unserer Gruppe das Basislager. Einige wandern noch eine Woche durch die Berge, Andy, Wolfgang und Daniel fliegen mit dem Hubschrauber nach Lukla und dann weiter nach Kathmandu.

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Emotionaler Abschied: Andy und Tensing.

Vorhin habe ich eine Situation mitbekommen, die mich sehr gerührt hat und die zeigt, welche Verbundenheit zwischen Andy und den Sherpas entstanden ist. Tensing, der Andy und seine beiden Freunde zum Gipfel begleiten sollte und der seit drei Wochen immer in Andys Nähe war, kam zu unserem Essenstisch und wollte Andys Adresse haben. Er wolle sich melden, sie müssten sich wiedertreffen. Als Andy Tensing in den Arm nahm, standen dem Sherpa Tränen in den Augen. Der Berg, die Umgebung, die Bedingungen, vielleicht auch das Unglück haben hier eine Nähe und tiefe gegenseitige Verbundenheit wachsen lassen.

Fast eine Stunde lang habe ich eben in den Himmel gestarrt und über diese Situation sowie über die vergangenen Tage und Wochen nachgedacht. Nun bin ich im Zelt, draußen knackt das Eis, Lawinen kommen herab, der Berg lebt! Über uns ein Sternendach, Millionen von leuchtenden Punkten. Gigantisch! Dennoch hier drinnen im Zelt: Leere. Und das, obwohl ich so voller Eindrücke bin, von genau jenen Momenten wie eben beschrieben, genauso wie von dem schlimmen Unfall, aber auch von der großen Anstrengung und Entbehrung hier. Kann ich einen Abschlusssatz finden? Einen Gedanken, der allem und allen gerecht wird? Ich weiß es nicht. Selten lagen Freud' und Leid, Verständnis und Unverständnis so nah beieinander.

Wieder ein lautes Knacken draußen, noch eine Lawine. Und eines verstehe ich: Die Berge hier um uns herum, das Dach der Welt mit Millionen von Sternen daüber - das alles ist ein riesengroßes atemberaubendes Ganzes und wir hier unten sind nur ein ganz kleiner Teil, der nie vergessen sollte, dem großen Ganzen Respekt zu zollen!

Nacht zum 25. April, Basislager:

Ausnahmsweise mal kein Tage-, sondern ein Nachtbuch. Es ist unheimlich. Vor einigen Stunden hat es begonnen zu schneien, dazu gewittert es, kleine Schneeberge rutschen immer wieder vom Zeltdach, Blitze erhellen den Innenraum. Ich liege in meinem dicken Daunenschlafsack, mit zwei zu Wärmeflaschen umgewandelten Trinkflaschen, in meiner Daunenjacke, mit Stirnband, Mütze und Kapuze und kann nicht schlafen. Zig Gedanken gehen mir durch den Kopf und außerdem friert die Nasenspitze gerade ab und der obere Rand vom Schlafsack gefriert durch meinen Atem. Kaum vorstellbar, was Andy, Wolfgang und Daniel erlebt hätten, wenn sie fast doppelt so hoch geklettert wären.

Mein Blick aus meinem Zelt - diesmal Schnee.

Wie sehr ziehe ich meinen Hut vor all jenen Bergsteigern, die das immer wieder durchstehen, teilweise wochenlang. Aber die Belohnung für all das "Aushalten" und Entbehren von Luxus ist meist der Gipfel. Oder zumindest der Versuch. Hier gibt es keinen Versuch. Das hier war ein Annähern. Mehr nicht. Entsprechend war die Stimmung beim Abendessen. Es ist keine Wut oder offenkundige Enttäuschung bei Andy zu spüren, aber ich habe ihn nun schon ein paar Wochen erlebt und an diesem Abend wirkt er angespannt. "Dann soll es nicht sein", hat er irgendwann in den vergangenen Tagen einmal gesagt. Das stimmt wohl, aber für einen, der die Berge liebt und in ihnen auflebt ist eine Abreise nach einer bloßen Annäherung sicherlich nicht leicht.

Auch er liegt jetzt in seinem Zelt, ein paar Höhenmeter und circa 30 Meter Luftlinie von mir entfernt und ich bin mir sicher, dass er sich gerade mindestens genauso viele Gedanken macht - während der Schnee draußen weiter fällt und eine dicke Decke über uns alle legt.

24. April, Basislager:

Hunderte Sherpas und Touristen erwarten die Regierungsvertreter.

Schluss! Aus! Vorbei! Wie ich soeben erfahren habe, haben auch die letzten, großen Agenturen die Saison abgesagt. Angedeutet hatte sich das bereits den ganzen Tag. Für den Morgen waren Vertreter der Regierung angekündigt - rund 350 Sherpas und 150 Bergtouristen aus aller Welt hatten sich bei Sonnenaufgang versammelt, um auf sie zu warten. Mit Helikopter und Sauerstoffmasken wurden sie eingeflogen, um direkt in einem Zelt zu verschwinden. 30 Minuten nichts, dann wurden Suppen ins Zelt gebracht, danach ein Hauptgericht, danach weitere 30 Minuten nichts, bis sie sich dann der Menge präsentierten.

Mehrere Ansprachen auf Nepalesisch wurden gehalten, auch der Wortführer der Sherpas, die nicht an den Berg wollen, kam zu Wort und überreichte einen Brief mit Forderungen an die Regierung. Darin geht es um diverse Absicherungen und mehr Gehalt. Im Anschluss die ersten Worte auf Englisch an die Touristen und an uns als TV-Team: Die Regierung sieht keinen Grund, nicht auf den Mount Everest zu steigen. Auf meine Frage, was denn die Sherpas dazu sagen würden und ob denn der Druck untereinander nicht zu groß sei, bekomme ich die Antwort, dass von Druck keine Rede sein könne - alles sei doch freundlich und friedlich.

Die Regierungsvertreter im Basislager.

Von den Sherpavertretern, die nicht mehr weitermachen wollen, kommt Protest, doch der wird von den Beamten weggelächelt. Hinter vorgehaltener Hand bekomme ich zu hören, dass von Seiten der einen Sherpagruppe Drohungen gefallen seien. Wie solche, dass den Sherpas, die an den Berg gehen und weitermachen, die Beine gebrochen werden. Ob es wirklich so radikal zugeht, weiß ich nicht. Ich erlebe aber, dass die Sherpas gespalten sind. Auf der einen Seite eine kleine, aber relativ meinungsstarke Gruppe junger Sherpas, die nun auf ihre Situation aufmerksam machen will. Auf der anderen Seite eine große Gruppe vor allem älterer und erfahrener Sherpas, die um ihre Freunde und Verwandte trauern, aber gleichzeitig weiterarbeiten wollen und sagen, die Lawine hätte jeden treffen könne, genauso auch die Touristen.

Der Berg ist gefährlich, das steht außer Frage. Der Toten muss respektvoll gedacht werden. Aber der Konflikt, der hier sichtbar wird, hat nur noch wenig mit dem Berg zu tun. Ich frage mich, was diesen Konflikt lösen kann und wage zu bezweifeln, dass der Auftritt der Regierung heute hilfreich war. Eine Lösung gibt es nicht, erstmals wird eine Saison abgesagt. Einer der Sherpaführer hat mir mit zitternder Stimme gesagt, dass wir bitte berichten sollen, dass es nicht an ihnen liegt. Sie wollen auf den Gipfel, aber sie seien zur Zielscheibe geworden. Es ist schwierig, diese Eindrücke zusammenzufassen und auch mein Urteil ist weder abschließend noch allgemeingültig. Auch ich suche immer noch nach richtig und falsch. Aber ich bedaure, dass ausgerechnet ein schlimmer Unfall, der die Menschen eher einen sollte, nun zu Diskussionen und wahrscheinlich langwierigen Konflikten führt.

Ich werde weiter berichten, wie hier oben der Abzug organisiert wird.