Stand: 27.03.2017 09:34 Uhr

Staatssicherheit im Sport: Der Blues des Boxers

von Henning Strüber, NDR.de

In Schwerin kennt ihn fast jeder. Bei Wind und Wetter steht Dirk Schäfer an seinem Stammplatz in der Innenstadt von Schwerin: die Klampfe umgehängt, die Mundharmonika vorm gegerbten Gesicht. So spielt er hier als One-Man-Band fast täglich seine Lieder. Traditionals, Bob Dylan, Muddy Waters. Manchmal hält ein Passant an und wirft eine Münze auf den Gitarrenkasten. Mit der Musik verdient der 55-Jährige seinen Lebensunterhalt. Sie ist sein Leben geworden. Früher war es das Boxen. Statt der Gitarre hätte eine Goldmedaille um Schäfers Hals hängen können. Schäfer wird es nicht mehr herausfinden. Viele prophezeiten ihm damals eine glänzende Karriere.

Straße statt Olympia

"Klar, vom Olympiasieg träumte jeder von uns", sagt Schäfer. Dass ihn sein Lebensweg statt aufs Olympia-Podest auf die Straße geführt hat, daran hat die DDR-Staatssicherheit ihren Anteil. Nur 50 Meter von der Stelle entfernt, wo Schäfer heute Songs wie "Blowin' in the Wind" spielt, wurden vor mehr als 35 Jahren die Weichen für sein Leben umgestellt. Schäfer hat erst jetzt davon erfahren.

Dirk Schäfer © NDR Fotograf: NDR

Der Blues des Boxers: Staatssicherheit im Sport

Sportclub -

Dirk Schäfer zählte zu den größten Box-Talenten der DDR. Bis die Staatssicherheit seine Karriere zerstörte, weil er nicht ins System passte. Heute ist er Straßenmusiker.

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Hinter einer Hausfassade in der Buschstraße

In einer konspirativen Wohnung des DDR-Geheimdienstes in der Buschstraße nahmen Führungsoffiziere Berichte über Schäfer von mehreren Spitzeln entgegen. Diese führten später dazu, dass er aus dem Leistungs-Boxen entfernt wurde. Zu den auf Schäfer angesetzten Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) der Stasi gehörte auch ein gewisser IM "Frank", von dem noch die Rede sein wird. In der konspirativen Wohnung in der Buschstraße, die nach außen als "VEB Meliorationsbau Schwerin" getarnt war, traf sich "Frank" mit Geheimdienstoffizieren und erstattete Bericht über Schäfer.

Das Talent in die Wiege gelegt

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Dirk Schäfer feierte schnell Erfolge.

Schäfer galt als eines der größten Box-Talente der DDR. Schon als kleiner Junge nahm sein Vater ihn mit zum Training nach Ludwigslust. "Mit zehn Jahren gingen die ersten Kämpfe los. Kreismeisterschaften, Bezirksmeisterschaften", erinnert sich Schäfer. Sein Vater Dieter - ebenfalls Boxer und später Trainer - hat ihm das Talent in die Wiege gelegt. 1974 gewann Schäfer die DDR-Schülermeisterschaft, ein Jahr später mit 13 in Berlin boxte er sich bereits zu Gold bei der Kinder- und Jugendspartakiade. "Ich wusste: 'Wenn Dirk sich etwas vornimmt, dann erreicht er sein Ziel.' Er hat hart trainiert", sagt Dieter Schäfer.

Schäfer boxte sich von Erfolg zu Erfolg

Mit 14 stand Schäfer beim renommierten Sportclub "Traktor" Schwerin im Ring. Die Sektion Boxen war eine der erfolgreichsten in der DDR. Hier wurden aus jungen Hoffnungsträgern Medaillengewinner bei Europameisterschaften oder Olympischen Spielen gemacht, wie etwa Jochen Bachfeld oder Richard Nowakowski. Auch Dirk Schäfer feierte schnell Erfolge. 1980 und 1981 wurde er noch als Teenager DDR-Meister im Bantamgewicht. Eine große - internationale - Karriere stand ihm bevor. Schäfer träumte von Olympia- und WM-Gold.

Der "Einzelgänger" mit "fanatischem Gerechtigkeitssinn" eckte an

Doch schon früh nahm ihn die Staatssicherheit ins Visier. Denn Schäfer eckte an. Nicht nur wegen seines unsteten Lebenswandels mit Alkohol, Zigaretten und Jazzkonzerten sowie seinen Kontakten zu "negativen und asozialen Personen". In Stasi-Berichten wurde der junge Boxer als "Einzelgänger" mit "sensiblem Charakter" und "fanatischem Gerechtigkeitssinn" bezeichnet. In politischen Gesprächen soll er "wiederholt provokatorisch und die gesellschaftliche Entwicklung der DDR negierend" aufgetreten sein. So denunzierten die Spitzel Schäfer. Aus Akten geht hervor, das fünf IM auf ihn angesetzt waren. "Das Maß der Überwachung war sehr intensiv", sagt die Landesbeauftragte für die Stasiunterlagen in Mecklenburg-Vorpommern, Drescher.

Die unvollendete Box-Karriere des Dirk Schäfer

Der Karriere-Knockout

Anfang der 1980er-Jahre hatte die Stasi genug Material gesammelt. Schäfer war mittlerweile Reisekader. Einsätze bei internationalen Turnieren standen bevor - unter anderem die Weltmeisterschaft 1982 in München. Die Furcht vor einer "feindlichen" Abwerbung wäre ein Tiefschlag für die DDR gewesen und sollte unbedingt verhindert werden. Schäfer wurde im Rahmen einer operativen Personenkontrolle überwacht. "Alle Kontakte von ihm - postalisch, Beziehungen, Freundschaften - wurden abgeprüft durch die Inoffiziellen Mitarbeiter, durch die Postkontrolle. Das floss letztendlich ein in die Maßnahmen, die gegen ihn ergriffen wurden", sagt Anne Drescher.

"Das war wegen der Kirche"

Lebenswandel, Einstellung zum Sozialismus und vor allem Schäfers Kontakte zur Kirche, die der Staatsführung als Keimzelle oppositioneller Bewegungen galt, waren der Stasi ein Dorn im Auge. "Ich soll mich angeblich in Kirchenkreisen aufgehalten haben. Das waren junge Menschen, die mich angesprochen haben: "Komm doch mal. Dann bin ich da hingegangen. Wir haben Tischtennis gespielt und Schmalzstullen gegessen. Gitarrenmusik gespielt. Und dann bin ich auch wieder gegangen. Das waren für mich einfach nur junge Leute." Ein aufwändiger Maßnahme-Plan zu Schäfer wurde erstellt. Als er vom Bantam- ins Federgewicht wechseln wollte, kam es zum Bruch. Er wurde zurückgestuft und für internationale Einsätze gesperrt. Der Streit um den Gewichtsklassenwechsel ist für Schäfers Vater indes nur vorgeschoben: "Das war wegen der Kirche", sagt er. "Dirk hatte Kontakt zur Kirche und deshalb musste er wie ein Stück Dreck beiseite geschoben werden."

Spitzel im Ring

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Stasi-Dokumente belegen das hohe Maß an Überwachung.

Schäfer ist nicht klar, wie und von wem er überwacht wurde: "Wer da von der Staatssicherheit war, das haben wir nicht mitbekommen. Aber da war einer sicherlich immer mit dabei." Die Spitzel standen sogar mit ihm im Ring. So sei heute anhand von Stasi-Dokumenten belegt, dass etwa Richard Nowakowski - Olympia-Zweiter von 1976 und Vereinsidol bei "Traktor" Schwerin - Clubkameraden wie Schäfer ausgeforscht hat, erklärt Drescher: "Zum IM 'Anton' existiert die IM-Akte. Daraus geht zweifelsfrei hervor, dass das Richard Nowakowski ist."

Auch die Trainer überwachen

Bei der umfangreichen Überwachung der Sportler spielten laut Drescher auch die Trainer eine große Rolle. "Sie kennen eben nicht nur die sportlichen Probleme, sondern auch die familiäre Situation, die emotionalen Beziehungen. Das bildet sich alles in den Akten ab und schafft ein sehr klares Bild", sagt Drescher. Ein solcher Trainer war der IM mit dem Decknamen "Frank". Bei ihm könnte es sich um Fritz Sdunek handeln. Der im vorpommerschen Lüssow geborene Sdunek galt als einer der erfolgreichsten Trainer der Welt. Bei "Traktor" war er in den 1970er- und 1980er-Jahren Coach, später formte Sdunek rund ein Dutzend Weltmeister. So machte er beim Hamburger Universum-Boxstall die ukrainischen Brüder Witali und Wladimir Klitschko zu Schwergewichts-Champions. Als die Trainerlegende im Dezember 2014 an den Folgen eines Herzinfarkts starb, hielt Witali Klitschko - mittlerweile Bürgermeister von Kiew - die Trauerrede.

Die Signatur 278/70

Sdunek war bei der Stasi intern unter der gleichen Signatur gespeichert wie IMS "Frank": 278/70. In Sduneks Autobiografie "Durchgeboxt - mein Leben am Ring" wird sein Verhältnis zur Stasi nur am Rande gestriffen. Akten-Einträge von ihm enthielten "nur belangloses Zeug", erklärte Sdunek in einem Interview. In einer Episode seines Buches erzählt er, wie er Schäfer einmal auf einer Reise nach Kanada fragte, ob sie nicht die Gelegenheit nutzen und sich in den Westen absetzen sollten. Dies habe Schäfer abgelehnt, er könne seine Eltern doch nicht im Stich lassen. "Die eigentliche IM-Akte existiert nicht mehr", sagt Drescher. "Aber die Berichte lassen sich relativ eindeutig zuordnen. Wir können davon ausgehen, dass Fritz Sdunek der IMS 'Frank' war und als solcher Berichte geliefert hat."

"Wir haben das nicht so mitgekriegt", sagt Schäfer heute. "Fritz hat sich um jeden Einzelnen individuell gekümmert und ist auf jeden Einzelnen eingegangen. Das war der Unterschied zu den anderen Trainern. Die waren nur in der Halle und haben die Tatzen gehalten. Fritz ist auch mal ins Museum mit dir gegangen und hat dich zum Abendbrot eingeladen."

Den eigenen Weg gehen

Nach seiner Ausdelegierung versuchte Schäfer auf eigene Faust noch einmal ein Comeback - ohne Trainer und Sparringspartner letztlich ein aussichtsloses Unterfangen. Er beschloss, ganz aufzuhören. "Ich wollte mit dem Boxsport nichts mehr zu tun haben - weder als Trainer oder Übungsleiter. Es war richtig Schluss", sagt Schäfer. Er war davon überzeugt, dass es Zeit für einen anderen Weg war. Es sollte die Musik sein. "Das ist auch gut so. Ich bin einen anderen Weg gegangen. Und den kann ich jetzt solange gehen, bis es nicht mehr geht."

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 26.03.2017 | 19:30 Uhr

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