Stand: 30.08.2017 10:21 Uhr

Spurensuche im Auge des Boxers

von Christian Görtzen, NDR.de
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Schwere Kopftreffer sind beim Boxen an der Tagesordnung.

Reichlich rustikal ist das Umfeld, in dem ein wissenschaftlicher Fortschritt erzielt werden soll. Während im Inneren der Sporthalle Hamburg die beiden Box-Ringe der Amateur-Weltmeisterschaft perfekt ausgeleuchtet sind, kann davon im Geräteraum, gleich neben dem Treppenhaus, keine Rede sein. Zwischen Mattenwagen, Medizinbällen und Schwebebalken steht ein abgenutzter Schülertisch. Auf diesem befindet sich ein Laptop. Und davor hockt Max Keller. Der 25 Jahre alte Superschwergewichtler aus dem WM-Team des Deutschen Boxsport-Verbandes (DBV) trägt eine so genannt Virtual-Reality-Brille.

An der anderen Seite des Tisches sitzen Olaf Gerlach, David Lukasik und Sebastian Weidner. Das Trio ist im Auftrag des BG Klinikums Hamburg im Einsatz und blickt gebannt auf den Bildschirm - vorrangig auf zwei Fenster, die nebeneinander angeordnet sind. Auf dem einen ist ein orangefarbener Ball zu sehen, der hüpft, sich wellenartig bewegt, hin- und herspringt und von weit hinten kommend immer größer wird und so einen 3D-Effekt erzeugt. Und auf dem Fenster nebenan ist zu erkennen, wie Kellers Pupille sich verändert - synchron zu den Bewegungen des Balles, die er durch die Brille verfolgt. Durch Messung der Reaktionszeit der Pupillen sollen schon leichte Hirn-Schädel-Traumata erkannt werden - Verletzungen, die verheerende Folgen haben können.

Hochleistungskameras messen Reaktion der Pupillen

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Kopfverletzungen - die unterschätzte Gefahr

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Kopfverletzungen werden im Spitzensport oftmals noch unterschätzt. Dr. Helge Riepenhof versucht, dem entgegenzuwirken. Video (08:24 min)

Das BG Klinikum erstellt unter der Leitung von Dr. Helge Riepenhof während der WM eine Eye-Tracking-Studie, wie es sie in diesem Umfang in dem Sport noch nicht gegeben hat. Riepenhof, der neben seiner Arbeit in der Klinik auch Teamarzt des italienischen Fußballclubs AS Rom ist, möchte herausfinden, wie sich bei Boxern die Reaktionszeit der Pupillen verändert. "Wir nehmen dabei zwei Messungen vor", sagt Gerlach. "Die erste davon findet früh am Morgen im Hotel statt, wenn die Sportler ausgeruht sind. Die zweite kurz nach dem Kampf." Mit winzigen Hochleistungskameras mit einer Messgeschwindigkeit von 120 Hertz wird im Inneren der Brille aufgezeichnet, wie sich die Sakkaden - eine schnelle ballistische Bewegung der Augen zwischen Fix-Punkten - verändern. Bei der Auswertung werden die Kurven dann miteinander abgeglichen.

350 Boxer nehmen an der Studie teil

"Die Beteiligung ist super. Wir haben bei 350 Sportlern Messungen vornehmen können. Das sind etwa 80 Prozent der Athleten hier", sagt Gerlach. Valide Ergebnisse lägen noch nicht vor. "Das wird sicherlich noch ein paar Wochen dauern", betont Lukasik. Aus dem deutschen Team um den Hamburger Artem Harutyunyan, der im WM-Viertelfinale ausgeschieden ist, waren alle dabei. Aber keiner stand der Studie so aufgeschlossen gegenüber wie der Aachener Keller. Dies liege in erster Linie daran, dass er einiges davon schon aus seinem Psychologie-Studium kenne, erklärt er.

"Trauriges Schicksal, das Gutknecht erlitten hat"

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Boxer Gutknecht wohl für immer pflegebedürftig

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Natürlich ist ihm auch bewusst, dass sein Sport nicht ungefährlich ist. Er kennt ja die Schicksale von einigen Boxern, zum Beispiel jenes von Eduard Gutknecht. Der Gifhorner Profi hatte sich im vergangenen November bei einem Kampf gegen den Briten George Groves so schwere Kopfverletzungen zugezogen, dass er für immer ein Pflegefall bleiben wird. "Das ist ein anderer Fall. Bei Gutknecht war es ein langer Kampf", merkt Keller an. "Und so etwas kann dir auch im Straßenverkehr passieren." Dann fügt er hinzu: "Aber klar, es ist ein trauriges Schicksal, das Gutknecht erlitten hat." Keller mag nicht gerne daran denken, darüber reden. Mit einem Lächeln spricht er von Fragen, die Boxer nicht mögen.

"Und dann denkt man: 'Wo bin ich?'"

Einmal hat Keller bislang einen Knockout hinnehmen müssen. "Man sieht, wie der Schlag kommt. Der hat mich damals links an der Schläfe getroffen. Und dann denkt man: 'Wo bin ich?'" Die Orientierung habe sich wieder recht bald eingestellt. Anderes dauerte länger. "Ich hatte eine Woche lang Wortfindungsstörungen. Der Satzbau war gestört. Gedanken habe ich mir aber nicht gemacht, da ich auch gemerkt habe, dass es nach und nach wieder besser wurde."

Die Studie des BG Klinikums werde es erleichtern, auch leichte Hirn-Schädel-Traumata zu erkennen, glaubt Dr. Samir Aoukal, der nicht nur zum Forscherteam zählt, sondern auch gleichzeitig Mannschaftsarzt des DBV ist. Der deutsche Verband wie auch die AIBA, der Weltverband des Olympischen Boxsports, stünden der Studie sehr aufgeschlossen gegenüber, sagt Dr. Auokal. "Es gibt in vielen Sportarten ja die Frage, wann die Athleten wieder zurück auf das Spielfeld dürfen. Bisher ist es so, dass ein Boxer nach einem erlittenen Kopf-K.o. für vier Wochen gesperrt wird. Einige sind aber nach drei Monaten nicht wieder fit." Es könnte so individuellere Sperren geben, die länger andauern oder die vielleicht auch irgendwann ohne erlittenen Knockout ausgesprochen werden - zum Wohle der Gesundheit des Boxers.

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 30.08.2017 | 07:25 Uhr

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