Stand: 21.03.2016 09:37 Uhr

Sportstadt Hamburg: Traum oder Wirklichkeit?

von Andreas Bellinger, NDR.de
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Tränen nach dem letzten Aufschlag der Saison: Die Volleyballerinnen des VT Hamburg Taylor Milton, Elizabeth Field und Denise Imoudu (v.l.).

Es war ein Traum auf Hochglanzpapier - bis das Nein zu Olympia kam. Seit dem Absturz beim Referendum im vergangenen November ist von Aufbruchstimmung in der "Sportstadt Hamburg" nicht mehr viel zu spüren. Die Gemütslage ist trübe bei Sportlern, Förderern und Funktionären. Tristesse herrscht auch in der Politik, die den Sport aus dem Fokus verloren zu haben scheint. Vorbei die Monate, als der Bürgermeister Olympia 2024 als Chefsache betrachtete und der Senat Hamburg die Sportstätten mit elf Milliarden Euro aufmöbeln wollte. Mehltau habe sich über die Stadt gelegt, heißt es. Und die Leiterin des Olympiastützpunktes (OSP), Ingrid Unkelbach, beklagt im Gespräch mit dem NDR: "Es gelingt dem Sport offenbar generell nicht, positiv rüberzukommen. Man hat den Eindruck, dass die Gründe, warum das Referendum gescheitert ist, jetzt auch in den aktuellen Sport hineinspielen."

"NOlympia"-Schock wirkt nach

Das "NOlympia" der Hamburger war ein Schock, den die Verantwortlichen im Senat und in den Sportverbänden und -vereinen sowie die zahllosen Spitzen- und Freizeitsportler noch immer nicht verwunden haben. Die Euphorie war von einem zum anderen Tag verflogen, und plötzlich häuften sich die Negativmeldungen. Die insolventen HSV-Handballer mussten sich vom Spielbetrieb abmelden. Das Aus für die erstklassigen Volleyballerinnen ist kaum mehr zu verhindern.

Stadt sind die Hände gebunden

"Es gibt momentan keine konkreten Zusagen, nach denen man feststellen könnte, es geht weiter", erklärt der Präsident des VT Aurubis, Volker Stuhrmann. Das finanzielle Loch von rund einer halben Million Euro, das vor allem der lange avisierte Rückzug des Hauptsponsors reißt, ist nicht zu stopfen. Hilfe von der Stadt ist allein aus rechtlichen Gründen unmöglich, erklärt Sport-Staatsrat Christoph Holstein: "Die Stadt darf den Profisport nicht sponsern und bezuschussen; da sprechen europarechtliche Rahmenbedingungen dagegen. Wir haben keinen Staatssport - das ist auch gut so. Die Profis wissen, dass uns die Hände gebunden sind."

Kampf um jeden Cent

So bedauerlich die doppelte Pleite auch sein mag, der erzwungene Rückzug der beiden Aushängeschilder steht nur vordergründig für die Misere der "Sportstadt Hamburg". Schwierig bis dramatisch ist die Lage für die vielen Top-Athleten - mehr als 40 könnten es schaffen - auf dem Weg zu den Olympischen Spielen im Sommer in Rio de Janeiro und die der vielen Bundesligisten, die im Schatten der Fußballer des HSV und des FC St. Pauli um jeden Cent Sponsoren-Zuschuss kämpfen müssen. Immerhin gibt es in der Hansestadt 51 Bundesligisten und 35 Vereine in der Zweiten Liga.

"Sponsorensuche extrem schwierig"

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Schluss mit Rollstuhlbasketball: Edina Müller fährt als Kanutin zu den Paralympics nach Rio und sucht händeringend nach Sponsoren.

"Die Sponsorensuche ist extrem schwierig", bestätigt Edina Müller. Die einstige Rollstuhl-Basketballerin hat die Sportart gewechselt und bereitet sich nun als Kanutin mehr oder minder in Eigenregie auf die Paralympics in Brasilien vor. "Ich muss das jetzt alles selber organisieren", sagt die 32 Jahre alte Goldmedaillengewinnerin von London 2012. "Nur gut, dass mich mein Arbeitgeber unterstützt; so bin ich in dieser Hinsicht wenigstens sicher und geschützt." Generell sitzt das Geld in der Wirtschaft nicht mehr so locker, was sicherlich am Olympia-Aus liegt, aber auch an einer allgemein defensiven Haltung zum Sport-Sponsoring. Skandale um Doping oder FIFA mindern die Bereitschaft, zu investieren.

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Sportclub | 20.03.2016 | 22:50 Uhr