Stand: 30.01.2016 14:02 Uhr

Ein stiller Star küsst das deutsche Tennis wach

von Andreas Bellinger, NDR.de

Sie wollte es krachen lassen - und sie hat es krachen lassen. Angelique Kerber hat gegen Titelverteidigerin Serena Williams ihren ersten Grand-Slam-Titel gewonnen und über Nacht damit vielleicht sogar das über viele Jahre darbende deutsche Tennis wachgeküsst. Als die Kielerin in Melbourne den großen Coup landete, waren am deutschen Morgen nicht mehr nur die Tennis-Fans vor dem Fernseher. Natürlich ist es zu früh, gleich wieder von einem Boom zu sprechen, aber Kerber hat es geschafft, die Faszination des weißen Sports zurück in die Wohnstuben zu transportieren. Ohne Siege und Erfolge - das zeigen parallel bei der EM die Handballer - geht es hierzulande nun mal nicht.

Angelique Kerber bei den Australian Open in Melbourne © picture alliance / dpa Fotograf: Lukas Coch

Kerber: "Noch besser als in meinen Träumen"

Angelique Kerber ist der große Triumph gelungen. Die Kielerin hat die Australian Open gewonnen. Grand-Slam-Turniersiegerin, wie fühlt sich das an? Kerber im Interview.

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Erinnerungen an die große Zeit mit Becker, Graf und Stich

Eine solche Euphorie hat es seit der großen Zeit von Boris Becker, Michael Stich und Steffi Graf nicht mehr gegeben. Den letzten ihrer 22 Grand-Slam-Siege hat die mit Mann (Andre Agassi) und Kindern in Las Vegas lebende Brühlerin 1999 in Roland Garros gefeiert. In Australien war Anke Huber 1996 die letzte deutsche Finalistin - vor genau 20 Jahren, als Becker zum zweiten Mal bei den Australian Open triumphierte und im Deutschen Tennis Bund (DTB) noch Wohlstand und Überfluss, aber auch Verschwendung und Gedankenlosigkeit herrschten.

Bundestrainerin glaubt an einen Boom

"Der große Boom ist schon zu spüren", sagt Barbara Rittner. Die Bundestrainerin, die das Damen-Tennis beharrlich aufgebaut und ganz fest an den Erfolg ihrer Nummer eins schon in Australien geglaubt hat, komplettiert neben Trainer Torben Beltz das kleine, feine Team von der Kielerin. Kerber hat es vor der Saison nach ihren Vorstellungen neu aufgestellt, was beweist, dass sie mit ihren inzwischen 28 Jahren das Heft fest in der Hand hält. Ohne dabei große Worte zu verlieren - und vor allem ohne sich zu verbiegen. Öffentliche Auftritte wie Sabine Lisicki mag sie nicht. Und anders als die extrovertierte Berlinerin im Wimbledon-Finale 2013 behielt sie auf der großen Bühne die Nerven.

Angelique Kerbers Weg nach oben

Kerber in der Beletage des Tennis angekommen

Ihre bescheidene und natürliche Art ist Kerbers Stärke, führt bisweilen aber auch dazu, dass sie unterschätzt und nicht in dem Maße gewürdigt wird, "wie es ihr gebührt" (Rittner). Manchmal hat es sogar den Anschein, als sei es ihr peinlich, im Rampenlicht zu stehen. Aber sie versteckt sich auch nicht, zeigt Emotionen und bleibt dabei immer fair. Die Art und Weise, wie ihr Williams nach dem Matchball gratulierte, sprach Bände. "Ich freue mich wirklich für Dich; Du hast es verdient", sagte die Amerikanerin, die nach 21 Triumphen erst ihr fünftes Grand-Slam-Finale verlor und die man selten so entspannt gesehen hat nach einer großen Niederlage. Ihre Reaktion zeigt, dass Kerber in der Beletage des Tennis angekommen ist. Als neue Nummer zwei wird sie niemand mehr unterschätzen.

Im Fed Cup gegen die Schweiz

Es wird spannend zu beobachten sein, wie Kerber, das Team und der DTB mit dem Aufschwung umgehen. Schon am kommenden Wochenende, wenn die Fed-Cup-Mannschaft in Leipzig mit einer Grand-Slam-Siegerin an der Spitze auf die Schweiz trifft. Soviel ist sicher: Die bodenständige Angelique Kerber wird nicht abheben. Nach dem Triumph in der Rod-Laver-Arena macht sie alles so, wie sie es auch getan hätte, wenn sie in der ersten Runde den Matchball gegen die Japanerin Misaki Doi nicht abgewehrt hätte: Erst einmal flog sie in ihr Trainingsquartier bei den Großeltern nach Polen.

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Video: Kerber schreibt Tennis-Geschichte

Angelique Kerber hat die Sensation bei den Australian Open perfekt gemacht und Serena Williams geschlagen. Das Match in der Sportschau-Zusammenfassung. extern