Stand: 29.12.2015 19:13 Uhr

Ein Göttinger revolutionierte das Skispringen

von Ann-Kristin Mennen

Bei 251,5 Metern liegt der aktuelle Weltrekord im Skifliegen. Vor hundert Jahren endete der weiteste Satz gerade einmal bei 54 Metern. Dann beschäftigte sich der Aerodynamiker und Flugzeugingenieur Reinhard Straumann von der Universität Göttingen mit der Frage, wie möglichst weites und gleichzeitig möglichst sicheres Skispringen möglich ist. Als erster Wissenschaftler erkennt er 1924 den Einfluss der Luft als entscheidenden Faktor beim Skispringen. Um das Verhältnis von Luftwiderstand und Körperhaltung zu erforschen, experimentiert Straumann daraufhin mit Springerpuppen in einem Windkanal in der Aerodynamischen Versuchsanstalt Göttingen, dem Vorläufer des heutigen Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Schneidig durch den Windkanal

Weg vom Bauchgefühl-Springen

Forschungen, die der Ski-Historiker und Direktor des Deutschen Ski-Museums, Gerd Falkner, rückblickend als revolutionär bezeichnet. "Durch die Windkanaluntersuchungen Straumanns entwickelte sich das Skispringen weg vom Bauchgefühl-Springen hin zu einer wissenschaftlich fundierten Sportart." Die optimale Körperhaltung beim Weitsprung, so das Ergebnis des Göttinger Wissenschaftlers, ist der sogenannte "Fisch-Stil". Dabei segelt der Springer möglichst weit vorgebeugt und mit angelegten Armen parallel zu seinen langen Sprung-Ski. Nur die Hände sollen dabei - ähnlich wie Fischflossen im Wasser - die Richtung korrigieren.

Kein Interesse, weit zu springen

Es war ein Novum für die Skisprung-Szene. Bis dahin hatten die Springer während der Flugphase intensiv mit den Armen gerudert, um voranzukommen. Es war eine Technik, die Unruhe und damit einen deutlichen höheren Luftwiderstand erzeugte, wie Ski-Historiker Falkner erklärt. Und dennoch setzte sich der neue Stil des Göttinger Forschers vorerst nicht durch. "Das hatte hauptsächlich sportpolitische Aspekte", so Falkner. "Man war nicht vorrangig daran interessiert, immer weiter zu springen." Vielmehr seien Ästhetik und Sicherheit maßgebliche Kriterien gewesen.

1953 etablierte sich Straumanns Stil

Erst bei der ersten Vierschanzentournee im Jahr 1953 etablierte sich Straumanns "Fisch-Stil". Einmal eingeführt, dominierte er die Skisprung-Szene schließlich bis in die 80er-Jahre hinein und wurde erst in den 90er-Jahren abgelöst vom sogenannten V-Stil, bei dem der Springer seine Skier in der Luft V-förmig spreizt.

Forschung in Windkanälen wichtig für Sportler

Auch heute noch spielt die Forschung in Windkanälen für viele Sportarten eine große Rolle, sagt Jens Wucherpfennig vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. "Egal ob Bobfahren, Rennradfahren oder Ski-Alpin, immer geht es auch darum, den Luftwiderstand möglichst gering zu halten." Eine besondere Bedeutung haben die Experimente auch für die Sportler der deutschen Paralympics-Nationalmannschaft im Alpin-Ski, die zusammen mit Forschern des Göttinger Instituts an ihrer windschnittigen Haltung feilen. Denn die jeweils spezifischen Prothesen und Ausrüstungen der Sportler erforderten auch eine jeweils besondere Körperhaltung im Windkanal, so Wucherpfennig: "Denn schließlich geht es im Profi-Sport heute um jede tausendstel Sekunde, die ein Skifahrer schneller sein kann und um jeden Zentimeter, den ein Springer weiter fliegt."