Stand: 16.12.2015 15:09 Uhr

Ein Dorf, zwei Fäuste und ein Halleluja

von Nils Hartung

Der 21. Juni 1978 ist dem deutschen Fußball-Fan gemeinhin in schlechter Erinnerung. Eine 2:3-Niederlage bei der Fußball-WM in Argentinien gegen Österreich - heute firmiert die Pleite unter dem Namen "Schmach von Córdoba". Bei der Faustball-WM 2015 hieß das Halbfinale ebenfalls Deutschland gegen Österreich und erneut war Córdoba der Spielort. Die Österreicher hatten sich extra T-Shirts bedrucken lassen. "Immer wieder Córdoba" stand darauf zu lesen. Offenbar eine zusätzliche Motivation, denn die Deutschen siegten und schnappten sich anschließend auch noch den Titel, ohne einen Satz abzugeben. Der Kapitän der Mannschaft heißt Christian Kläner, sein Heimatverein ist der TV Brettorf - ein Dorf mit gerade mal 850 Einwohnern im Landkreis Oldenburg. Und Kläner ist nicht der einzige dekorierte Titelträger hier.

Der Kapitän und sein größter Sieg

"Die Bank in unserem Dorf"

Dienstagabend, Training in der Mehrzweckhalle. Im Vereinsheim stapeln sich die Pokale in schier endlosen Reihen, nebenan probt der Männergesangsverein. "Hosianna" hallt es durch die Gänge. So geht Dorfleben. Für Kläner und seine Mannschaft steht die Vorbereitung auf die nächste Bundesliga-Partie auf dem Programm. Trainer Ralf Kreye scheucht seine Jungs über den Linoleumboden. "Christian ist die Bank in unserem Dorf. Und er ist immer noch hungrig", sagt er. Hier in Brettorf spielt irgendwie jeder Faustball. Der Turnverein hat etwa 700 Mitglieder; zahllose Mannschaften nehmen am Spielbetrieb teil. Die Euphorie, die Identifikation mit dem Club ist riesengroß. "Das ist unser Verein und wir wollen hoch hinaus" - laut Trainer Kreye wird das Credo schon dem Nachwuchs eingeimpft.

Faustball - Hintergrund und Geschichte

Die Wurzeln der Sportart liegen im südlichen Europa, im Jahr 1870 wurde Faustball in Deutschland eingeführt. Aktuell wird Faustball vor allem in Europa und Südamerika gespielt. Faustball ist ein sogenanntes Rückschlagspiel und dem Volleyball durchaus ähnlich. Ein Unterschied: Der Ball darf vor jeder Berührung einmal aufkommen. Es treten zwei Mannschaften mit jeweils fünf Spielern gegeneinander an, es wird nach Sätzen gewertet. In der Bundesliga wird nach dem Prinzip "Best of five" gespielt, das heißt, die Mannschaft, die zuerst vier Sätze gewonnen hat, gewinnt. In der Bundesliga gibt es im Winter eine Hallensaison und im Sommer eine Freiluftsaison. In Deutschland gibt es derzeit etwa 28.000 aktive Spieler - Tendenz sinkend.

Großer Bahnhof für den Weltmeister

Das Rezept scheint gut zu funktionieren. Brettorf ist eine Hochburg im deutschen Faustball. Als Kläner mit Medaille und Titel aus Argentinien zurückkommt, warten 120 Menschen am Bahnhof, um ihren Weltmeister zu empfangen. Doch solche Geschichten sind eher die Ausnahme, wenn es um Faustball geht. Die Zuschauerzahlen sind nicht hoch und das ist noch übertrieben. Das Spiel, obwohl schnell und attraktiv, hat offenbar ein Imageproblem. Jahrelang versuchten die Faustballer, die als sogenanntes Turnspiel im Deutschen Turnerbund (DTB) organisiert sind, sich deshalb eigenständig zu vermarkten. Doch die Turner wollten sie nicht ziehen lassen. Kein Wunder: Geschätzte 28.000 Faustballer gibt es in Deutschland. Und ein Weggang hätte sich auch in den Mitgliederzahlen des DTB niedergeschlagen.

Die Trennung scheitert

Derzeit läuft es folgendermaßen: Die Faustballer sind immer noch unter dem Dach des großen DTB organisiert, doch sie durften sich immerhin mit ihrer Liga selbstständig machen. Eine "Win-win-Situation", sagt der Präsident der Deutschen Faustball-Liga (DFBL), Ulrich Meiners. "Wir haben eine gute Stellung im DTB." Die Turner hätten Zugeständnisse gemacht, nachdem die Faustballer angekündigt hatten, einen eigenen Verband gründen zu wollen. Beim DTB grassierte wohl auch ein bisschen die Furcht, dass es nicht bei der einen Sportart bleiben würde, die künftig auf eigenen Beinen stehen will. Die Angst vor einem Domino-Effekt, wenn die Faustballer ihr eigenes Spiel spielen. Aber das ist mittlerweile vom Tisch.

Der Kapitän schleppt selbst

Zurück beim Training in der Halle. Es wird abgebaut. Der Weltmeister packt mit an und schleppt den schweren Metallpfosten, an dem die Leine festgemacht wird, eigenhändig vom Platz. Kläner hat über 60 Herren-Länderspiele absolviert, doch nach dem größten Triumph in Argentinien ist der Kapitän der Nationalmannschaft zurückgetreten. "Das war die beste Mannschaft, in der ich je gespielt habe", schwärmt er rückblickend. Aus. Vorbei. Jetzt eben wieder Brettorf. Vorne am Netz steht Christians jüngerer Cousin Tobias Kläner. Auch er hat schon für Deutschland gespielt und Titel gewonnen - wie so viele andere Brettorfer. Ein paar Zahlen: Exakt 32 Deutsche Meistertitel hat der Verein in allen Altersklassen zusammengenommen errungen. Insgesamt acht Brettorfer haben an Weltmeisterschaften teilgenommen. Ebenfalls acht Spieler aus Brettorf dürfen sich Europameister nennen.

Vor dem Derby

Die nächste Partie in der Bundesliga ist ein ganz besonderes Spiel: Am Freitag, 18. Dezember, 20 Uhr, treffen die Brettorfer auf den Ahlhorner SV. Ein echtes Lokalderby, denn Ahlhorn liegt nur etwa 30 Kilometer von Brettorf entfernt. Ligapräsident Meiners ist Ahlhorner. Er sagt: "Von der Konkurrenz profitieren beide Clubs. Brettorf ist auch an Ahlhorn gewachsen." Die Ahlhorner haben bis heute 81 Titel gesammelt, der TV Brettorf hinkt ein bisschen hinterher. Noch. Aber am Freitag wollen sie es dem deutlich größeren Nachbarn wieder einmal zeigen. Mit ihrem Weltmeister auf der Grundlinie und Hunderten Zuschauern in der Halle, die die Mannschaft anfeuern. "Meine Liebe, mein Dorf, mein Verein" prangt es auf einer großen schwarzen Tafel in der Mitte des Spielfelds. Ein ganzer Ort lebt für seinen Sport.