Stand: 18.12.2016 09:00 Uhr

DDR-Leistungssport: Kindheit unter Qualen

"Zinnowitz ist Schmerz, ein einziger Schmerz." Das Leid ist das, was Susann Scheller von den Träumen ihrer Kindheit geblieben ist. Die 44-Jährige war in der DDR Leistungssportlerin, Rhythmische Sportgymnastik. Viele ihrer Altersgenossinnen träumten wie Susann Scheller von einer erfolgreichen Karriere im Sport mit olympischen Medaillen, nur wenige schafften es. Sie alle bezahlten einen hohen Preis. Nahezu 1.000 ehemalige DDR-Leistungssportler haben heute mit den Spätfolgen von übermäßigem Training, Medikamenten und Doping zu kämpfen. Viele sind erst Jahrzehnte nach ihrer Leistungssportzeit in der Lage, darüber zu reden. Meist erst dann, wenn der Leidensdruck unerträglich geworden ist.

Die Sportgymnastin Manuela Renk © unbekannt Fotograf: unbekannt

DDR-Leistungssport: Kindheit unter Qualen

Nordmagazin -

Rund 1.000 ehemalige DDR-Leistungssportler haben mit den Spätfolgen von Intensiv-Training und Doping zu kämpfen. Zwei von ihnen sind die Sportgymnastinnen Manuela Renk und Susann Scheller.

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Kraftlos aus der Kindheit

So wie Susann Scheller. Heute fühlt sie sich erschöpft: "Einfach nur erschöpft. Wie eine Generalerschöpfung, als wäre das Leben schon gelaufen, als hätte man die ganze Kraft irgendwo schon gelassen, auf jeden Fall in der Kindheit." Ihre Kindheit hat sie für ihren Traum geopfert. Mit sechs Jahren beginnt sie mit der Rhythmischen Sportgymnastik. Schon drei Jahre später trainiert sie beim SC Chemie Halle und lebt fortan im Internat.

"Länger, härter, noch mehr"

So wie sie wachsen viele andere im Internat auf. Im Turnen oder in der Rhythmischen Sportgymnastik wird die Kindheit vom Trainingsalltag bestimmt. Abgeschirmt von den Eltern, durch das Leben im Internat oder durch lange Trainingslager in den Leistungssport-Schulen, eine davon ist Zinnowitz auf Usedom. "Es ging nur ums Training. Also länger, härter, noch mehr... manchmal vier Trainingseinheiten pro Tag", erinnert sie sich. Susann Scheller ist ehrgeizig. Sie trainiert hart, sie hat Erfolg. 1988, mit 16 Jahren, steht sie in der Nationalmannschaft der DDR.

"Du bist viel zu fett"

Der Preis ist hoch: Die jungen Sportlerinnen müssen Opfer bringen - und werden Opfer. "Sportlerinnen und Sportler, die sehr früh begonnen haben, sind Opfer von massiver verbaler, sexualisierter und anderer Formen von Gewalt geworden", sagt Prof. Dr. Harald Freyberger von der Forschungsgruppe DDR-Sportgeschädigte an der Uni Greifswald. "Das beginnt mit sexualisierenden Bemerkungen bei den acht-, neun-, zehn- und elfjährigen Mädchen - 'Du bist viel zu fett. Du siehst ja eklig aus.' - und endet schließlich auch in tatsächlichen manifesten Missbrauchshandlungen", so Freyberger.

Traurige Triumphe

Manuela Renk kann sich bis heute nicht über ihre Erfolge freuen.

Ein Schicksal, das auch Manuela Renk erfahren hat. Ab 1988 gehört sie zu den talentiertesten Gymnastinnen der DDR. Der Druck, dünn sein zu müssen, die Entwicklungs- und Ess-Störungen - all das lässt die 42-Jährige bis heute nicht los. "Alle konnten sehen, ob du am Wochenende zugenommen hast und dadurch, dass die Trainer uns immer - selbst wenn wir auf dem ersten Platz standen - gesagt haben: Das reicht nicht, du kannst dich jetzt nicht auf den Lorbeeren ausruhen, du musst weitermachen. Ich habe Bilder von mir im Fotoalbum, da stehe ich auf dem ersten Platz und habe den Kopf gesenkt, als würde ich mich da oben schämen müssen."

Kein Gefühl, ob gut oder schlecht

Manuela Renk ist traurig. Die Trainer hätten den jungen Sportlerinnen genommen, "dass wir stolz drauf sein können auf die Erfolge, die wir hatten". Wenn sie sich heute rückblickend Videos aus ihrer aktiven Zeit ansieht, hat Manuela Renk "überhaupt kein Gefühl dafür, ob das gut oder ob das schlecht ist". Die Erinnerung an die Kindheit im DDR-Sport fällt schwer. Außerdem sind die Bilder verschwommen, offensichtlich durch Medikamente, wie sich jetzt erst herausstellt.

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"Ein großer Aspekt ist, dass viele dieser früh in den Sport hineingehenden Menschen mit Schmerzmedikamenten behandelt wurden - und zwar in abenteuerlichen Dosierungen", sagt DDR-Sport-Forscher Freyberger. Die jungen Sportler bekommen mehrere Kapseln und Tabletten am Tag. Medikamente werden auch zusammen mit dem unverfänglichen Vitaminpulver Dynvital aufgelöst und direkt an die Sportler ausgegeben. Sie wissen nicht, dass sie Schmerzmittel einnehmen.

Noch viele Fragen offen

Die Folgen ihrer früh begonnenen Leistungssport-Karriere lassen viele damals Aktive bis heute nicht los. "Es ist ja noch nicht abgeschlossen. Die Tragweite, was da noch auf mich zukommt, ist überhaupt noch nicht ersichtlich", sagt Scheller. Immerhin: Über das Thema zu sprechen, macht den Umgang mit der Vergangenheit leichter, wie Manuela Renk bestätigt: "Dadurch, dass ich mit meinen ehemaligen Sportkameraden viel darüber rede, ist es nicht mehr so eine große Last." Die beiden ehemaligen Leistungsgymnastinnen sind erst nach über zwei Jahrzehnten in der Lage, ihre Geschichte zu erzählen. Und sie haben noch so viele Fragen.

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Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 18.12.2016 | 19:30 Uhr

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