Stand: 12.06.2016 14:28 Uhr

Baseball in Braunschweig: Man muss es wollen

von Tino Nowitzki

Baseball - das bedeutet für Deutsche vor allem ein typisch amerikanisches Spiel. Riesige Stadien mit zehntausenden Fans, die bei literweise Cola und einem Wochenvorrat Erdnüssen zuschauen, wie Männer Lederbälle durch die Luft schlagen. Irgendwie anders, irgendwie skurril. Aber vor allem riesig groß: Über 71 Millionen Fans schauten sich in den USA in der vergangenen Saison ein Spiel der ersten Liga im Stadion an. Und allein bei der letzten Meisterschaftpartie saßen fast 15 Millionen Amerikaner vor ihren Fernsehern. Keine Frage: Die Amis sind verrückt nach ihrem "favorite game". Doch auch in Deutschland gibt es Baseball - nur hierzulande sieht alles eine Nummer kleiner aus. Oder hundert Nummern. Zur kleinen Schar teutonischer "Baseball-Verrückter" gehört Braunschweigs kaum bekanntes Team der "Spot Up 89ers". Ein Besuch bei Außenseitern.

Klappbänke statt Stadionsitzen

Vittorio Failla rollt ein paar Würstchen über den Grill. Ab und an schaut er auf, blinzelt in die Sonne und blickt über den Maschendrahtzaun, wo ein Spieler in blau-weißem Trikot gerade eine Holzkeule über den Kopf schwingt. Gestresst wirkt der Mann in der kleinen Imbissbude nicht. Ihm ist klar: Auch heute werden wohl ein paar Dutzend Grillwürste und wenige Packungen Weißbrot reichen. Gerade 20, vielleicht 30 Zuschauer hat es zum Heimspiel der 89ers gezogen, trotz bestem Frühsommer-Wetter. Und obwohl es heute gegen die "Wallbreakers" aus Leipzig geht. Eigentlich ein schwieriger und deswegen spannender Gegner. Aber Vittorio Failla kennt das. Seit Jahren kommt er mit seiner Frau Petra zu den Spielen hierher in den Park im südlichen Braunschweig, in dem die "Spot Up 89ers" ihren Baseball-Platz haben. Mit richtigen "Bases", und Spieler-Unterständen, wie es sie auch in amerikanischen Stadien gibt. Aber mit einem Plastik-Netz als Spielfeld-Rand. Und mit ein paar Klappbänken für Zuschauer.

Es begann mit Hollywood

Ein bisschen traurig ist Vittorio Failla trotzdem, dass Baseball so wenig attraktiv auf die Braunschweiger wirkt. Und dann auch wieder nicht: "So ist es gemütlicher", sagt er. Anders als in großen Stadien könne man die Spieler hier fast anfassen - zumindest aber ein Schwätzchen mit ihnen halten: "Wir sind wie eine große Familie". Und im Falle des 59-jährigen Mannes mit italienischen Wurzeln ist das wörtlich zu nehmen. Als Vater eines der 89er-Spieler ist es für ihn selbstverständlich, bei Heimspielen die Würstchenzange in die Hand zu nehmen und ein paar kühle Biere zu reichen. Sein Sohn Marco spielt seit über 10 Jahren für die 89ers. Auch er kennt die Außenseiter-Rolle des Clubs gut genug - wobei es schon andere Zeiten gab: Bei der Team-Gründung 1989 herrschte in Deutschland gerade ein regelrechter Baseball-Hype, ausgelöst durch den Kinofilm "Die Indianer von Cleveland" mit Charlie Sheen. Und als die Mannschaft 2007 in die zweite Baseball-Bundesliga aufstieg, kamen schon einmal um die 400 Zuschauer. Aber schon eine Saison später ging es zurück auf das Regional-Level. Und die Zuschauer blieben weg. Seitdem sitzen auf den Bänken und im Gras vor allem Spieler-Frauen, Väter und Mütter und einige Hardcore-Fans. An der Mannschaft selbst liege es aber nicht, findet Marco Failla: "Wir sind ein guter Haufen". Immerhin lägen er und seine 13 Mitspieler im Mittelfeld der Liga.

Deutsche mögen rasante Spiele

Stattdessen liege es vor allem am Spiel selbst. Baseball - für viele Deutsche sei das eben ein Mysterium. "Die meisten sind Fußball gewohnt, wo es rasant zugeht und das Spiel meist nach 90 Minuten entschieden ist", sagt Marco Failla. Ein Baseballspiel könne dagegen schon einmal drei bis vier Stunden dauern. Manche gehen bis in die Nacht. Und flott sei es auch nicht, wenn selbst gute Spieler nur drei aus zehn Bällen tatsächlich mit ihren Schlägern treffen, bevor sie endlich einmal los laufen. "Baseball gehört eigentlich in ein anderes Jahrhundert", sagt  Failla, der selbst als sogenannter Center-Fielder in der Mitte des Platzes Bälle abfangen soll. Dazu komme, dass das Spiel extrem taktisch sei und obendrein ein riesiges Regelwerk habe. Trotzdem geht für ihn und etwa 30.000 andere Spieler in Deutschland eine magische Faszination von Baseball aus. Der 34-Jährige klingt dann fast wie ein alter Boxer, wenn er erklärt: "In dem Sport lernt man zu verlieren. Das stärkt den Charakter. Und das ist wohl mein Ding".

In Braunschweig findet man die Baseball-Seele

Einen Außenseiter-Sport zu betreiben, stört Marco Failla daher nicht. Im Gegenteil. Eigentlich sei man hier in Braunschweigs Süden näher an den Wurzeln von Baseball, als anderswo: Schließlich sei das Spiel auf kleinen Plätzen geboren worden, sagt er. Dort habe man sich an Sommer-Nachmittagen getroffen und einfach eine gute Zeit gehabt. Und darum gehe es schließlich vor allem im Baseball. Wohl auch deswegen haben die 89ers zumindest kein Nachwuchs-Problem: zwei Jugendmannschaften gibt es im Moment, die jüngsten Spieler schwingen mit sechs Jahren ihre "Bats" genannten Schläger.

Stadt hat Mittel gestrichen

Und trotzdem könnte die Mannschaft bekannter sein, findet Marco Failla. In Braunschweig stoße er immer noch auf verwunderte Blicke, wenn er von einem örtlichen Baseball-Team erzählt. Klar, die immense Popularität von Fußball in der Stadt mache es nicht leichter: "Das gräbt natürlich Sponsoren ab". Ein bisschen sei deswegen auch die Stadtverwaltung gefragt. Die habe aber erst dieses Jahr wieder die Mittel zum Erhalt des Baseball-Platzes gestrichen. "Da wünschen wir uns mehr Engagement", sagt Failla. Die Illusion, dass sein Lieblingssport in Deutschland irgendwann einmal so groß sein wird wie in den USA, habe er aber nicht. Aber der 89er nimmt es mit Humor: Momentan sei Baseball schließlich auf der Sport-Beliebtheitsskala der Deutschen auf Platz 31. Failla: "Immerhin sind wir damit noch vor Rasen-Hockey."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Sport Aktuell | 12.06.2016 | 15:00 Uhr

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