Stand: 22.04.2013 15:21 Uhr  | Archiv

Acolatse - ein Afrikaner sorgt für Aufsehen

von Johannes Freytag, NDR.de
Guy Acolatse im Einsatz für den FC St. Pauli am 20. Oktober 1963 im Regionalligaspiel gegen Neumünster.

Der FC St. Pauli genießt unter Fußballfans heutzutage den Ruf des "etwas anderen Clubs", der Verein gilt als besonders weltoffen und tolerant. Schon vor 50 Jahren pflegte der Kiezclub dieses Image und sorgte mit der Verpflichtung von Guy Kokou Acolatse nicht nur in Hamburg für sehr großes Aufsehen. Der damals 21-Jährige wechselte aus Togo in die Hansestadt und war der erste schwarze Profifußballer in Deutschland.

Westphals Überredungskünste

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St.-Pauli-Coach Otto Westphal (r.) lotste Guy Acolatse (l.) nach Hamburg.

Diesen historischen Moment hatten die Hamburger Otto Westphal zu verdanken, der im Juli 1963 Trainer am Millerntor wurde. In den Jahren zuvor coachte er die Nationalmannschaft Togos, in der Acolatse schon mit 17 Jahren debütierte: "Der FC St. Pauli suchte eine Nummer zehn und Otto Westphal hat mich gefragt, ob ich Interesse habe, nach Deutschland zu kommen. Und ich habe Ja gesagt", erklärte der Offensivspieler, der Angebote aus Belgien und Frankreich ausschlug. Am 14. Juli 1963 fuhr er im Taxi am Millerntor vor und dachte angesichts der wartenden Menschenmenge, dass ein Spiel stattfinden würde. "Nein, die sind alle wegen dir gekommen", klärte Westphal seinen Spieler auf. Der St.-Pauli-Coup sorgte für Schlagzeilen: "Schwarz wie die Nacht, schnell wie eine Antilope  und schussstark wie eine Elefantenbüchse", beschrieb die "Bild"-Zeitung damals den Neuzugang aus Afrika und staunte: "Er kann Schreibmaschine schreiben, er kann Fußball spielen."

Die Geschichte des FC St. Pauli

Duell gegen Beckenbauer

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Das Team des FC St. Pauli im Jahr 1964 mit Guy Acolatse.

Bereits bei seinem ersten Einsatz im St.-Pauli-Trikot am 4. August 1963 - ein 6:2 in einem Freundschaftsspiel in Büdelsdorf bei Rendsburg - erzielte Acolatse sein erstes Tor und zeigte "viel Spielverständnis", wie das "Hamburger Abendblatt" feststellte. Sein Punktspieldebüt eine Woche später am 11. August gegen Altona 93 (4:1) ließ wiederum die "Bild" jubeln: "Der Junge ist auf dem besten Wege, Hamburgs Mann des Jahres zu werden." So weit kam es dann aber nicht, insgesamt reichte es in drei Jahren beim Hamburger Stadtteilclub nur zu 43 Pflichtspielen und sechs Toren in der (damals zweitklassigen) Regionalliga Nord. Mit großer Begeisterung erzählt Acolatse aber stets von der Bundesliga-Aufstiegsrunde 1964, an der St. Pauli als Nordmeister teilnahm. "Ich habe gegen Franz Beckenbauer gespielt, der hat damals sein erstes Spiel für den FC Bayern München gemacht. Das ist unvergesslich für mich." Die Partie ging am 6. Juni mit 0:4 verloren, Beckenbauer erzielte ein Tor. Im Rückspiel hieß es sogar 1:6 - den Hamburger Treffer markierte Acolatse.

"Ich kann nichts Schlechtes sagen"

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Ein Bild aus den ersten Tagen in Hamburg: Acolatse beim Training.

Auch abseits des Fußball-Geschehens sorgte Acolatse für Aufsehen: "Damals war ich der einzige Schwarze in ganz Deutschland und der einzige Togolese, der hier Fußball gespielt hat. Wenn ich in Hamburg unterwegs war, haben die Leute geguckt: Ein Schwarzer! Aber ich fand das nicht schlimm", erklärte der Ex-Profi 2010 in einem Interview mit der Zeitschrift "ak". Mit seinem Humor und seinen schnell erworbenen deutschen Sprachkenntnissen fand sich Acolatse rasch zurecht. Rassismus will er nicht gespürt haben: "Wenn du schlecht spielst, schimpfen die Zuschauer. Die Leute haben gerufen: Ey, Guy, wenn du kein Tor schießt, bekommst du eine Banane. Du kleiner Affe. Heute können die großen Spieler das nicht ertragen, die sind dann beleidigt und schreien Rassismus. Ich kann nichts Schlechtes sagen über die Deutschen damals. Ich habe hier gut gelebt." Auch dass mit seinem Namen reichlich Schindluder ("Apokalypse", "Akolapse", "Eykalyptus", "Schokolatse") getrieben wurde, störte ihn nicht.

Rentner-Dasein in Paris

Acolatse heiratete eine Hamburgerin, hatte Kontakte zu Gustav "Bubi" Scholz und Gunther Sachs, spielte in einem Kinofilm mit Gitte Haenning, Hamburger Zeitungen buhlten um seine Dienste, auch ein großes Versandhaus wollte ihn zu Marketing-Zwecken bei Verkaufsveranstaltungen einsetzen. Der Fußballer machte alles mit, kümmerte sich nebenbei aber auch um seine Zukunft nach der aktiven Karriere. Eine Ausbildung zum Fernsehtechniker brach er ab, weil sie nicht in Einklang mit den Trainingszeiten zu bringen war, aber seine Trainerausbildung absolvierte er erfolgreich. Seine Zeit beim FC St. Pauli endete 1965, als Trainer Kurt Krause nicht mehr auf ihn setzte. Acolatse wechselte zum Lokalrivalen Barmbek-Uhlenhorst und lief später in den 70er-Jahren noch einmal für die St.-Pauli-Amateure auf. Anfang der 80er ging der Togolese nach Paris, wo er heute als Rentner lebt und Jugendliche eines Stadtteilclubs trainiert.