Stand: 01.07.2015 13:08 Uhr  | Archiv

Tennisbaron von Cramm: Triumph des Charakters

von Bettina Lenner, NDR.de

Sein Spiel war elegant, sein Auftreten nobel: Gottfried von Cramm steht bis heute für Ästhetik und Fairplay auf dem Tennis-Platz. Er war der erste Deutsche, der in Wimbledon das Finale erreichte. Den Titel auf dem heiligen Rasen gewann er jedoch nicht. Den Nationalsozialismus lehnte der liberale Tennisbaron ab.

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Konkurrenten und Freunde: Gottfried von Cramm (l.) und Donald Budge.

Als Gottfried Freiherr von Cramm im Juli 1937 beim Davis-Cup-Interzonenfinale den legendären Centre Court in Wimbledon betritt, will er den Fluch endlich brechen. Dreimal hat er schon auf dem heiligen Rasen im Einzelendspiel der All England Championships gestanden, dreimal hintereinander (1935 bis 1937) hat er verloren. Nun ist der Tennisbaron ein Gentleman, der Niederlagen nicht nur außerordentlich gut verkraften, sondern die Leistung anderer auch neidlos anerkennen kann. Bei seiner Finalniederlage im Vorjahr war es nicht die erneute Pleite gegen den britischen Titelverteidiger Fred Perry, den er kurz zuvor im Endspiel von Paris noch geschlagen hatte, die ihn bekümmerte. Vielmehr bedauerte er, dem Publikum nicht mehr geboten zu haben.

Gottfried von Cramm: Tennisbaron und Gentleman

Drei Finalniederlagen in Wimbledon

Gleich im ersten Spiel des ersten Satzes hatte er sich im mit Spannung erwarteten Match eine Zerrung zugezogen, aber im Sinne des Fairplays zum Weiterspielen entschlossen. Nach 45 Minuten war alles vorbei, hatte von Cramm mit 1:6, 1:6, 0:6 verloren. Über den Schiedsrichter ließ er ausrichten, er bedaure zutiefst, dass er nicht habe besser spielen können. Eine Geste, für die ihn das Publikum feierte und liebt. Im Sommer 1937, sein großer Kontrahent Perry war nicht angetreten, zog von Cramm bei seiner dritten und letzten Finalteilnahme in Wimbledon auch gegen den Kalifornier Donald Budge den Kürzeren - und gratulierte artig: Er habe das beste Tennis seines Lebens gespielt. Es sei ihm eine Freude, gegen einen Besseren zu verlieren.

Gottfried Freiherr von Cramm 1952 bei einem Davis-Cup-Match © picture-alliance / dpa

Klassiker von Cramm - Perry in Hamburg

Sportclub -

Gottfried von Cramm gegen Fred Perry - ein Klassiker im Tennis der 30er-Jahre. Die beiden Virtuosen sind über 50, als sie noch einmal ein Showmatch am Rothenbaum bestreiten.

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Neben Schmeling der populärste Sportler Deutschlands

Doch Fairplay und Anstand, das muss auch der noble Verlierer von Cramm lernen, sind in Deutschland zu dieser Zeit nicht unbedingt die Tugenden der Stunde. Als der Freiherr im Juli 1937 nur wenige Wochen nach der Endspiel-Niederlage erneut im englischen Tennis-Mekka gegen Budge antritt, ist der Druck erheblich. Das deutsche Davis-Cup-Team spielt gegen die USA, und das internationale Publikum zollt der Mannschaft unter dem Hakenkreuz noch Respekt. Für von Cramm, der als einer der elegantesten und anmutigsten Spieler aller Zeiten gilt, wohl eine zwiespältige Situation: Mit seiner Reputation als untadeliger Sportsmann und vorbildlicher Stilist ist er neben Max Schmeling der populärste Sportler Deutschlands, trägt somit entscheidend zur Anerkennung seines Teams bei.