Stand: 02.02.2015 10:13 Uhr  | Archiv

Schmeling - Stationen einer Weltkarriere

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Max Schmeling wird am 28. September 1905 in Klein Luckow geboren - und avanciert zum populärsten Sportler Deutschlands.

Geboren am 28. September 1905 in Klein Luckow im Grenzgebiet zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, wächst Max Siegfried Adolph Otto Schmeling in Hamburg auf. Die Familie zieht 1906 in die Hansestadt - der Vater, von Beruf Steuermann, findet bei der Hamburg-Amerika Linie Arbeit. Nach Abschluss der Volksschule absolviert Schmeling eine kaufmännische Lehre in einer Anzeigenagentur. Den Sportbegeisterten inspirieren die Boxfilme der 20er-Jahre. In dieser Zeit reift in ihm der Entschluss, das Boxen zu lernen. Sein damaliges Vorbild ist Schwergewichts-Weltmeister Jack Dempsey - ihn sieht er 1919 in einem Wochenschaubericht im Kino.

1924 - Der schnelle Erfolg

Nach der Ausbildung geht Schmeling 1922 ins Rheinland. Als ihn sein Arbeitgeber nach Köln-Mülheim versetzt, tritt Schmeling dem Mülheimer Boxclub bei. Schon zu Ostern 1924 wird Schmeling in Chemnitz überraschend deutscher Vizemeister im Halbschwergewicht. Mit 19 Jahren beginnt seine Profikarriere als Boxer und bereits am 2. August desselben Jahres gewinnt er den ersten Profikampf gegen Jean Czapp - für eine Börse von 80 Reichsmark. Niemand kann ihn mehr aufhalten. 1926 zieht er nach Berlin und wird am 26. August ganz und gar nicht unerwartet deutscher Meister. Jeder hat Schmeling nun auf der Rechnung. Die Presse feiert ihn als neuen "Stern am Boxhimmel".

1927 - Erster Star für Millionen

Mit dem sportlichen Erfolg stellt sich auch gesellschaftliche Anerkennung ein. Schmeling lernt durch seinen Film "Ein Filmstar wird gesucht" Schauspieler kennen, steht mit seinem durchtrainierten Körper dem Bildhauer Rudolf Belling Modell und lässt sich von Georg Grosz malen. Am 19. Juni 1927 legt Schmeling den nächsten Meilenstein seiner Karriere: Er wird in Dortmund Europameister im Halbschwergewicht. Der Kampf wird im Radio live übertragen. Das noch junge Medium Rundfunk hat seinen ersten Star für Millionen Zuhörer. Kurz darauf muss Schmeling einen tragischen Niederschlag hinnehmen: Bei einem Motorradunfall im Juli 1927 kommt seine 14-jährige Schwester Edith ums Leben.

1928 - Karriere-Sprung in Amerika

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Im Jahr 1928 wechselt Schmeling ins Schwergewicht.

Max Schmeling nimmt an Gewicht zu. Anstatt Diät zu leben, wechselt der Profiboxer im März 1928 in die Gewichtsklasse Schwergewicht. Vier Wochen später greift er nach dem deutschen Titel. Der harte Kampf endet für Schmeling mit einem Sieg nach Punkten gegen den amtierenden deutschen Schwergewichtsmeister Diener. Jetzt ist der Weg nach Amerika frei. Der Box-Weltverband nominiert den Sportler aufgrund seiner Siege zum Anwärter auf den Weltmeistertitel. Vor der Fahrt über den großen Teich spielt Schmeling die Hauptrolle in dem Boxfilm "Liebe im Ring", der im März 1930 uraufgeführt wird. Im gleichen Jahr bereitet er sich auf die Kämpfe in den USA vor.

1930 - Weltmeister im Schwergewicht

Am 12. Juni 1930 ist die Sensation perfekt: Schmeling wird in New York Box-Weltmeister im Schwergewicht. Nach der Disqualifikation seines Gegners Jack Sharkey - aufgrund eines verbotenen Tiefschlags - ist der Boxprofi der erste Europäer mit dem WM-Titel. Im darauf folgenden Jahr verteidigt der Wahl-Berliner seinen Titel gegen den US-Amerikaner Stribling. Eine zweite Titelverteidigung gelingt ihm zwar nicht, aber Schmeling hat das scheinbar Unmögliche möglich gemacht.

1934 - Rekord-Kampf in Hamburg

Doch dem Verlust des WM-Titels steckt Schmeling in einer sportlichen Krise. Nachdem er den Gürtel wieder an Sharkey verloren hat (21. Juni 1932), gelingt Schmeling nur ein Sieg in den folgenden vier Kämpfen. Mit Walter Neusel, dem "weißen Tiger", hat Schmeling plötzlich Konkurrenz im eigenen Land. Am 26. August 1934 treffen die Konkurrenten aufeinander. Offiziell sehen 102.000 Zuschauer auf der Sandbahn in Hamburg-Lokstedt Schmelings Sieg in der neunten Runde - bis heute Europarekord. Der ehemalige Weltmeister hat den Angriff des potenziellen Nachfolgers abgewehrt und seine Karriere gerettet.

1936 - Vom Held zur Legende

In New York besiegt er den ungeschlagenen "braunen Bomber" Joe Louis durch K.o. in der zwölften Runde.

Die Nationalsozialisten nutzen seine Popularität in den USA als Werbung für die Olympischen Spiele 1936 in Deutschland. Während die USA laut über einen Boykott der Spiele nachdenken, schaffen es die Nazis, ihn für ihre Ziele einzuspannen - und der Boxstar spielt diese Rolle mit. Im Nachhinein bezeichnet sich der Boxer selbst als grenzenlos naiv. Als spektakulärster Sieg gilt der K.o. in der zwölften Runde über den bisher ungeschlagenen "braunen Bomber" Joe Louis. Mit diesem Kampf schreibt sich Schmeling unauslöschlich in die Annalen der Boxgeschichte. Den Film "Max Schmelings Sieg - ein deutscher Sieg" setzen die Nationalsozialisten als Mittel der Agitation ein.

1938 - Im Schatten der Propaganda

Der Fight des "weißen" Schmeling gegen den Afroamerikaner Louis wird zum Kampf zweier Menschenrassen ideologisiert. Die NS-Propaganda deutet Schmelings Sieg als Überlegenheit der nordisch-arischen Rasse. Zynisch wirkt das Hochlebenlassen des Boxers durch die Nazis, hatten sie doch im Jahr zuvor von Schmeling gefordert, sich von seinem jüdischen Manager und seiner tschechischen Frau, der Filmschauspielerin Anny Ondra, zu trennen, mit der er bis zu ihrem Tod 1987 eine - kinderlos gebliebene - Bilderbuchehe führt. Zwei Jahre später (1938) verliert der deutsche Boxer die Revanche gegen Joe Louis. Für die Nationalsozialisten ist er damit nicht mehr nützlich. Die Box-Legende wird unbequem und ist zu amerikafreundlich eingestellt.

1948 - Aus dem Krieg zurück in den Ring

Schmeling verweigert den Eintritt in die NSDAP und handelt sich damit größte Schwierigkeiten ein. Erst 1989 wird bekannt, dass er den jüdischen Brüdern Henry und Werner Lewin das Leben rettete, indem er sie in seinem Domizil Hotel Excelsior vor den NS-Schergen versteckte. Die Wehrmacht zieht den Boxer 1940 als Fallschirmjäger ein. Beim Absprung auf das von Großbritannien besetzte Kreta verletzt er sich schwer, verbringt mehrere Monate im Lazarett und wird ab 1943 nur noch in Kriegsgefangenenlagern eingesetzt. Am 2. Oktober 1948 in Kiel und am 31. Oktober 1948 in Berlin steht Schmeling die letzten Male im Ring. Einem Erfolg gegen Hajo Drägestein folgt gegen Richard Vogt in der Berliner Waldbühne vor 20.000 Zuschauern zum endgültigen Abschluss seiner Karriere eine Punktniederlage nach zehn Runden.

1957 - Die zweite Karriere

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Nach seiner Boxkarriere betreibt er in Hamburg-Bramfeld die Generalvertretung Norddeutschland für Produkte aus dem Hause Coca-Cola.

1957 wird der Boxer zum Unternehmer. Als Konzessionär für den Vertrieb von Coca-Cola wächst seine Abfüllfirma bis 1997 auf 500 Mitarbeiter an. Filialen in Neumünster und Reutlingen richtet er ein. In Altona gehören ihm 50 Prozent der Hanseatischen Getränke-Industrie und auch in Hamburg-Wandsbek liegt der Brausegeruch seiner Abfüllanlage in der Luft. Schmeling bleibt sich selbst stets treu. Seinen aufrechten Gang als fairer Sportsmann beweist er gerne. Aber nicht in der Öffentlichkeit, nicht für Publicity. Seinem im Laufe der Zeit verarmten Widersacher Joe Louis überweist er stillschweigend Geld - bis zum Schluss.

2004 - Sonderbriefmarke zum 99. Geburtstag

Mit großem Boxer-Herzen gründet das lebende Denkmal Schmeling 1991 seine Max-Schmeling-Stiftung zur Hilfe in Not geratener Sportler und zur Unterstützung von Senioren in seiner Geburtsstadt. Er spendet 1997 für Opfer der Hochwasser-Katastrophe, engagiert sich für SOS-Kinderdörfer und unterstützt die Diakonie und den Behinderten-Sportverband. Der von den Sportjournalisten zum Sportler des Jahrhunderts gewählte Boxer hat die Schwelle in das neue Jahrhundert scheinbar mühelos überschritten. Die Österreichische Post brachte zu seinem 99. Geburtstag eine Sonderbriefmarke heraus. Teile des Erlöses spendete Schmeling, der Inbegriff des "anständigen Kerls", der Stiftung Deutsche Sporthilfe.