Stand: 15.03.2011 17:00 Uhr

Astrid Kumbernuss - Ästhetin im Kugelstoß-Ring

von Andreas Schlebach, NDR.de

Astrid Kumbernuss hat das Kugelstoßen salonfähig gemacht. Im Ring stand die dreimalige Weltmeisterin für Ästhetik und historischen Erfolg. Nur der Abschied fiel der Neubrandenburgerin schwer.

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Mutterglück nach Dreifach-Gold: Kugelstoß-Weltmeisterin Astrid Kumbernuss und Sohn Philip bei ihrem Comeback im Mai 1999 in Halle.

Den glücklichsten Moment erlebte Astrid Kumbernuss am 7. Juli 1998, kurz vor der Leichtathletik-EM in Budapest: Sie gebar ihren Sohn Philip. Ein Jahr später holte sie ihr drittes WM-Gold im Kugelstoßen. Nach Göteborg 1995 und Athen 1997 triumphierte die Neubrandenburgerin - zu ihrer eigenen Überraschung - auch 1999 in Sevilla. Nie zuvor war einer Kugelstoßerin ein solcher Hattrick gelungen. Gold bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta hatte die sportliche Karriere der "großen Blonden" aus dem Norden Mecklenburgs zuvor bereits gekrönt. Doch das Mutterglück im Alter von 28 Jahren bedeutete den Wendepunkt in der denkwürdigen Karriere der gelernten Einzelhandelskauffrau. So stark wie zuvor war sie danach im Ring nie mehr. Die beinahe kompromisslose Härte gegen sich selbst - vor allem im Training - brachte sie nach Beobachtung ihres Trainers (und damaligen Lebensgefährten) Dieter Kollark nicht mehr auf. Zehn Jahre lang hatte sich Kumbernuss da schon geschunden, zu Beginn ihrer Laufbahn Diskus-Silber bei den Junioren-Europameisterschaften 1987 und -Weltmeisterschaften 1988 sowie Gold mit Kugel und Diskus bei der Junioren-EM 1989 gewonnen.

Astrid Kumbernuss - Eine Karriere in Bildern

Die Wiederentdeckung des Weiblichen

"Sie lebt von den Beinen. Sie ist sprint- und sprungstark und in dieser Frage vielleicht heute schon Weltspitze", erkannte Kollark damals, als Kumbernuss kurz vor der Junioren-EM mit 20,54 m den bis heute gültigen Junioren-Weltrekord im Kugelstoßen aufstellte und dieser Disziplin seither den Vorrang gab. Mit Erfolg: Bei der EM 1990 ließ sie Kugelstoß-Gold (20,38) in Split folgen. Schnelligkeit und Sprungkraft auf der einen, Ästhetik und Anmut auf der anderen Seite: Mit diesen Eigenschaften entwickelte sich Astrid Kumbernuss im Laufe der Jahre beim SC Neubrandenburg unter Kollark zum Welt-Star einer Disziplin, die jahrelang ein Schattendasein gefristet hatte. Mit Kugelstoßen assoziierte die leichtathletik-interessierte Öffentlichkeit Bilder von ebenso hässlichen wie muskelbepackten Mannweibern, deren rohe Kräfte ganz offensichtlich ungezügeltem Anabolika-Konsum geschuldet waren. Kollark, dessen Verstrickung in das DDR-Dopingsystemspäter bekannt wurden, hatte durchaus Anteil an dieser Entwicklung der Sportart.

Karriere auf der Kippe

Der Aufstieg von Astrid Kumbernuss in die Weltspitze begann mit einem Karriereknick. Nach Rang zwei bei ihrem ersten Start für die gesamtdeutsche Mannschaft im Europapokalfinale 1991 in Frankfurt/Main verhinderte eine Handverletzung ihren Start bei der WM 1991 in Tokio. Den Traum vom Edelmetall bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona musste die aufstrebende Athletin nach einem Kreuzbandriss im Knie begraben. Reduzierte Sporthilfe-Förderung war die Folge. Und Sponsoren zu finden, war nach der weltweit aufsehenerregenden Dopingaffäre Krabbe/Springstein ein Ding der Unmöglichkeit. Buchstäblich aus wirtschaftlicher Not heraus eröffnete die Kugelstoßerin von ihren Ersparnissen ein Sportgeschäft in Neubrandenburg: Mehr Arbeit, weniger Zeit fürs Training. Dennoch kehrte Kumbernuss 1993 mit WM-Rang sechs (19,42 m) in die erweiterte Weltklasse zurück. Die bestätigte sie mit dem Sieg beim Europacupfinale 1994 in Birmingham und Silber bei der EM im selben Jahr in Helsinki. Zwangsläufig - nach Kreuzband- und Meniskusoperation - setzten Kollark und Kumbernuss neben sehr dosiertem Krafttraining auf eine vielseitige Ausbildung mit Sprints, Sprüngen und Dauerläufen. "Im Vergleich zu anderen Kugelstoßerinnen bin ich ein Schlappschwanz", ulkte die Mecklenburgerin, deren Glanzzeit dann 1995 begann.

Gold und Geld für Kumbernuss

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51 Wettkämpfe ohne Niederlage bestritt Kumbernuss.

Drei WM-Goldmedaillen zwischen 1995 und 1999, der Olympiasieg in Atlanta 1996 und 51 Wettkämpfe in Folge ohne Niederlage machten Kumbernuss zur erfolgreichsten - und bestverdienenden - Kugelstoßerin aller Zeiten. Nach der ersten erfolgreichen Titelverteidigung bei der WM in Athen und dem mit 200.000 Dollar dotierten Grand-Prix-Gesamtsieg in Fukuoka (Japan) wurde die Neubrandenburgerin 1997 auch zu Deutschlands Sportlerin des Jahres gewählt. Doch neben dem finanziellen Reiz fühlte sich Kumbernuss stets auch berufen, ihre Disziplin aus dem Abseits staubiger Nebenplätze zurückzuholen in die Stadien und vor Publikum. "1995/96 bin ich soviel getingelt, für wenig und manchmal auch gar kein Geld", erinnert sich Kumbernuss, "um den Leuten zu zeigen: Euer Bild im Kopf ist falsch." Sie, die selbst die Männerkugel aus dem Stand fast 14 Meter weit stieß, galt damals schon seit Jahren als beste Technikerin der Welt: "Sie ist schnell und stößt unheimlich sauber", lobte DLV-Trainer Karl-Heinz Leverköhne. Noch einmal legte Kumbernuss olympisches Edelmetall nach: Bronze bei den Spielen in Sydney 2000. Es blieb ihr letztes.

2008 Start in ein neues Leben

Trotz des Sieges beim Grand-Prix-Finale 2001 konnte die inzwischen 31-Jährige an die Erfolgsserie früherer Jahre nicht mehr anknüpfen. Auf Rang vier bei der Heim-EM 2002 in München folgte ihr tränenreiches Aus in der Qualifikation der WM 2003 in Paris. Auch ihr Versuch, noch einmal bei Olympischen Spielen aufzutrumpfen, endete 2004 in Athen - nach längerer vorheriger Verletzungspause - mit einem Fiasko. Erst 2005 war Kumbernuss bereit für den Abgang von der großen Bühne des Sports. Der Deutsche Leichtathletik-Verband ehrte sie zum Karriere-Ende mit dem Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis. Nach der Neuordnung ihres Privatlebens mit Trennung von Dieter Kollark, Hochzeit und Hausbau traute sich Deutschlands Kugelstoß-Ikone ausgerechnet im Olympiajahr 2008 in ihr neues Leben. "Es ist nicht so einfach, ganz von vorn anzufangen", sinnierte sie, "das war eine große Herausforderung."

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 05.02.2010 | 10:25 Uhr

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