Stand: 26.01.2016 15:33 Uhr

Bundesliga-Handball in Hamburg ist Geschichte

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Ohnmächtig sahen die Spieler um HSV-Kapitän Pascal Hens das Ende kommen.

Kein Geld, keine Spieler: Nach 13 Jahren hat der insolvente HSV Hamburg das Kapitel Handball-Bundesliga in der Hansestadt beendet und mitten in der Saison sein Profiteam vom Spielbetrieb abgemeldet. Diesen nach dem Lizenzentzug erwarteten Schritt vollzog Insolvenzverwalter Gideon Böhm am Montagabend. "Die Anreise zu den Auswärtsspielen, die Kosten für die Heimspiele, die Organisation der Spiele, die Betreuer und nicht zuletzt die Spieler selbst sind nicht mehr zu finanzieren", sagte Böhm. "Ohnehin haben fast alle Spieler mittlerweile die Spielbetriebsgesellschaft verlassen und sind bereits bei anderen Vereinen unter Vertrag." Die 20 absolvierten Spiele der Hamburger in dieser Saison werden annulliert und aus der Tabelle herausgerechnet.

Als erste Partie nach der EM-Pause hätte für den HSV am 10. Februar das Nordduell in Flensburg auf dem Plan gestanden. Die 6.400 Zuschauer fassende Halle war ausverkauft. Rivalen prüfen jetzt juristische Konsequenzen für die Hamburger.

U23 wollte kein Lückenbüßer sein

Sportlich wartet auf den deutschen Meister von 2011 und Champions League-Sieger von 2013 nun der schwierige Neuanfang in der Vierten Liga. Die U23 des Clubs, die dem eingetragenen Verein und nicht der insolventen Profiabteilung angehört, hatte es abgelehnt, als Lückenbüßer für die Profis die Bundesliga-Saison zu Ende zu bringen. Stattdessen strebt das Nachwuchsteam als Tabellenführer der Oberliga Hamburg/Schleswig-Holstein den Aufstieg in die Dritte Liga an. Mit den beiden Unternehmern Jürgen Hunke und Alexander Otto - bekannt durch ihr Engagement bei den HSV-Fußballern - haben bereits zwei Gönner Unterstützung in Aussicht gestellt. Die restlichen fünf Heimspiele des Spitzenreiters sollen in einer größeren Halle angepfiffen werden.

Lizenz entzogen

Am vergangenen Mittwoch hatte die Handball-Bundesliga (HBL) den Norddeutschen die Bundesliga-Lizenz entzogen. Damit stand der aktuelle Tabellenvierte bereits als erster Absteiger fest. Die Spielberechtigung sei "nicht auf der Grundlage vollständig und wahrheitsgemäß vorgelegter Unterlagen erfolgt", hieß es in der Begründung des Ligaverbandes. Die Hamburger hatten bei der Einreichung ihrer Unterlagen eine wichtige vertragliche Ergänzung zu einer Verpflichtungserklärung des ehemaligen Mäzens Andreas Rudolph verheimlicht - mit der Rudolphs Haftungserklärung über 2,5 Millionen Euro entkräftet wurde. Die Zusatzvereinbarung beinhaltete, dass Zahlungen von Sponsoren und Kommanditisten, die Rudoph zwischenzeitlich besorgt, aufgerechnet werden. Bei genauer Kenntnis darüber hätte die Lizenzierungskommission im Frühjahr 2015 von vornherein "keine positive Lizenzentscheidung für den HSV Handball getroffen".

Lindberg geht zu den Füchsen

Die HSV-Spieler haben bereits reihenweise die Flucht angetreten. Nach Adrian Pfahl (Frisch Auf Göppingen) und Ilija Brozovic (THW Kiel) gab in Johannes Bitter eine Identifikationsfigur ihren Abschied bekannt, gefolgt von Rückraumspieler Alexander Feld, der sich bis Saisonende dem Zweitligisten Bayer Dormagen angeschlossen hat. Der dänische Erstligist Bjerringbro-Silkeborg meldete die Verpflichtung von Spielmacher Allan Damgaard. Matthias Flohr gab seinen Wechsel am Sonntag bekannt: Der 33-Jährige spielt bis zum Ende der Saison für Silkeborg-Konkurrent Skjern Handbold. Linksaußen Kevin Schmidt schließt sich dem VfL Gummersbach an. Am Dienstag meldeten die Füchse Berlin bei der Verpflichtung von Hans Lindberg Vollzug, Tom Wetzel schloss sich TuS N-Lübbecke an. Auch der Däne Casper Mortensen und der Pole Piotr Grabarczyk, die wie Lindberg derzeit bei der EM in Polen im Einsatz sind, dürften kaum nach Hamburg zurückkehren. Gleiches gilt für Trainer Michael Biegler, der bei der EM das polnische Team betreut.

HBL prüft rechtliche Schritte

Dem HSV und den handelnden Personen droht nun noch juristisches Ungemach. "Fakt ist, dass es eine Reihe von geschädigten Clubs, Unternehmen und Personen gibt. Jeder, der sein Geld nicht bekommen hat, wird überlegen, wie er damit umgeht", sagte Bohmann. Dies gilt für den Zweitligisten GWD Minden, der nach heutigem Kenntnisstand nicht hätte absteigen müssen und der seine juristischen Optionen bereits prüft. Die Clubs, die den HSV in der Rückrunde eigentlich noch begrüßen sollten, sind ebenfalls betroffen. Die Füchse Berlin teilten am vergangenen Donnerstag mit, dass sie im Falle eines HSV-Rückzugs eine rechtliche Klage wegen fehlender Einnahmen aus dem Ticketverkauf prüfen werden. "Uns würde ein Verlust im sechsstelligen Bereich entstehen", sagte Füchse-Manager und DHB-Vizepräsident Bob Hanning.

Und auch die HBL selbst könnte zum Kläger werden. "Es ist meine Pflicht zu prüfen, ob wir unsere Rechte durchsetzen können", sagte Bohmann, gab aber auch zu, dass es kompliziert sei: "Wie wollen wir den Schaden an unserer Marke feststellen und beziffern?" Eins ist für für den HBL-Chef allerdings klar: "Die Sache hat nur Verlierer."

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