Stand: 08.06.2017 10:32 Uhr

Vranjes: "Drücke Flensburg weiter die Daumen"

Ljubomir Vranjes wurde mit Flensburg Champions-League-Sieger und holt den DHB-Pokal.

Am Sonnabend, nach der Partie gegen die HSG Wetzlar (Anwurf: 16 Uhr), endet bei der SG Flensburg-Handewitt ein großes Kapitel in der Vereinschronik: Ljubomir Vranjes wird nach elf Jahren verabschiedet. Der 43-Jährige war in dieser Zeit Spieler, Co-Trainer, Team-Manager und seit November 2010 Chefcoach. Im Juli wechselt er zum ungarischen Spitzenclub MKB Veszprém. Im Gespräch mit NDR.de blickt der Schwede auf bewegte Zeiten zurück.

Herr Vranjes, nach elf Jahren erleben Sie gegen die HSG Wetzlar Ihr letztes Spiel mit der SG Flensburg-Handewitt. Wie steht es um Ihre Gefühlslage?

Ljubomir Vranjes: Wenn ich das letzte Mal in die "Hölle Nord" gehe, wird es gefühlsmäßig sicherlich eine Mischung aus Traurigkeit und vielen Erinnerungen. Mir werden bestimmt viele positive Dinge, die wir gemeinsam in den letzten Jahren erlebt haben, durch den Kopf schießen. Ich werde auch noch einmal die Fans sehen, die zu den besten in der Welt gehören und die in all den Jahren hinter uns standen. Von der Mannschaft werde ich mich bereits am Donnerstag nach dem Training persönlich verabschieden. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dazu nach dem Spiel noch in der Lage wäre.

2015 verkündeten Sie, mit der SG deutscher Meister werden zu wollen. Dafür hat es nicht ganz gereicht. Nun verabschieden Sie sich ohne Titel. Wie bewerten Sie die Saison?

Ljubomir Vranjes: In mir steckt eine Enttäuschung. Zweimal - gegen Kiel im Pokal und gegen die Rhein-Neckar Löwen in der Meisterschaft - haben wir die Chance auf einen Titel vergeben. Andererseits bin ich sehr stolz auf meine Mannschaft, auf welch hohem Niveau sie in den jüngsten zwei Jahren gespielt hat - und das trotz einer erweiterten Champions League und der gewachsenen Belastung. Die Saison 2015/2016 war die beste Spielzeit überhaupt. In der aktuellen Serie hat es etwas gehakt, das Niveau war aber dennoch hoch. Leider hat es mit einem erhofften Titel in den vergangenen beiden Jahren nicht geklappt.

Zuletzt gab es teilweise viel Kritik und auch wütende Reaktionen aus der Anhängerschaft. Wie geht man als Trainer damit um?

Ljubomir Vranjes: Die Mannschaft hat immer hundertprozentig alles gegeben. Das war als Trainer stets mein Hauptanliegen für Verein und Fans. Persönliche Beleidigungen gegen Spieler oder mich sind nicht fair. Man kann Kritik sachlich vorbringen, aber es gibt viele Dinge, die ein Fan nicht weiß. Sie können sicher sein, dass wir immer alles versucht haben. Manchmal haben wir falsche Entscheidungen getroffen. Und vor allem sollte jeder bedenken: Der Gegner will auch immer unbedingt gewinnen.

Mit 370 Spielen auf der Bank sind Sie der Rekordtrainer in der SG-Geschichte. Sind Sie darauf stolz?

Ljubomir Vranjes: Ich bin weniger stolz als froh, so lange auf der Trainerbank überlebt zu haben. Dabei haben mir sicherlich die Ergebnisse geholfen. Seit 2011 gewannen wir vier Titel, waren immer beim Final Four in Hamburg dabei und verloren im Schnitt nur zehn Spiele pro Saison - und das wettbewerbsübergreifend.

An welches der letzten 370 Spiele erinnern Sie sich am liebsten?

Ljubomir Vranjes: Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr fallen mir ein. Da ist natürlich das komplette Kölner Final Four von 2014 mit dem Champions-League-Sieg zu nennen. Oder das letztjährige Pokal-Halbfinale gegen die Rhein-Neckar Löwen, als die Mannschaft wenige Tage zuvor in Kielce verloren hatte. Trotz allem, was in Polen passiert war, zeigten meine Jungs eine enorme mentale Stärke. Der Europapokal-Sieg 2012 zu Hause war besonders schön. Oder wie wir 2011 erstmals das Weltklasse-Team Ciudad Real schlugen. Oder wie wir trotz großer Verletzungssorgen und einer mit jungen Talenten aufgefüllten Truppe in Montpellier gewannen. So könnte ich fortfahren…

Wie geht es weiter? Ist der Umzug nach Veszprém schon durchgeplant?

Ljubomir Vranjes: Nein, ist er nicht. Ich wollte mich zu 100 Prozent auf meine Aufgaben bei der SG konzentrieren. In Veszprém beginnt die Vorbereitung erst am 24. Juli, da haben wir bis Mitte Juli Zeit. Außerdem ist es nicht unser erster Umzug, daher kommt ein gewisser Automatismus von allein.

Was waren die Gründe für Ihren Wechsel?

Ljubomir Vranjes: Da spielten mehrere Faktoren eine Rolle. Jetzt ist sicherlich ein guter Zeitpunkt für die SG und für mich, etwas Neues anzufangen. Auf mich wartet in Ungarn eine neue Herausforderung. Letztendlich ausschlaggebend für den Wechsel waren familiäre Gründe. Ich werde mehr Zeit für meine Familie haben. Nach meiner Einschätzung werde ich mit Veszprém 26 Pflichtspiele weniger haben als mit der SG. Zudem sind die Auswärtstouren in Ungarn wesentlich kürzer. In der Bundesliga muss man fast immer tags zuvor losfahren und kommt erst in der nächsten Nacht oder sogar erst am nächsten Morgen zurück. Zukünftig werde ich häufiger um 22 Uhr zu Hause sein. Die Bundesliga muss aufpassen: Es gibt immer mehr Spieler, die sich dieser großen Belastung nicht mehr stellen wollen.

Sie sprechen von der Belastung. Zukünftig sind Sie in Personalunion auch ungarischer Nationaltrainer…

Ljubomir Vranjes: Da reden wir vielleicht über acht bis zwölf Spiele im Jahr. Und bei den letzten Welt- und Europameisterschaften war ich ohnehin stets vor Ort.

Eine letzte Frage: Wird Maik Machulla ein guter Nachfolger sein?

Ljubomir Vranjes: Das glaube ich. Maik kennt die Mannschaft, das System und den Verein. Er hat viel gelernt und ist ein guter Arbeiter - sonst hätte es mit uns auch nicht so gut funktioniert. Nun wird er selbst Verantwortung übernehmen und den Kader nach seinen Vorstellungen entwickeln müssen. Ob es wirklich für alle die richtige Entscheidung war, wird man frühestens in einem Jahr sehen. Ich werde Maik und der Mannschaft in jedem Fall die Daumen drücken.

Das Interview führte Jan Kirschner, NDR.de

Dieses Thema im Programm:

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