Stand: 17.01.2016 19:56 Uhr

Rune Dahmke: Plötzlich Hoffnungsträger

von Jan Kirschner, NDR.de
Rune Dahmke vom THW Kiel bestreitet in Polen seine erste Europameisterschaft.

Zahlreiche Deutschland-Fahnen leuchteten auf der Tribüne der altehrwürdigen Breslauer Jahrhunderthalle, die mit ihrem hohen Kuppeldach einen besonderen Charme besitzt. Das nahm Rune Dahmke wahr, auch die Trikots seines Heimatvereins THW Kiel, die einige wenige Zuschauer trugen. Dann dominierte das berühmte Kribbeln, die Anspannung. Der 22 Jahre alte Linksaußen war voll auf das Debüt bei der Europameisterschaft fokussiert. Auf seine internationale Feuertaufe nach nur sechs Länderspielen. "Es war schon etwas Besonderes", gab er nach dem Abpfiff zu Protokoll. "Doch nun überwiegt die Enttäuschung. Wir haben uns insgesamt zu viele technische Fehler erlaubt." Die DHB-Auswahl hatte gegen die favorisierten Spanier eine 29:32-Niederlage kassiert, die nicht nötig tat.

THW-Youngster profitiert von Verletzungspech

An seiner persönlichen Erfolgsgeschichte hat sich dadurch nichts geändert: Dahmke ist der Aufsteiger der vergangenen Monate. Aufgrund eines Personalengpasses ist der Rechtshänder, der beim SV Mönkeberg vor den Toren Kiels das Handball-ABC erlernte, erst seit Herbst Stammkraft beim THW. Für den Supercup im November flatterte erstmals die Einladung zur deutschen Nationalmannschaft ins Haus. Dann wiederholte sich das Verletzungspech auch im Kreis der DHB-Auswahl. Ursprünglich war der Youngster als zweiter Akteur hinter Leistungsträger Uwe Gensheimer nominiert. "Er ist für jeden Linksaußen so etwas wie ein Idol", dachte Dahmke. "Da hatte ich mich darauf eingestellt, dass ich bei der Europameisterschaft hauptsächlich Erfahrung sammeln, aber nicht viel spielen werde." Dann zog sich der Routinier einen Muskelfaserriss in der Wade zu, und auch Nachrücker Michael Allendorf musste wegen einer Blessur passen. Plötzlich war Dahmke allein auf weiter Flur.

Der Kader des THW Kiel für die Serie 2015/2016

Verletzter Gensheimer gibt Youngster Tipps

Die besondere Konstellation hat Bundestrainer Dagur Sigurdsson nicht sonderlich thematisiert. Wohl auch, um so keinen allzu großen Druck auf den jungen Spieler auszuüben. Zumindest gab es kurz vor dem ersten Aufritt kein Einzelgespräch. Stattdessen schaute Gensheimer vorbei, was Dahmke besonders freute. "Spiel so wie du es aus Liga und Verein kennst, hat er mir gesagt", verrät der 1,89 Meter große Rechtshänder. "Dann hat er mir noch ein, zwei weitere Dinge mit auf den Weg gegeben."

Nur ein Wurf gegen Spanien

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Dahmke konnte sich zum EM-Auftakt gegen Spanien kaum in Szene setzen.

Bereits nach fünf Minuten tauchte die Nummer 34 erstmals frei vor dem spanischen Gehäuse auf und erzielte die zwischenzeitliche 5:3-Führung. Es blieb der einzige Wurf im ganzen Spiel. "Die Außen hatten es sehr schwer, da die Spanier in ihrer Abwehr eine Art Trichterform bildeten, die nur wenig Platz ließ", analysierte Dahmke später. Den von vielen erwarteten Full-Time-Job hatte er auch nicht zu meistern. Bei einer Unterzahl wurde seine Position aufgelöst. Zudem tauchte Spielmacher Niclas Pieczkowski häufiger auf der linken Außenbahn auf. Auch Martin Strobel soll im Verlauf des Turniers aushelfen, um die Belastung zu verteilen. "Ich weiß gar nicht, ob es möglich wäre, alle zwei Tage 60 Minuten durchzuspielen", meint Dahmke.

"Wollen noch lange dabei sein"

Das besondere Flair, das ein Großturnier mit sich bringt, spürt er selbst bei einem Spaziergang durch die hübsche Innenstadt Breslaus. "Wir werden erkannt, viele wollen sich mit uns fotografieren lassen", erzählt er. Mit Interesse hat er sich ein Video auf der THW-Vereinsseite angeschaut, wie einige hundert Fans im Kieler Bahnhof vor einer Großleinwand mitjubelten und mitzitterten. Seine Eltern fieberten am Fernseher mit. Vater Frank, einst selbst Bundesliga-Handballer beim THW, plant, zur Hauptrunde nach Polen zu kommen. Doch dafür muss die deutsche Mannschaft gegen Slowenien und zunächst Schweden Punkte einfahren. "Wir müssen stabiler spielen, schließlich wollen wir bei diesem Turnier noch lange dabei sein", sagt Dahmke. Das Premieren-Fieber soll nicht schon mit dem Ende der Vorrunde abgeklungen sein.

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