Stand: 29.01.2016 14:15 Uhr

Handballer Hens: Neustart in Hamburg ist möglich

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Dem Ex-Kapitän der HSV-Handballer liegen die jüngsten Ereignisse "noch schwer im Magen".

Der HSV Handball ist Geschichte. Der Insolvenz folgte die sofortige Abmeldung vom Bundesliga-Spielbetrieb. Seither ist für Pascal Hens, der 13 Jahre für die Hanseaten auflief, alles anders. Handball spielt er nur noch in Eigenregie. Doch der Weltmeister von 2007 schmiedet schon Pläne, wie es in Hamburg weitergehen kann. NDR.de hat mit dem 35-Jährigen gesprochen.

Herr Hens, Ihr Tagesablauf hat sich nach dem Aus des HSV Hamburg stark verändert. Jetzt ist viel Zeit für das Kleinkinderschwimmen mit der 15 Monate jungen Tochter oder das Handball-Training mit dem fünfjährigen Sohn. Genießen Sie das auch ein bisschen oder geht es in erster Linie darum, die Leere auszufüllen?

Pascal Hens: Es stimmt, als wir im normalen Spielbetrieb waren, war dafür nicht so viel Zeit. Natürlich ist das jetzt schön, all diese Sachen machen zu können. Die Kinder freuen sich darüber, dass der Papi mehr Zeit hat. Es ist aber auch so, dass ich lieber trainieren und beim HSV spielen würde. Es ist einfach sehr traurig, dass es den HSV nicht mehr gibt.

Ungläubigkeit, Wut, Enttäuschung, Verbitterung - da gibt es ja viele Stadien der Bewältigung. Wo genau befinden Sie sich gerade?

Das ist schwer zu sagen. Zweifellos ist es so, dass mir alles noch schwer im Magen liegt. Es ist ja nicht so, dass ich erst zwei Jahre hier gewesen wäre und ich mir dann eben etwas Neues suche. Ich habe 13 Jahre für den Verein gespielt. Ich komme zwar aus Mainz, aber ich bin sesshaft geworden in Hamburg. Seit 2003 lebe ich hier. Unsere Kinder sind hier geboren. Ich habe immer alles für den Verein gegeben, und auf einmal wurde der Stecker gezogen. Das ist ein sehr komisches Gefühl. Wo es hingeht, wie es weitergeht, möchte ich abwarten. Ich bin 35 Jahre alt, und ich möchte keinen Schnellschuss machen, um irgendwo unterzukommen.

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Es scheint auf eine Zukunft in Hamburg hinauszulaufen.

Ich fühle mich hier wohl, würde gerne in Hamburg bleiben und den Handball wieder vorantreiben. Die Handball-Begeisterung in der Stadt ist ja da. Ich bin der Meinung, dass dies jetzt nicht vorbei sein darf. Wir müssen versuchen, möglichst schnell etwas Neues auf die Beine zu stellen, ein Handball-Team nach vorne zu treiben, um dann vielleicht in ein paar Jahren wieder höherklassig spielen zu können. Jetzt sind wir in die Drittklassigkeit zurückgestuft worden. Das ist halt so. Nichtsdestotrotz kann man jetzt neu starten. Wenn alle an einem Strang ziehen, ist vieles möglich.

Als finanzstarke Unterstützer wurden schon die Namen der Unternehmer Alexander Otto und Jürgen Hunke genannt. Geht da etwas mit beiden oder mit einem von ihnen?

Dazu kann ich nichts sagen, weil ich es nicht weiß.

Gesetzt den Fall, Sie blieben in Hamburg: Würde man Sie dann in der Dritten Liga als Spieler sehen oder eher in einer anderen Funktion?

Ich plane noch gar nichts. Es ist so: Nach so vielen Jahren Handball in Hamburg habe ich mitbekommen, wie sich alles entwickelt hat, was möglich ist. Ich habe ein großes Feedback von den Fans bekommen. Die sind todtraurig. Sie sagen aber auch, dass das doch nicht vorbei sein dürfe und dass sie bereit seien, die U23 zu unterstützen. Da gilt es jetzt, die nächsten Tage und Wochen abzuwarten und zu schauen, was möglich ist.

Sehen Sie denn eine gute Perspektive für Handball in Hamburg?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe ja hautnah miterlebt, was hier passiert ist. Wir haben auf dem Rathaus-Balkon gestanden, und die Fans haben uns zugejubelt. Wir waren doch in den letzten Jahren in Hamburg die Mannschaft, die Titel gewonnen hat und sich dort oben feiern lassen durfte. Da hat man gemerkt, dass da eine Euphorie war, dass wir Fans haben. Wenn man einen Neustart machen muss, dann ist das halt so. Und es gibt da einige Gesichter des HSV, die dabei helfen könnten.

Torsten Jansen, langjähriger HSV-Profi und wie Sie Weltmeister 2007, wird da genannt.

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"Toto" ist zwar noch beim THW Kiel, aber er kam 2003 zum HSV und hat zwölf Jahre für diesen Verein gespielt. Er ist auch ein Gesicht des HSV. Da ist es egal, ob er ein Jahr in Kiel spielt. "Totos" Familie wohnt noch in Hamburg. Ich bin mir sicher, dass er Lust drauf hat, nach der Saison in Kiel in Hamburg etwas aufzubauen. Und da gibt es mehrere Beispiele: Johannes Bitter ist für ein halbes Jahr zum TVB 1898 Stuttgart gegangen. Aber der fühlt sich in Hamburg auch sehr wohl. Oder ein Stefan Schröder. Je mehr du hast, desto besser. Das Wichtigste ist, dass sich erst einmal alle einig werden, was sie wollen, und dann an einem Strang ziehen.

Eine Rückkehr nach oben in die Bundesliga ist allerdings schwierig. Ihr ehemaliger Verein SG Wallau-Massenheim ist nur ein Verein, der dies nicht geschafft hat.

Es wissen alle, dass es schwierig ist. In Hamburg hast du aber die Chance, die Möglichkeiten der Stadt zu nutzen. Sicher, Wallau hat es nicht geschafft, und da gibt es auch viele andere Beispiele. Dagegen hat es der SC DHfK Leipzig gepackt, relativ schnell nach oben zu kommen. Warum sollte es in Hamburg nicht wie in Leipzig laufen?

Wie sieht es aus mit Angeboten von anderen Clubs, bei diesen bis Saisonende auszuhelfen?

Ich werde in den nächsten Tagen schauen, ob da etwas kommt, bei dem ich sage: "Geil, da habe ich Bock drauf." Dann entscheide ich das mit meiner Familie.

Wie halten Sie sich fit?

Ich trainiere individuell und auch mit ein paar anderen Leuten, die noch hier sind, wie Stefan Schröder, Felix Mehrkens und Tim-Oliver Brauer. Wir telefonieren uns zusammen, machen gemeinsam Krafttraining, gehen Laufen. Und wir haben uns auch in die Halle gestellt und den Ball ein bisschen geworfen, damit die Schulter warm bleibt, damit man nicht komplett einrostet. Wir wollen nicht ganz raus sein aus dem Sport, weil sonst etwas fehlt. Wenn du den ganzen Tag überlegst, normalerweise hättest du Training gehabt und jetzt hockst du hier rum - das ist nicht gut. Der Körper drängt darauf, sich zu bewegen. Da sind wir in die Offensive gegangen und haben uns gequält - mehr oder weniger.

Sie betrachten die Lage schon wieder mit ein bisschen Humor.

Ich war immer schon ein Mensch, der positiv denkt. Ich habe nie gedacht, dass es hier vorbeigehen könnte. Es war leider nicht mehr zu retten. Jetzt geht es darum, nach vorne blicken. Ich werde mich nicht verstecken und dem Ganzen hinterhertrauen. Ändern kann ich es ohnehin nicht mehr.

Das Interview führte Christian Görtzen, NDR.de

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