Stand: 07.04.2015 11:40 Uhr

Albtraum Amateurfußball: Referees in Todesangst

von Gita Ekberg, Moritz Ekberg und Hanno Bode

"Man hat das Gefühl, es geht um Leben und Tod"

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Bittere Realität im Amateurfußball: Schiedsrichter werden verbal und zuweilen auch tätlich attackiert.

Einen Todesfall wie in den Niederlanden - dort wurde im Dezember 2012 der Schiedsrichterassistent Richard Nieuwenhuizen von drei 16-Jährigen so schwer verletzt, dass er kurz darauf im Krankenhaus verstarb - hat der deutsche Amateurfußball noch nicht zu beklagen. Die Quantität und Qualität der Gewalthandlungen hat im Laufe der Jahre aber zugenommen. Thaya Vester, Kriminologin an der Universität Tübingen, hat das Phänomen wissenschaftlich aufgearbeitet. Die 32-Jährige befragte mehr als 2.600 Schiedsrichter in Baden-Württemberg nach deren Erlebnissen. Das Ergebnis war erschreckend. "Knapp 40 Prozent haben über Bedrohungen gesprochen. Und zwar ernsthafte Bedrohungen, also nicht das Klassische: Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht, sondern eher in die Richtung: Da steht jemand auf dem Parkplatz und wartet nach dem Spiel. Um die 17 Prozent wurden in der Vergangenheit auch tatsächlich körperlich angegriffen", berichtet Vester. Sie ist selbst Fußballanhängerin und hat erlebt, wie Referees zu Opfern wurden. "Es ist eigentlich ein Sport, ein Hobby, aber trotzdem hat man das Gefühl, es geht um Leben und Tod", sagt die 32-Jährige.

Bundesliga-Profis als schlechte Vorbilder

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Dortmunds Coach Jürgen Klopp hat seine Emotionen am Spielfeldrand nicht immer im Griff.

Wie aber des Problems Herr werden? Zumal auch in der "Unterhaltungsindustrie" Fußball-Bundesliga Pöbeleien gegen Schiedsrichter zum Alltag gehören. "Die da oben - das sind Vorbilder. Die sind sich dessen gar nicht mehr bewusst. So etwas überträgt sich nicht nur in die Kreisklasse, sondern bis in den Jugendbereich hinein. Das ist das Schlimme an der ganzen Geschichte", meint Thomas Menzel aus dem Braunschweiger Kreisschiedsrichterausschuss. Der Deutsche Fußball-Bund weiß um den fehlenden Vorbild-Charakter vieler Profi-Coaches. Man arbeite im Eliteschiedsrichter-Bereich mit den Trainern und Organisationen dieser Trainer zusammen, um durch den Dialog zu einem "noch besseren Miteinander" zu kommen, erklärt DFB-Direktor Willi Hink. Einen Masterplan, wie die Gewalt gegen Schiedsrichter im Amateurbereich einzudämmen ist, gibt es in der Machtzentrale des deutschen Fußballs in Frankfurt am Main nicht.

"Coolness-Tage" wirklich ein Erfolgsmodell?

So müssen die Landesverbände und Tausende von Amateurclubs in mühevoller Arbeit versuchen, den respektvollen Umgang mit Unparteiischen sowie untereinander zu lehren. Ansätze gibt es einige. Beispielsweise den "Coolness-Tag" des HFV. Bei diesem Antigewalt-Training sollen Jugendliche und Erwachsene lernen, mit ihren Aggressionen umzugehen und Respekt für die Kontrahenten sowie Schiedsrichter zu entwickeln. Nicht ohne Stolz schreibt der Verband auf seiner Homepage von einem "Erfolgsmodell mit einem präventiven Charakter". Die meisten Teilnehmer dieser "Coolness-Tage" sind zuvor allerdings bereits verhaltensauffällig gewesen und durch das Sportgericht bestraft worden. Die Nachhaltigkeit dieses Antigewalt-Trainings ist noch nicht belegt. "Wenn man damit einen Perspektivwechsel erreichen kann, hab ich schon das Gefühl, dass das die Spieler zum Nachdenken anregt. Aber ob das für den Moment ist oder sich langfristig als Verhaltensänderung auswirkt, kann man so zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschätzen", sagt die Kriminologin Vester.

FairplayLiga: Kinderspiele ohne Schiedsrichter

Ein fraglos sehr hoffnungsvolles Projekt ist die sogenannte FairPlayLiga (FPL). Ralf Klohr hat sie 2007 erfunden, nachdem er Zeuge einer Schlägerei unter Erwachsenen bei einem Kinderspiel geworden war. Der Auslöser der Auseinandersetzung war eine angebliche Schiedsrichter-Fehlentscheidung. Die FPL basiert auf drei einfachen Verhaltensregeln. So wird bis in die D-Jugend ohne Referee gespielt, die Kinder entscheiden selbst. Ferner gibt es eine gemeinsame Coachingzone für beide Trainer. Die Übungsleiter sind angehalten, sich mit Anweisungen zurückzuhalten.

Zudem müssen Eltern und Fans einen Abstand von zirka 15 Metern zum Spielfeld halten. Jubeln ist erwünscht, einmischen und pöbeln verboten. Zu Beginn des Projekts gab es viele Skeptiker. Klohr hörte immer wieder, die Kinder seien ohne Schiedsrichter überfordert. Der 52-Jährige erwiderte: "Auf Millionen von Bolzplätzen in der Welt sind sie es nicht." Seine FairPlayLiga ist ein Erfolg. "Das Ziel, das sich die Verbände gesetzt haben, ist die bundesweite Umsetzung bis 2017", berichtet der langjährige Jugendleiter des SuS Herzogenrath stolz. Kinder als Vorreiter einer neuen Fußballkultur. Sie könnte eines Tages auch den Erwachsenen-Fußball verändern. Schiedsrichter wie Thomas Kahle müssten dann vielleicht bei der Ausübung ihres Hobbys nicht mehr um ihr Leben bangen.

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 01.06.2015 | 22:00 Uhr

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