Stand: 01.02.2016 09:00 Uhr

St. Pauli in der NS-Zeit: Kein Hort des Widerstands

von Andreas Bellinger, NDR.de
Spieler des FC St. Pauli nach einem Turnier in Karlsbad im Sudetenland im Juni 1939.

Der FC St. Pauli gilt als der etwas andere Verein. Das war mit Abstrichen auch in der Zeit des Nationalsozialismus so, in der sich der Kiezclub aus der Politik so gut es ging heraushielt. Trotzdem tat sich der Verein schwer mit der Aufarbeitung seiner NS-Vergangenheit. Eine der Kernfragen: Welche Rolle spielt der langjährige Präsident Wilhelm Koch, der im Dritten Reich auch NSDAP-Mitglied war? Teil vier der Serie über den Hamburger Fußball im Nationalsozialismus.

An Wilhelm Koch scheiden sich die Geister. Als der Hamburger Kaufmann am 10. Dezember 1969 starb, war er noch immer Präsident des FC St. Pauli. Geachtet und betrauert. Niemand schien sich daran zu stören, dass eben dieser 1931 gewählte Wilhelm Koch nicht nur über mehr als drei Jahrzehnte Vorsitzender und "Vereinsführer" des bürgerlich geprägten Kiezclubs war, sondern eben auch Mitglied in Adolf Hitlers NSDAP. Nur ein Jahr nach Kochs Tod wurde die Spielstätte auf dem Heiligengeistfeld nach ihm benannt und wahrscheinlich hieße sie noch heute so, wenn es nicht den Antrag eines Fans gegeben hätte, aus dem "Wilhelm-Koch-Stadion" wieder das "Millerntor-Stadion" zu machen.

Fans gegen Rassismus und Gewalt

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Dass die Angelegenheit bei der Jahreshauptversammlung erst 1997 erstmals auf die Agenda kam, hat sicher auch etwas damit zu tun, dass beim FC St. Pauli das Interesse an der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit bis dahin nicht sonderlich ausgeprägt war. Das verwundert, schließlich erlangte der Club nicht zuletzt durch das politische Engagement seiner Fans große Popularität. Ende der 1980er-Jahre sorgte die aus den besetzten Häusern der Hafenstraße stammende Szene dafür, dass 1991 eine Stadionordnung vom FC St. Pauli verabschiedet wurde, die rassistische und rechte Gesänge sowie Transparente untersagt. Der Verein war damit Vorreiter in Deutschland. Rechte Symbole wie etwa die Reichskriegsflagge waren bei den Pauli-Fans eine absolute Ausnahme.

Spätes Gutachten über NS-Vergangenheit

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Die zerbombte Reeperbahn mit der alten Turnhalle auf dem Heiligengeistfeld und dem Sportplatz des FC St. Pauli (rechts oben).

Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit während der NS-Zeit begann aber erst, nachdem René Martens sein Buch "FC St. Pauli. You’ll never walk alone" (Göttingen 1997) herausgebracht hatte. Der Verein zog zu seinem 100-jährigen Bestehen 2010 mit einer umfangreichen Studie nach, die der Historiker Gregor Backes unter dem Titel "Mit deutschem Sportgruß, Heil Hitler! - Der FC St. Pauli im Nationalsozialismus" veröffentlichte. Schon vorher sollte ein Gutachten klarstellen, welche Rolle Koch im Dritten Reich tatsächlich gespielt hatte.

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