Stand: 19.05.2013 15:00 Uhr  | Archiv

HSV: Eine Saison mit vielen Fragezeichen

von Bernd Schlüter, NDR.de
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Häufig eher enttäuscht als glücklich: Dennis Diekmeier (l.) und Marcell Jansen vom Hamburger SV.

Seine offiziell verkündeten Ziele hat der Hamburger SV allesamt erreicht: frühzeitiger Klassenerhalt, einstelliger Tabellenplatz, 48 Punkte. Für einen Großteil der HSV-Fans war das nach dem dramatischen Abstiegskampf im Jahr zuvor und dem katastrophalen Start in die Saison 2012/13 mit drei Punktspiel-Niederlagen und dem peinlichen Pokal-Aus bei Drittligist Karlsruher SC fast schon Anlass zur Glückseligkeit. Im Frühjahr keine Angst um den einzigartigen Status des Bundesliga-Dinos haben zu müssen, war für sie schon ein Erfolg. So schnell kann sich die Anspruchshaltung im Umfeld eines Fußball-Vereins verändern. Da überrascht es auch nicht, dass die HSV-Profis nach dem 0:1 zum Abschluss gegen Bayer Leverkusen mit Applaus in die Sommerpause verabschiedet wurden. Sie waren letztlich nicht gut genug, um die Europa League zu erreichen, hatten aber noch einmal alles gegeben - und das wurde honoriert.

So soll der neue HSV aussehen

Zu passiv für die Europapokal-Qualifikation

Angesichts der Bilanzen gegen die direkte Konkurrenz aus Schalke, Freiburg und Frankfurt (ein Sieg, ein Remis, vier Niederlagen) steht der HSV dort, wo er hingehört. Dennoch bleiben an der nun beendeten Saison Makel hängen. Erstens haben die Hamburger etwa 25 Millionen Euro für Neuzugänge ausgegeben und trotz eines vor Jahresfrist verkündeten Sparkurses einen hohen Schuldenberg aufgetürmt. Und zweitens hatten die Hamburger trotz aller Probleme eine gute Chance, sich für das internationale Geschäft zu qualifizieren. Aber sie haben diese Gelegenheit mit teilweise erschreckend passiven Auftritten geradezu verschenkt: in der Hinrunde beispielsweise gegen Nürnberg (0:1), Bremen (0:2) und Düsseldorf (0:2), in der Rückrunde gegen Nürnberg (1:1), Hannover (1:5) und Augsburg (0:1). Nicht zu vergessen ist zudem das Neun-Tore-Schützenfest des FC Bayern München gegen an diesem Tage willenlose Hanseaten. Auf der anderen Seite stehen Leistungen wie beim sensationellen 4:1 in Dortmund, als die HSV-Profis aufblitzen ließen, wozu sie in der Lage sind. Trainer Thorsten Fink darf sich bestätigt sehen. Fast schon gebetsmühlenartig hatte er im Laufe der Saison wiederholt, dass seiner Mannschaft die Konstanz fehle.

Noch immer lässt die Mannschaft keine Handschrift erkennen

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Trainer Thorsten Fink (l.) und Sportchef Frank Arnesen müssen sich Kritik gefallen lassen.

Da allerdings müssen einige Fragen erlaubt sein: Warum fehlt es einer Mannschaft mit so erfahrenen Spielern wie René Adler, Heiko Westermann, Marcell Jansen und Rafael van der Vaart an Stabilität? War es möglicherweise ein Fehler, im vergangenen Sommer mit David Jarolim die personifizierte Konstanz zum FC Évian abzuschieben, obwohl Fink den Tschechen gern behalten hätte? Warum präsentierte sich der HSV bis zur 13 Millionen Euro teuren Rückhol-Aktion von van der Vaart wie ein Absteiger? Und welchen Anteil hat der Coach am Auf und Ab der Hamburger? Obwohl Fink seit nunmehr 59 Bundesligaspielen beim HSV in der Verantwortung steht, scheint er noch immer keine Stammformation und keine taktische Marschroute gefunden zu haben. Spieler rotieren in die Startelf rein und wieder raus. Mal setzt er auf Ballbesitz, mal auf Konterspiel. Und vor allem bei Standardsituationen brennt es im eigenen Strafraum lichterloh. Die Erfahrung der vergangenen Jahre aber zeigt, dass Mannschaften in der Bundesliga erfolgreicher spielen, wenn sie eine klare Spielphilosophie haben und diese auch konsequent umsetzen.

René Adler überzeugt auf ganzer Linie

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Weltklasse: HSV-Keeper René Adler.

Freilich hat sich auch einiges zum Guten verändert. Trotz seiner eher mäßigen Bilanz genießt Fink im Verein eine Rückendeckung, die man an der Elbe seit Jahren keinem Trainer geboten hat. Dieser Anflug von Kontinuität kann für den HSV eine große Chance sein, solange der Blick auf die Arbeit kritisch bleibt. Außerdem hatte der Einkauf von van der Vaart trotz der hohen Kosten und seinen eher durchschnittlichen Leistungen den erhofften Effekt: Mit dem Niederländer kehrte die Freude am Fußball in den Volkspark zurück. Und darüber hinaus hat Sportchef Frank Arnesen mit der Verpflichtung von Adler auch einen guten Transfer gemacht: Der 28-Jährige gehört zu den besten Torhütern der Welt und hat mit seinen Paraden einige Punkte festgehalten. Ebenfalls einen guten Eindruck hinterlassen haben die Neuzugänge Milan Badelj im Mittelfeld und Stürmer Artjoms Rudnevs, der es trotz technischer Mängel mit Fleiß und Torriecher auf zwölf Saisontreffer gebracht hat. Weniger fruchtbar waren bisher hingegen die Engagements von Petr Jiracek und Maximilian Beister. Zudem bleibt in puncto Kaderplanung hängen, dass es Arnesen wieder nicht gelungen ist, teure Reservisten wie Gojko Kacar und Marcus Berg von der Gehaltsliste zu bekommen, und dass dem HSV ein Spieler wie St. Paulis Max Kruse durch die Lappen gegangen ist.

Fazit: Besserung ist erkennbar, aber der Druck wird steigen

Letztlich ist die Saison 2012/13 nur sehr schwer zu bewerten. Immerhin war es besser als im Jahr davor, die ganz große Aufbruchstimmung aber konnten Arnesen, Fink und Co. nicht entfachen. Noch immer haben die Hamburger die Nachwirkungen der Hoffmann-Ära nicht überwunden: Der Verein hat finanzielle Sorgen und leidet unter Alt-Verträgen. Schon jetzt ist der Druck im Hinblick auf die neue Saison groß, weil angesichts der Schieflage der Europapokal erreicht werden muss. Zudem scheinen sich Mannschaft und Fans noch immer nicht vom tief sitzenden Pessimismus befreit zu haben, der seit den epischen Halbfinal-Niederlagen gegen Werder Bremen im Frühjahr 2009 auf ihnen lastet. Gelingt es den Hanseaten, diesen Ballast endlich loszuwerden, kann die abgelaufene Spielzeit eines Tages als "Konsolidierung" angesehen werden. Bleibt das Hamburger Trikot aber weiterhin "ein paar Kilogramm schwerer als zum Beispiel in Frankfurt", wie Westermann nach dem Leverkusen-Spiel betonte, wird auch diese Saison nur ein Umbruch zwischen zwei weiteren Umbrüchen bleiben.

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