Stand: 24.11.2015 11:01 Uhr

Streit beendet: St. Pauli übernimmt Vermarkter

von Patrick Gensing
Für das Weihnachtsgeschäft kommt der Deal zu spät: Erst ab Januar darf Zweitligist FC St. Pauli seine Fanartikel komplett selbst vermarkten.

Sportlich steht Fußball-Zweitligist FC St. Pauli trotz der jüngsten Niederlage in München gut da, auch die wirtschaftlichen Zahlen, die der Kiezclub vor einer Woche verkündete, waren positiv. Nun gibt es erneut gute Nachrichten vom Millerntor. Der Club übernimmt nach einer außergerichtlichen Einigung ab dem 1. Januar 2016 die Vermarktungsfirma upsolut, an die der Verein seine Merchandise-Rechte verkauft hatte. Ab dem neuen Jahr will St. Pauli den Erlös aus dem Verkauf von Fanartikeln vervielfachen - wohl in Zusammenarbeit mit den Fans.

Kaufpreis knapp 1,3 Millionen Euro

Bislang hält St. Pauli lediglich zehn Prozent der Anteile der upsolut GmbH und erhält 20 Prozent der Erlöse aus dem Verkauf von Fan-Utensilien. Im Geschäftsjahr 2015 verzeichnete upsolut einen Umsatz von 8,5 Mio. Euro und einen Ertrag nach Steuern von einer halben Million Euro. Für St. Pauli blieben da - trotz der enormen Popularität des Clubs - lediglich Peanuts. Damit ist bald Schluss. 1,26 Millionen Euro investiert der Verein in den Kauf der "restlichen" 90 Prozent der Anteile von upsolut. Damit wird auch ein jahrelanger Rechtsstreit zwischen Verein und der GmbH beendet, der seit 2010 bereits das Landesgericht sowie das Oberlandesgericht Hamburg beschäftigt und beiden Parteien viel Geld, Nerven und Ressourcen gekosten hat. Eine Stellungnahme von upsolut selbst liegt bislang nicht vor.

"Reclaim your rights"

Dies sei ein weiterer wichtiger Schritt zur Unabhängigkeit des Vereins, sagte St. Pauli-Präsident Oke Göttlich. Angelehnt an die Fan-Parole "Reclaim your game" verkündete Göttlich, dass sich der Verein seine Rechte zurückhole: "Reclaim your rights", laute das Motto. Vizepräsident Joachim Pawlik, der für den Verein die Einigung mit upsolut federführend begleitet hat, betonte, St. Pauli mache ein gutes Geschäft. Die Bewertung von upsolut liege bei 1,4 Millionen Euro. Die vereinbarten 1,26 Millionen Euro sollen in zwei Raten fließen; die erste wird zum Jahresende fällig, den Rest muss St. Pauli im August 2016 bezahlen. Das Geld nehme man aus Ansparrücklagen und laufender Liquidität, der Erlös aus dem Halstenberg-Transfer (für etwa drei Millionen nach Leipzig) spielten keine Rolle.

Kreativpotenzial der Fans

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St. Paulis Geschäftsführer Andreas Rettig (l.) und Präsident Oke Göttlich.

Der Verein verweist darauf, dass laut einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey der Bereich Merchandise in der Fußball-Bundesliga in den kommenden fünf Jahren um 60 Prozent wachsen werde. Davon will St. Pauli profitieren - und denkt darüber nach, die Fans mit ins Boot zu holen, weil die über das größte Kreativpotenzial verfügten. In der Winterpause will die Vereinsspitze mit den diskussionsfreudigen Gremien im Verein beraten. "Wir haben noch ein paar Fragezeichen", räumte Geschäftsführer Andreas Rettig ein. Dabei gehe es auch um die Frage, inwieweit die Vermarktung internationalisiert werden könne. Dazu braucht der Verein aber wohl Partner, die auf dieses Gebiet spezialisiert sind und über die entsprechende Infrastruktur verfügen. Der Anfang des Jahres abgeschlossene Deal mit der Mediengruppe RTL spiele dabei keine Rolle.

Der Verein kauft die Merchandise-Anteile und übernimmt damit auch deutlich mehr Verantwortung. Denn upsolut beschäftigt bislang rund 80 Mitarbeiter - inklusive aller Aushilfen. Sämtliche Verträge sollen zu gleichen Konditionen weiterbestehen, versicherte St. Pauli-Vize Pawlik.

"Endlich sind wir eine Modemarke"

Präsident Göttlich bezeichnete die Übernahme von upsolut als wichtige Voraussetzung, um ein substanzielles Fundament für die Zukunft des FC St. Pauli zu legen. "Wir grenzen uns auch durch unsere Stärken ab, um unsere Werte zu verteidigen." Wäre der Verein in der vergangenen Saison in die Dritte Liga abgestiegen, hätte man unangenehme Maßnahmen umsetzen müssen, so Göttlich. Und tatsächlich hatte St. Pauli seine Merchandise-Rechte im Jahr 2004 nur deshalb für 30 Jahre verscherbelt, weil der Verein auf jeden einzelnen Cent gegen den Bankrott angewiesen war. Geschäftsführer Rettig nannte vor diesem Hintergrund den Erhalt von Werten des Vereins einen Luxus, den man sich erarbeiten müsse. Nur dann könne man selbstbestimmt handeln.

Die Übernahme von upsolut sei vorerst der letzte große Brocken gewesen auf dem Weg zur Unabhängigkeit, sagte Göttlich - und fügte augenzwinkernd hinzu: Nun sei St. Pauli das, wofür viele den Verein etwas spöttisch ohnehin schon lange halten: "Endlich sind wir auch eine Modemarke!"

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